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Serhij Zhadan mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022 ausgezeichnet

Der ukrainische Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Musiker Serhij Zhadan ist heute mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 600 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Kulturstaatsministerin Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sowie die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Die Laudatio hielt Autor*in, Theatermacher*in und Kurator*in Sasha Marianna Salzmann.

In seiner Dankesrede schildert Zhadan die schmerzhafte Erfahrung, wie der Druck des Krieges Sprache in ihrer gewohnten Form beschädigt. Was tun, fragt er, wenn Wörter das, was passiert, nicht mehr erklären können? Es sei unerträglich, die Sprache als vertrautes Mittel der Verständigung zu verlieren.

„Wie soll man über den Krieg sprechen? Wie soll man mit den Intonationen umgehen, in denen so viel Verzweiflung, Wut und Verletzung mitschwingt, zugleich aber auch Stärke und die Bereitschaft, zueinander zu stehen, nicht zurückzuweichen? Ich glaube, das Problem mit der Formulierung der zentralen Dinge liegt derzeit nicht nur bei uns – die Welt, die uns zuhört, tut sich manchmal schwer, eine einfache Sache zu verstehen – dass wir, wenn wir sprechen, ein hohes Maß an sprachlicher Emotionalität, sprachlicher Anspannung, sprachlicher Offenheit zeigen. Die Ukrainer müssen sich nicht für ihre Emotionen rechtfertigen, aber sicher wäre es gut, diese Emotionen zu erklären. Warum? Schon allein deshalb, damit sie den Zorn und den Schmerz nicht länger allein bewältigen müssen.“

Seine Rede ist der Versuch einer Erklärung gegenüber Menschen, die den Krieg aus der Ferne beobachten – auch indem er von den Lebensrealitäten seiner Landsleute vor Ort berichtet. Das Problem, das er schildert, ist kein rein sprachliches, sondern auch ein ethisches. Zhadan fragt, ob die Welt bereit sei, um „fragwürdiger materieller Vorteile und eines falschen Pazifismus Willen“ ein weiteres Mal „das totale, enthemmte Böse zu schlucken“.

„Frieden sollte doch die Sache sein, die uns zur Verständigung führt“, sagt er. „Warum werden die Ukrainer dann so oft hellhörig, wenn europäische Intellektuelle und Politiker den Frieden zu einer Notwendigkeit erklären? Nicht etwa, weil sie die Notwendigkeit des Friedens verneinen, sondern aus dem Wissen heraus, dass Frieden nicht eintritt, wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt. (…) Was sollten sie denn nach Meinung der Anhänger eines um jeden Preis schnell geschlossenen Friedens tun? Wo sollte für sie die Grenze zwischen einem Ja zum Frieden und einem Nein zum Widerstand verlaufen?“

Zhadan weiter: „Wenn wir jetzt, im Angesicht dieses blutigen, dramatischen und von Russland entfesselten Krieges über Frieden sprechen, wollen einige eine simple Tatsache nicht zur Kenntnis nehmen: Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Es gibt verschiedene Formen eines eingefrorenen Konflikts, es gibt zeitweilig besetzte Gebiete, es gibt Zeitbomben, getarnt als politische Kompromisse, aber Frieden, echten Frieden, einen Frieden, der Sicherheit und Perspektive bietet, gibt es leider nicht. (…) Wir unterstützen unsere Armee nicht deshalb, weil wir Krieg wollen, sondern weil wir unbedingt Frieden wollen.“

Sasha Marianna Salzmann betont in der Laudatio, dass Literatur zwar keinen Krieg beenden könne, wohl aber die Welt in sich zusammenhalte, indem sie uns die „Innenseite des Menschlichen“ erfahren lasse. Serhij Zhadan gelinge dies in seinem Werk insbesondere durch die Nähe zum Erleben der geschilderten Personen. „Zhadan, der uns in seinem Werk so viele unterschiedliche Biografien wie nur möglich vergegenwärtigt, wählt nie die Vogelperspektive. Wir werden in seinem Blick keine Distanz erkennen. (…) In einer Zeit, in der Worte, Positionen, Urteile uns wundreiben bis aufs Fleisch, schafft dieser Dichter Momente des Aufatmens durch radikale Menschlichkeit. (…) Jeder einzelne von Zhadans Texten wird bestimmt von der Haltung des Dialogs, der Auseinandersetzung mit seiner Außenwelt.“

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins, betont, dass der Stiftungsrat mit seiner Entscheidung für den Friedenspreisträger in Zeiten des Krieges in Europa ein Zeichen setzen wollte. Zhadans Werk habe sprachlich, literarisch und musikalisch begeistert, zugleich sei sein Engagement für die Menschen in seiner Heimat zutiefst beeindruckend: „Danke, lieber Serhij Zhadan, dass Sie uns mit Ihrer Dichtung auf die wesentlichen Fragen zurückwerfen, uns herausfordern, verunsichern. Danke, dass Sie die lange Reise auf sich genommen haben, weg von Ihren Landsleuten, um die Sie sich sorgen und für die Sie unermüdlich da sind – unter Einsatz Ihres Lebens! Danke für Ihre Romane, Ihre Gedichte, Ihre Musik. Das Zeugnis, das Sie ablegen. Über den Krieg.“

Auch Kulturdezernentin Ina Hartwig betont die besondere Rolle, die Literatur bei der Vermittlung von Wahrheit einnimmt: „Die Wahrheit der Literatur ist etwas anderes als die der Medien. Poesie und Prosa sind vielschichtiger, widersprüchlicher, mitunter auch hermetischer. Sie sprechen zu uns auf andere Weise, berühren uns anders, tiefer.“

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren unter anderem Sebastião Salgado, Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Liao Yiwu, Navid Kermani, Margaret Atwood, Aleida und Jan Assmann und im vergangenen Jahr Tsitsi Dangarembga. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Die Reden von Serhij Zhadan und Sasha Marianna Salzmann sind abrufbar unter: www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Friedenspreis 2022 Serhij Zhadan c Tobias Bohm KLEIN Pressebild
Friedenspreis 2022 Serhij Zhadan (c) Tobias Bohm KLEIN Pressebild
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