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Nachlese zum 50. Seminar des Verbandes Deutscher Antiquare in Berlin von 5. bis 8. Mai 2022

40 angemeldete Teilnehmer:innen und sogar eine Warteliste ließen schon im Vorfeld die Freude über das lange ersehnte Wiederstattfinden des Seminars erahnen. Nach der beinahe zweijährigen coronabedingten Pause und Ortsverschiebung war die Wiedersehensfreude allen Teilnehmerinnen bei der Begrüßung in Adlershof in Berlins Osten am Donnerstagmittag deutlich anzusehen. Mit dem abwechslungsreichen Programm der folgenden Tage erkundeten die Seminarteilnehmerinnen nicht nur Sammlungen, die mal hinter Prachtfassaden, mal in simplen Wohnhäusern oder durch Innenhöfe zu erreichen waren, sondern bekamen auch einen Eindruck der gewaltigen Dimensionen des Berliner Stadtgebietes. Nicht nur Nichtberlinerinnen entdeckten dabei neue Orte – der schöne Nebeneffekt: Architektur-Spaziergänge und Wegstrecken von einem Programmpunkt zum nächsten boten die Gelegenheit zu nun lange zu kurz gekommenen Gesprächen und dem persönlichen Austausch.

Der erste Programmpunkt war der Schriftstellerin Anna Seghers (1900–1983) gewidmet: Die Wohnung war der Wahlberlinerin von 1955, nach zahlreichen Exilstationen, bis zu ihrem Tod im Jahr 1983 Zuhause und Arbeitsplatz. Zeitkapselartig bot sich ein Einblick in ihr Leben als überzeugte, wenn auch subtil Kritik übende bzw. Freunde loyal unterstützende DDR-Bürgerin. Während Doreen Kähler durch die Räumlichkeiten der Wohnung führte, schilderte Susanne Thier die archivarischen Aspekte der Nachlassbetreuung der Bibliothek.

Nach dem Besuch des Sowjetischen Ehrenmals, einem monumentalen und vor allem durch die jüngsten Ereignisse wieder hochbrisant gewordenen Ort der Erinnerungskultur im weitläufigen Treptower Park, klang der erste Seminartag nach einem Spaziergang entlang der Spree bei lauen Temperaturen und letzten Sonnenstrahlen im Segelschiffrestaurant Klipper aus.

Ein Highlight war definitiv der Besuch der Staatsbibliothek zu Berlin am Prachtboulevard »Unter den Linden«am Freitag. Mit viel Begeisterung und buchkundlichem Fachwissen folgte auf den ersten, dem 20. Jahrhundert gewidmeten, Halbtag nun eine kleine Zeitreise. Zunächst führte Prof. Eef Overgaauw mit ausgewählten Originalen durch die Geschichte der Bibelhandschriften, neben der über 20 kg schweren Touronenser Vollbibel hin zur handlich-filigranen aber ohne Lupe schwer lesbaren sog. Pariser Bibel. Handschriftliche Rubrizierungen und Initialen waren als Zeugen des Übergangs von der Handschrift zum gedruckten Buch auch in einigen der von Dr. Falk Eisermann vorgestellten Inkunabel-Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre anzutreffen. Neben tatsächlichen Neuerwerbungenfand mit Ciceros »De oratore« von 1485 auch eine vormals ausgeschiedene Dublette aus Texas wieder ihren Weg zurück nach Berlin. Wie vielfältig Erwerbungsgründe sein können, zeigte sich anhand des Biblia aurea-Druckes von Antonius de Rampegollis. Das im Kolophon genannte Datum 31. Dezember 1500 lieferte den entscheidenden Überzeugungsinput für den Ankauf als am letzten Tag der Inkunabelzeit gedrucktes Buch – Beliebigkeit dieser begrifflich-temporalen Klammer hin oder her.

Mit einem medialen, zeitlichen und lokalen Sprung ging es am Nachmittag in Dahlem mit Malerei und Druckgraphik weiter. Das Kunsthaus Dahlem zeigt eine kleine Schau des Künstlers Hans Uhlmann (1900–1975), der als Freund Johanna »Jeanne« Mammens (1890–1976) auch im Vortrag von Dr. Martina Weiland nochmal Eingang fand. Dazwischen konnte man die Zeit für einen Gang durch die Ausstellung »Brücke 1910 – Kunst und Leben« mit Werken von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), Erich Heckel (1883–1970), Max Pechstein (1881–1955), Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) u.a. im gleich nebenan gelegenen Brücke-Museum nutzen und einen Einblick in das Schaffen der Künstlergemeinschaft um 1910 bekommen.

Zwischen Botschaftsgebäuden und mondänen Villen ging es anschließend entlang der Clayallee ins Ristorante Macchiavelli, in dem der Tag kulinarisch endete.

Der Samstag stand fast gänzlich im Zeichen des Philosophen und Gelehrten Moses Mendelssohn (1729–1786), im Brotberuf Buchhalter, Geschäftsführer und später Teilhaber in einer Seidenfabrik, der eine prägende Figur der aufgeklärten Berliner Gelehrtenwelt darstellte und u. a. mit Lessing befreundet war. Zunächst mit Führungen durch die aktuelle Ausstellung des Jüdischen Museums, einer eindrucksvollen Symbiose aus Alt und Neu in Form eines barocken Stadtpalastes und einem zickzackförmigen, bemerkenswerten silbergrauem Neubau von Daniel Libeskind. Danach und örtlich nun in der gleichnamigen Remise schilderte Thomas Lackmann die Bibliotheks-, Lese- und Publikationswelt Mendelssohns. Der Berlinbezug blieb weiter erhalten, wenn auch mit einem Sprung ins 20. Jahrhundert. Kurzweilig stellte Michael Bienert die Schriftstellerin Irmgard Keun (1905–1982) und ihr »Kunstseidenes Mädchen« im Kontext des historischen Berlins der pulsierenden 20er Jahre vor, ein Vortrag, der wohl einige unter uns nun zum Lesen des Werkes motiviert hat.

Der finale Seminartag hielt mit der Führung durch die Ausstellung »Hannah Höch – Abermillionen Anschauungen« im Bröhan-Museum noch ein abschließendes Highlight bereit. Die Schau widmet sich einerseits den bekannten Collagearbeiten andererseits wurde die Collage in ihrem Oeuvre nicht nur als Arbeitsform sondern vielmehr als Denk- und Kompositionsmuster thematisiert. Als kulinarisch krönender Abschluss fand die Verabschiedung bei kleinen Häppchen und einem Gläschen Wein im eleganten Innenhof des Museums statt.

Das Résumé: Wieder einmal ist das Seminar viel zu schnell vorüber gegangen und war dank der hervorragenden Planung und Auswahl der Programmpunkte nicht nur im Sinne des 50. Stattfindens ein Jubiläum gewesen – an dieser Stelle ein herzliches Danke an Alexis Cassel und Dr. Markus Brandis für die wunderbare Organisation! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen nächstes Jahr in München.

Zur Fotogalerie.

Text: Elena Jakobi

Seminar Berlin Verband der Antiquare Österreichs
Wohnung von Anna Seghers.
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