Werbung
mk Flyer kl

Archive des Schreibens: Lydia Mischkulnig

„Archive des Schreibens“ ist ein filmisches Archiv österreichischer Gegenwartsliteratur, das in Kooperation zwischen dem ORF und dem Gastlandprojekt Österreich bei der Leipziger Buchmesse 2023 entstanden ist. Die Autor:innen sprechen über sich selbst, ohne dass jemand ihre Arbeit von außen kommentiert. Die neue Folge dreht sich um Lydia Mischkulnig.

Seit fast drei Jahrzehnten zählt die gebürtige Kärntnerin Lydia Mischkulnig zu den Fixpunkten des heimischen Literaturlebens. Eine breite Palette an Romanen und Erzählungen zeugt von einem reichen Werk, das u.a. mit dem Manuskripte-Preis und dem Veza-Canetti-Preis ausgezeichnet wurde. Sie selbst sagt über sich, „Hinnehmen“ könne sie ganz schlecht. Das zeigt sich in ihrer Sprache, die sich gegen Phrasen und geläufige Formulierungen sperrt.

Von Klagenfurt, wo sie am 2. August 1963 geboren wurde, ging sie zum Bühnenbildstudium nach Graz und weiter nach Wien an die Filmakademie. Weder das Theater noch der Film wurden ihre künstlerische Heimat – das wurde die Literatur. Über das Verfassen von Drehbüchern kam sie zur Prosa. „Manchmal habe ich mir gedacht, ich löse mich fast auf in den Werken von anderen“, erzählt sie im „Archive des Schreibens“-Gespräch über ihre literarischen Anfänge.

1994 erschien ihr Debüt „Halbes Leben“, in dessen Mittelpunkt ein Bestattungsunternehmer steht, dessen linkes Bein nach einem Autounfall abgenommen werden muss. Zwei Jahre später nahm Mischkulnig beim Bachmann-Lesewettbewerb in ihrer Heimatstadt teil und errang den Bertelsmann-Preis. Der Preis brachte erste internationale Anerkennung, aber keine dauerhafte Existenzgrundlage.

Was folgte, war ein „Durchwurschteln“ mit Preisen, Unterrichten, Stipendien, Lesungen und Auftragsarbeiten, sagt Mischkulnig. Immerhin: Der Roman „Hollywood im Winter“ (1996) und der Erzählband „Sieben Versuchungen“ (1998) wurden von der Kritik sehr positiv aufgenommen und etablierten sie in einem Betrieb, der allerdings auch in regelmäßigen Abständen Neues verlangt. Mischkulnig lieferte, oft im Zwei-Jahres-Takt.

Romane wie „Umarmung“ (2002), „Schwestern der Angst“ (2010), „Vom Gebrauch der Wünsche“ (2014) oder „Die Richterin“ (2020), mit dem sie die Spitze der ORF-Bestenliste erklomm, und Erzählbände wie „Die Paradiesmaschine“ (2016) oder zuletzt „Die Gemochten“ (2022) erzählen von Frauenleben zwischen harter Realität und träumerischen Aufbrüchen, von verwunschenen Welten und dem vom Menschen geschaffenen Horror. Flott und flockig, einfach und leicht konsumierbar ist das nicht.

Mischkulnig erweist sich in den nie eindeutigen Geschichten der „Gemochten“ als durch und durch heutige Erzählerin, nicht nur weil wir „menstruierenden Menschen“ begegnen und Männer bei der unverfänglichen Formulierung ihrer Kurznachrichten höllisch aufpassen müssen. Im „Archive des Schreibens“-Gespräch sagt sie: „Hinnehmen, ich glaube, das kann ich ganz schlecht.“ Nachsatz: „Ich muss verstehen.“

Das gilt auch für ihre Sprache, die sich gegen geläufige Wendungen und gewohnte Formulierungen sperrt: In den „Gemochten“ muss man Sätze bisweilen mehrfach lesen bis sie sich erschließen. Dahinter steht aber der Anspruch, die komplizierte Gegenwart einzuordnen: Mischkulnig unterschätzt ihre Leserinnen und Leser nicht, stellt sich in der Wirklichkeitsbeschreibung und versucht, dieser auch im Ausdruck gerecht zu werden.

Zu sehen ist Lydia Mischkulnig im neuesten Porträt der ‚Archive des Schreibens‘-Reihe im ORF-Topos-Player unter folgendem Link: https://topos.orf.at/archive-des-schreibens-lydia-mischkulnig100

Text: flob, Agenturen