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Archive des Schreibens: Bettina Balàka

Im Rahmen des Gastlandauftritts Österreichs auf der Leipziger Buchmesse 2023 entsteht in Kooperation mit dem ORF-Fernsehen unter dem Titel „Archive des Schreibens“ ein filmisches Archiv österreichischer Gegenwartsliteratur, das zeitgenössische österreichische Autor:innen in ästhetisch wie inhaltlich anspruchsvoll gestalteten Kurzporträts einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. In der neuen Folge ist Bettina Balàka zu sehen.

Bettina Balàka kann, was viele wollen – Literatur schreiben, die „E“ und „U“ gleichzeitig ist. Mit leichtfüßigem Ton und plastischen Bildern geht die gebürtige Salzburgerin an historische Stoffe heran. Und lässt es gerne kreuchen und fleuchen.

Tauben picken, gurren und balzen und genießen die Dusche aus den städtischen Regenrinnen, als wären es „Wasserfälle aus gurgelndem Bergquell“ („Die Tauben von Brünn“, 2020); in den Donau-Auen tummelt sich eine Bande wendiger, wilder karotten- und allesfressender Biber – so geschehen im Kinderumweltkrimi „Dicke Biber“ (2021). Balàka hat, das lassen ihre Bücher erkennen, ein Herz für „Kreaturen, die keine Stimme haben“, so Balàka im „Archive des Schreibens“-Gespräch.

Aber auch angesehenere Gefährten aus der Fauna kommen bei ihr zu literarischen Ehren: In ihrem hochgelobten „Unter Menschen“ schnüffelte ein Jack-Russel-Straßenköter-Mix als aufgeweckter Protagonist über die Bücherseiten und wunderte sich über die Schrulligkeiten seiner menschlichen Gefährten.

Die 1966 in Salzburg geborene Balàka ist vielen seit ihrem Auftritt am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2004 ein Begriff. Mit Wörtern wie „Leichtfüßigkeit“ oder „federleichte Sprache“ wird ihr Schreiben immer wieder in Verbindung gebracht. Auch vermeintlich „schwierige“, trockene Stoffe lässt Balàka schillern.

„Ich versuche beim Schreiben immer verschiedenste Standpunkte einzunehmen, zum Teil ganz nah heranzugehen, an Situationen, an Details, und dann wieder einen Überblick von oben zu gewinnen“, so beschreibt sie im „Archive des Schreibens“-Gespräch ihr Rezept. Auf die Vogelperspektive folgt also der Zoom rein ins Detail, etwa in die Stubenküche, um mit der Mehlspeise Scheiterhaufen Stimmung entstehen zu lassen, sodass man ihn förmlich riechen kann, mit seinen „in Eiermilch gebackenen Kipfeln“.

Als „extrem neugierig“ beschreibt sich die Autorin, und so erklärt sich auch ihr breites Themenspektrum. In „Kassiopeia“ (2012) führte eine tragikomische Liebesgeschichte nach Venedig, mit dem Krimi „Die Prinzessin von Arborio“ (2016) ließ sie eine Witwe zur Mörderin werden. Nicht zuletzt sind es aber historische Stoffe, denen sie sich immer wieder zuwendet: Ihr Roman „Eisflüstern“ (2009) ist nicht nur die Geschichte eines Kommissars, der zurück aus der Kriegsgefangenschaft in Sibirien eine Mordserie zu lösen hat, sondern zugleich ein Epos über das verarmte Wien der frühen Zwanzigerjahre.

Der Erzählband „Auf offenem Meer“ (2010) handelte von „kleinen Helden und großen Feiglingen“ aus mehreren Epochen, von einem britischen Uhrmacher Mitte des 18. Jahrhunderts, der das Längengradproblem gelöst hat; oder vom sowjetischen Biologen Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der, weil seine Theorien der Planwirtschaft widersprachen, zum Tode verurteilt wurde.
Auf die Tauben folgt der Zauberer

Das Wien der Gründerzeit nahm sie sich in ihrem letzten Roman vor, in „Die Tauben von Brünn“: Die Geschichte erzählt den süffigen, wahren Fall eines grausamen „Lottobarons“, der seine Arbeiter schindete und deshalb zu Reichtum kam, weil er mit Brieftauben die Lottoergebnisse von Prag nach Wien bringen ließ – immer noch vor der Ziehung.

Und ganz nebenbei entsteht das Stimmungsbild eines Wien, in dem verschiedene Weltbilder, der kapitalistische Zeitgeist und beginnende Aufklärung, Gott- und Aberglaube aufeinanderprallen. An „Die Tauben von Brünn“ soll auch ihr nächstes Buch „Der Zauberer vom Cobenzl“ anschließen, das im August bei Haymon erscheint.

„Scheiben ist für mich ein fortlaufendes Forschungsprojekt, es dient mir selber dazu, immer wieder etwas zu lernen und mich weiterzuentwickeln, und immer wieder etwas Neues zu entdecken“, so Balàka. Und dieses „Forschungsprojekt“ führte die umtriebige Autorin zuletzt zur Herausgabe eines Buchs über das weibliche Älterwerden.

Allein die Begriffe „Klimakterium, Menopause, Wechseljahre“ seien so „unsexy“, dass man sich „gar nicht damit beschäftigen mag“, so Balàka im Vorwort von „Wechselhafte Jahre“. Davon hat sie sich aber nicht abschrecken lassen – und auch eine ganze Reihe namhafter Kolleginnen nicht. Mit Marlene Streeruwitz, Ulrike Draesner, Sabine Scholl und Barbara Frischmuth entstand ein vielstimmiges, ein zugleich schonungsloses und tröstliches Buch über die zwiespältige Erfahrung, Frau und über 50 zu sein.

Sehen können Sie Bettina Balàka im ORF-Topos-Player im neuesten Porträt der ‚Archive des Schreibens‘-Reihe unter folgendem Link: https://topos.orf.at/archive-des-schreibens-bettina-balaka100

Text: Paula Pfoser, Sandra Krieger