anzeiger 10/2021 – Buchhändler*innen empfehlen

Die Buchhändler*innen Angelika Tulacs von der Buchhandlung Moser und Gerhard Bauer von der facultas Dombuchhandlung empfehlen aktuelle Titel zum Themenschwerpunkt Glaube, Ethik & Philosophie.

Von der Pflicht, der Einsamkeit und der Lust in Ewigkeit
Angelika Tulacs von der Buchhandlung Moser

Mit mehr als 75.000 Titeln bietet die Buchhandlung Moser das umfangreichste Sortiment in Graz. Drei Etagen voller Bücher warten auf lesebegeisterte Kund*innen. „Der Moser“ ist eine Institution in Graz. Seit 17 Jahren arbeitet ­Angelika Tulacs in der Buchhandlung und betreut die Bereiche Medizin, Recht, Psychologie, Philosophie, Naturwissenschaft, Lebenshilfe, Soziologie und Esoterik. Für die Sortimentsauswahl holt sie sich Inspiration bei den Kolleg*innen. „Das ist der Vorteil einer großen Buchhandlung. Es gibt bei uns Buchhändler*innen, die auf unterschiedliche Themen spezialisiert sind. So können wir auf viel Know-how zurückgreifen und unsere Kund*innen perfekt beraten“, sagt sie. In der Sektion Glaube, Ethik und Philosophie sieht sie in diesen Zeiten der Veränderung verstärkt den Trend zu Büchern, die praktische Hilfestellungen geben, aber auch aktuelle Fragen in einen philosophischen Kontext stellen.

Die Frage nach dem Alleinsein hat sich im letzten Jahr in unser Alltagsleben gedrängt. Rüdiger Safranski nähert sich in seinem neuen Buch „Einzeln sein“ (Hanser) der Frage, wie weit wir es ertragen, Einzelne zu sein. Mit unterschiedlichen philosophischen Ansätzen macht er sich Gedanken zu den beiden Polen unserer Existenz: dem Individuum und der Gemeinschaft. Ein sehr aktuell gewordenes Thema ist auch die Frage nach der Pflicht. „Vor allem in Bezug auf Diskussionen über die Impfpflicht stellen sich Fragen nach der Freiheit und den gesellschaftlichen Pflichten“, so Tulacs. Dazu empfiehlt sie das Buch von Richard David Precht, „Von der Pflicht“ (Goldmann), der in der Zeit von Covid-19 dazu anregt, darüber nachzudenken, was die Pflicht des Fürsorge- und Vorsorgestaates gegenüber seinen Bürger*innen ist und welche diese haben. Der Pandemie und der Religion widmet sich auch Bestsellerautor Marco Politi, der in seinem Buch „Im Auge des Sturms. Franziskus, die Pest und die Heilung der Welt“ (Herder) die Chancen des Papsts in der Pandemie analysiert.

Eine neue Sicht auf die Geschichte der Philosophie findet sich in „Die Ermordung des Professor Schlick“ (C.H. Beck) von David ­Edmonds, der sich mit dem Wiener Kreis rund um den Philosophen Moritz Schlick beschäftigt. Er stellt die geistige Welt dieser Gruppe vor und verknüpft sie mit der Stadt Wien im Schatten der ökonomischen Krise und des Aufstiegs der Nationalsozialisten. „Ein brillantes Buch“, findet Angelika Tulacs. Den zentralen Fragen des menschlichen Lebens nähert sich Konrad Paul Liessmann in „Alle Lust will Ewigkeit. Mitternächtliche Versuchungen“ (Zsolnay Verlag). Der Philosoph holt zwölf zentrale Fragen aus Nietzsches „Zarathustra“ in die Gegenwart. Liessmann zeigt, welche zentrale Dimension dieser Text für unser politisches und kulturelles Selbstverständnis darstellt, und führt sie auf provozierende Weise in unsere Gegenwart und in unser Leben weiter.

Insgesamt merke man, dass der Umbruch in der Gesellschaft auch in den Neuerscheinungen aufgegriffen wird. „Die Menschen brauchen jetzt neue Orientierungshilfen – da hilft die Philosophie“, so Tulacs. Auch für das physische Literaturerlebnis sorgt die Buchhandlung Moser. „Im Herbst werden wieder viele Autor*innen ihre Bücher vorstellen und daraus lesen.“ Damit lassen sich die Fragen, die Autor*innen in ihren Büchern aufwerfen, mit ihnen diskutieren.

 

Spirituelle Orientierungshilfen und christliche Mystik
Gerhard Bauer von facultas Dombuchhandlung, Stephansplatz, Wien

Mitten im Herzen Wiens bietet die facultas Dombuchhandlung eine reiche Auswahl an Kinder- und Jugendliteratur sowie an Romanen und Sachbüchern mit Fokus auf Religion und Spiritualität. ­Gerhard Bauer, Leiter der Dombuchhandlung, bemerkt ein verstärktes Interesse nach Orientierungshilfen, um einen Weg zur eigenen Spiritualität zu finden.

„Wie komme ich zu einem Leben, das mir entspricht? Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Autor*innen in den neu erschienenen Büchern“, sagt Bauer. Einer der Schriftsteller, die sich schon seit Jahren auf christliche Spiritualität im Alltag spezialisiert haben, ist der Benediktinermönch Anselm Grün. Sein neues Buch „Inseln im Alltag. Benediktinische Exerzitien“ (Vier-Türme-Verlag) lädt dazu ein, das Göttliche im Alltag zu finden.

Mit kurzen Auslegungen und Meditationen die eigene Spiritualität jeden Tag zu entdecken und zu üben, dieser Aufgabe widmet sich auch der katholische Moraltheologe Matthias Beck, der in seinem Buch „Gott finden – wie geht das?“ (Styria Verlag) nicht die Kirche in das Zentrum des Christentums stellt, sondern sich der persönlichen Suche des Menschen nach Gott widmet.

Diese Suche nach der eigenen Spiritualität bildet, so Bauer, den zentralen Aspekt des Buches. „Es geht immer um das eigene Leben. Matthias Beck zeigt auf, wie sich Gott in den kleinen und großen Dingen des Lebens finden lässt.“

Eine weitere Empfehlung ist Melanie Wolfers neues Buch „Trau dich – es ist dein Leben“, das im bene! Verlag erschienen ist. Die Theologin und Seelsorgerin beschreibt spirituelle Wege, um ein mutiges, angstfreies Dasein zu erreichen. „Orientierung finden“ (Tyrolia) von David Steindl-Rast biete ebenfalls einen interessanten Ansatz. Der 95-jährige Wiener ist Benediktiner, lebt in den USA und hat buddhistische Elemente in die eigene Spiritualität übernommen. Er widmet sein Leben und Schreiben dem Gespräch zwischen den Religionen und dem Entdecken einer gemeinsamen Weisheit.

Auch die Mystik rücke, laut Bauer, immer mehr ins Zentrum des Interesses. Volker Leppin erzählt in seinem Buch „Ruhen in Gott“ (C.H. Beck) die Geschichte der christlichen Mystik und zeigt, wie wichtig diese für das Überleben des Christentums in der Moderne ist. „Der Christ der Zukunft ist ein Mystiker“, zitiert Gerhard Bauer den Theologen Karl Rahner. In diesem Zusammenhang empfiehlt er das Buch „Öffne deine Augen. Jeder kann Mystiker werden“ (Verlag Herder) von Nother Wolf, einem katholischen Abt, und Corinna Mühlstedt, einer evangelischen Journalistin. Beide sind überzeugt davon, dass die Mystik ein entsprechender Zugang zur Spiritualität für alle Gläubigen sein kann. Auf den sieben Schritten, die dem Weg der mystischen Erkenntnis entsprechen, laden sie die Leserschaft ein, diesen Weg auch in ihrem eigenen Leben zu finden. Insgesamt bietet die Auswahl der Bücher verschiedene Entwürfe, die einerseits aus der Tradition des Christentums schöpfen, diese aber mit der heutigen Lebenswelt moderner Menschen verbinden.

Nach wie vor, so Bauer, sei die Frage nach dem guten Leben eine zentrale. Neue Bücher liefern universelle Anstöße, um Vertrauen, Gelassenheit und innere Weisheit zu erlangen.

9.11.21