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Anzeiger 10/2020 – Jenseits der Wadlbeißer, aber mit Schlusssucht

So lässt sich die Position der Kärntner Schriftstellerin Lydia Mischkulnig beschreiben, die einen neuen Roman herausgebracht und den Würdigungspreis für Literatur des Landes Kärnten 2020 erhalten hat.

Interview: Erich Klein

Lydia Mischkulnig, geboren 1963 in Klagenfurt, seit 1991 freie Schriftstellerin, lebt in Wien. Seit ihrem Debüt „Halbes Leben“ (1994) veröffentlichte sie mehrere Erzählbände und sechs Romane. Sie hat in Japan und an der Universität für angewandte Kunst in Wien Literatur unterrichtet, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, jüngst den Würdigungspreis für Literatur des Landes Kärntens 2020.

Frau Mischkulnig, kürzlich ist Ihr neuer Roman „Die Richterin“ erschienen, den Sie wegen Corona kaum in der Öffentlichkeit vor­stellen können. Was fehlt Ihnen am meisten?

Lydia Mischkulnig:Der Kontakt zum Publikum, und zwar der physische Kontakt. Die Atmosphäre, die bei einer Lesung in einem Raum entsteht, fällt weg. Es fehlt die Aura.

Für eine freie Autorin bedeutet das auch finanzielle Einbußen …

Mischkulnig: Da fehlt die Aura der Gagenübergabe. (lacht)

Wie wichtig ist es Ihnen, als Autorin zu ­gefallen?

Mischkulnig: Das ist schwierig zu beantworten. Als Mensch möchte ich als allgemein verträglich gelten, ich möchte mit dem Werk gefallen. Was soll das Wort in diesem Zusammenhang überhaupt bedeuten? Ich möchte von Menschen, die ich selbst ernst nehme und die etwas von Literatur verstehen, als streitbar angesehen werden.

Welche Bücher haben Ihnen als Kind gefallen?

Mischkulnig: Zuerst die Märchen auf Märchenplatten. Es gab da die Magie des Schallplattenauflegens: Da ist die Nadel, und dann strömt eine Stimme heraus, die eine ganze Welt aufmacht! Ich habe es sehr genossen, der Melodie dieser Stimmen zuzuhören. Das onomatopoetische Moment in „Hatschi Bratschis Luftballon“ war eine Verführung sondergleichen.

Während diese Geschichte selbst politisch ­äußerst inkorrekt ist …

Mischkulnig: Natürlich. Aber die Geschichte vom „Kinderverzahrer“ aus dem Morgenland habe ich ohnehin nicht geglaubt. Es war mir klar, dass das eine Erfindung ist. Offenbar faszinierte es mich, dass man aus Erfindung, Klang und Melodie etwas erschaffen kann, das einen anderen gefangen nimmt. Dann kamen natürlich Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ und Astrid Lindgren mit „Pippi Langstrumpf“ dazu.

Ihre Jugendlektüre?

Mischkulnig: Meine Eltern, Volksschullehrer, hatten ein volles Bücherregal, in dessen unterster Reihe die Literatur stand. Franz Werfels „Der Tod des Kleinbürgers“ hat mich voll erwischt. Zwar hatte ich noch keine Ahnung, was einen literarisch wertvollen Text ausmacht, aber ich begriff damals, dass es um Existenzielles geht. Sehr bald kam ich dann auch auf Kafka. Mit dreizehn weiß man nicht genau, was der erste Satz der „Verwandlung­“ bedeutet, zwanzig Jahre später kapiert man, dass es dabei um knallharte Familienökonomie geht. Diese Art von Literatur begleitet mich bis heute, und deren Ansprüche möchte ich auch selbst erfüllen.

Und die Schullektüre?

Mischkulnig: Was im Deutschunterricht so gelesen wurde, sehr früh auch Handke, von dem der Deutschlehrer überzeugt war, dass es interessant sein könnte. Ich las damals abstruse Sachen wie „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ und konnte damit wenig anfangen. Schon mehr mit „Wunschloses Unglück“, weil es um eine Kärntner Existenz ging. Ingeborg Bachmann ist mir erst viel später im Zusammenhang mit Jean ­Améry und der Exilliteratur wichtig geworden. Vorher habe ich sie eher als eine Heulsuse wahrgenommen. Das ist auch Literatur, die sich im Lauf der Zeit mit mir mitbewegt und dabei hilft, meine Kriterien zu entwickeln. Das Getöse­ des Literaturbetriebs nimmt ständig zu, sodass man kaum mehr weiß, was Literatur­ eigentlich ist – zumindest mir geht es so.

Was meinen Sie damit?

Mischkulnig: Der Literaturbetrieb entwickelt sich in derart viele Richtungen, und bisweilen bekommt man den Eindruck, es ginge nur mehr um die Show. Der Griff zu den genannten Autorinnen und Autoren hilft mir, wieder zu mir zu kommen.

Sie sind in Kärnten zur Zeit des Ortstafelstreits und der Diskussion um Zweisprachigkeit aufgewachsen. Hat Sie das persönlich berührt?

Mischkulnig: Meine Eltern waren zweisprachige Lehrer: Slowenisch und Deutsch. Wir lebten aber in einem Teil Kärntens, wo ich das Slowenische bald nicht mehr wahrnehmen konnte. In der Volksschule war ich das einzige Kind, das auch in Slowenisch ging, immer am Samstag mit Extraunterricht. Als die Lehrerin in Pension ging, gab es dann keinen Unterricht mehr, und mir war es auch irgendwie unangenehm, weil ich nicht anders als die anderen sein wollte.

Zuhause wurde nicht Slowenisch gesprochen?

Mischkulnig: Nein, das war angeblich nur bis zur Geburt meiner Schwester der Fall. Es wurde dann immer deutscher. Bei Familientreffen hat mich dann allerdings erstaunt, dass es etwa einen wilden Streit über den Bau eines Turnsaales beim slowenischen­ Gymnasium in Klagenfurt gab. In der Verwandtschaft waren einige über die Finanzierung dieses Turnsaals durch das Land bitterböse und zeigten deutlich, wie antislowenisch sie waren. Ich hielt das für verrückt, weil sie selbst nicht einmal ordentlich Deutsch sprechen konnten. Durch die Familien ging ein Riss, und ich habe zumindest verstanden, dass es da etwas gab, womit die Menschen nicht zurechtkamen, und wollte mit der Zeit immer mehr wissen. Bei all diesen „vorwaldheimatischen“ Ressentiments wurde mir allmählich klar, dass es um die große Geschichte ging.

Sie haben, bevor Sie freie Schriftstellerin wurden, in Graz Bühnenbild und an der Filmakademie in Wien Drehbuch studiert. Warum so viel darstellende Kunst?

Mischkulnig: Theater interessierte mich, weil es eine Möglichkeit war, aus der Enge auszubrechen. Die Studiobühne in Villach war für mich ein Ort der Inspiration. Dort wurde über Literatur gesprochen, außerdem gefiel mir die Gemeinschaft: Text und Schauspieler zusammen, dann kommt noch das Publikum dazu. Das habe ich verherrlicht! Als ich Bühnenbild zu studieren begann, dachte ich vermutlich, es wäre leichter, ein Zimmer einzurichten als ein Stück zu ­schreiben. Außerdem war ich in Deutsch in der Schule nicht gut gewesen und als schräge Person verschrien, die schräge Aufsätze schreibt. Als ich die Aufnahmeprüfung für Bühnenbild schaffte, jubelte ich, bemerkte aber sehr bald, dass das Theater weniger ein schönes Gruppenerlebnis als Wadlbeißerei ist. Damit wollte ich mein Leben nicht verbringen und machte die Aufnahmeprüfung an der Film­akademie. Dort passierte genau dasselbe, nur in verschärftem Maße. Irgendwann war klar, dass ich für Gruppen nicht brauchbar bin und umgekehrt. Ich muss alles mit mir selbst ausmachen. Als ich in Graz studierte, stand das Forum Stadtpark noch in voller Blüte – dort war wirklich einiges los, aber ich bin da nicht hingegangen, weil es mich abschreckte und ich das Gefühl hatte, es sei eine Gemeinde, zu der ich nicht gehöre.

Wann waren Sie sich als Autorin sicher?

Mischkulnig: Beim ersten Buch dachte ich mir, ich probiere es einfach, und wenn es etwas wird, mache ich weiter. Es ist tatsächlich etwas geworden, es kamen Preise und weitere Bücher. Mein Prinzip war immer: Dann mache ich weiter. Mittlerweile ist es auch schon egal, ich bin jetzt siebenundfünfzig und brauche keine andere Arbeit mehr suchen. (lacht)­

Wie wichtig ist Ihnen ein Begriff wie „weibliches Schreiben“?

Mischkulnig: Eine schwierige Frage. Wer in dieser Schublade landet, ist ein psychotherapeutischer Schreiber mit feministischer Sicht und vielleicht nicht einmal ein guter Ratgeber. Feministisches Schreiben hat nur eine Chance, wenn es sprachmächtig ist und über literarische Notwendigkeit verfügt. Andernfalls gehört es nur zu einem Segment wie „Bücher für Fünfundzwanzigjährige“, „Bücher für Kinder“, „Bücher für Transsexuelle“. All das macht keine große Literatur aus und gehört zu keinem Kanon. Außerdem ist es extrem problematisch, wenn man einmal eine Punze trägt. Mir ist das besonders bei Migrationsliteratur aufgefallen, bei der jemand ständig auf seine Herkunft reduziert wird. Als ich in den 1990er-Jahren zu schreiben begann, dachte ich, ich will ja nicht in die Frauenecke gedrängt werden. Ich hätte dann das Gefühl gehabt, gleich wieder entsorgt zu sein.

Welche Frauen aus Literatur oder Kunst gehören zu Ihrem Kanon, wenn Sie schon diesen Ausdruck verwenden?

Mischkulnig: Meine Lieblingsbücher sind leider von Männern geschrieben.

Warum leider?

Mischkulnig: Weil ich gern Frauen hätte. Ein Lieblingsbuch ist Flauberts „Madame Bovary“.

Diese grässliche Person? Gerade der von Ihnen geschätzte Jean Améry unternahm eine Ehrenrettung von deren dümmlichem Ehemann!

Mischkulnig: Améry hatte zu viel Mitgefühl mit Charles Bovary! Mir hat Flauberts Versetzungsspiel gefallen mit diesem „Madame Bovary, c’est moi“. Mir gefällt die Empathie, sich als Frau in Männerrollen und als Mann in Frauenrollen zu begeben, um Vorstellungsräume auszuloten. Etwas Ähnliches hat auch Ingeborg Bachmann gemacht. Mich fasziniert auch eine Künstlerin wie Louise Bourgeois, bei der die Beschäftigung mit Kunst zum Lebensentwurf wurde, oder Maria Lassnig mit ihrer Beständigkeit und Beharrlichkeit bis ins hohe Alter, oder eine Figur wie Coco Chanel.

Die mit den Nazis kollaborierte …

Mischkulnig: Ja, natürlich – das ist verrückt. Die Brüchigkeit in den Biografien kommt dann noch dazu. Wie laviert sich jemand durch das Leben und welches Werk kommt dabei heraus? Das interessiert mich.

Gabrielle, die Richterin Ihres neuen Romans, nennt als Lieblingsautor Vladimir Nabokov.

Mischkulnig: Von Nabokov habe ich viel über das Schreiben gelernt. Als ich mit siebenundzwanzig „Lolita“ zum ersten Mal las, genoss ich das Buch ganz besonders, weil ich verstand, wie er schreibt, wie er Texte dynamisiert. Zum Beispiel fand ich heraus, dass der Protagonist Humbert Humbert mittels seiner Projektionsfähigkeit die Welt gleichsam fetischisiert. Ein Kühlschrank brummt ihn aggressiv an, Eiswürfel schauen aus wie eiskalte Kopfkissen mit harten Ecken. Alles wird in Sinnlichkeit transformiert und bekommt einen ungeheuren Drive. Dieses menschliche Ungeheuer ist so beschrieben, dass man es nur lieben kann. Wenn ich mit meinen Einfällen nicht weiterkomme oder nicht mehr weiß, ob ein Satz stimmt, greife ich zu Nabokov.

Und andere wichtige Autoren?

Mischkulnig: Kafka ist ganz wichtig, die alten Sachen von Handke. Seine dicken Schmöker interessieren mich nicht, vielleicht kommt das noch. Ich mag Konrad Bayer, schon ein paar Sätze aus seinem „sechsten sinn“ erfüllen mich mit Freude am Sprachspiel, an Wahnsinn und Irrsinn. Solche Texte sind Aggregate, an denen ich mich auflade. Ich schätze Robert Musil, und Jean Amérys Essays gehören in den Schulunterricht.

Amérys Hauptthema ist die Erfahrung des Naziterrors. Wir sind in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen …

Mischkulnig: Ich wurde 1963 geboren und wuchs in Watte gepackt auf – als sich Jean Améry 1978 suizidierte, war ich in der sechsten Klasse Gymnasium. Aber ich war auch schon ein bewusstes Wesen, damals begann meine Wahrnehmung von Zeitgenossenschaft. Meine Eltern, die nach der Barbarei der Nazis geboren wurden, besaßen ein Buch mit dem Titel „Der gelbe Stern“, in dem die Gräuel der Nazis dokumentiert waren. Ich habe diese Zeit nicht mehr erlebt, aber es war ja nicht schwierig zu zählen und festzustellen, dass all das nicht so lange her war. Nur ein, zwei Generationen trennten mich von dieser Zeit. Mich hat schon vor der Matura die Frage interessiert, wie verhalte ich mich zu alldem.

Eine Frage, die für viele Figuren Ihrer Romane von Bedeutung ist.

Mischkulnig: Wenn ich mir eine Figur ausdenke, geht es immer um ein erzählenswertes Moment, von dem aus ich etwas entfalten kann. Es geht mir dann um ein Umrühren in der Zeit und die Frage, wie und aus welchen Komponenten sich eine menschliche Existenz zusammensetzt.

Hauptfigur Ihres neuen Romans ist eine Richterin. Warum gerade eine Richterin?

Mischkulnig: Als ich zu schreiben begann, war es noch ein Richter. Ich schrieb die ersten Seiten, wusste, welche Gerichtsszenen aus meinen Notizen in meine literarische Sprache übertragbar sind, und fragte mich dann aber: Warum nimmst du einen Mann und keine Frau? Wieso wird von mir gleich als selbstverständlich angenommen, dass ein Richter ein Mann ist? Wieso soll nicht eine Frau dieses Machtgewand in Form eines Talars anziehen?

Davor haben Sie mit realer Recherche bei ­Gericht begonnen?

Mischkulnig: In meinem Bekannten­kreis gibt es einige Juristen, die mir Kontakt zu Richtern herstellten. Ich recherchierte ein halbes Jahr lang, ging zu Gerichtsverhandlungen­, sprach mit Richtern und Richterinnen­ und hatte das Gefühl, mit ihnen Tacheles reden zu können. Sie zeigten mir die Länderdokumentationen­, anhand derer Asylverfahren entschieden werden, ich sah die Büros, Gerichtssäle und Verhandlungen­. Ich dachte, das würde beklemmend­ und anstrengend­, doch gefordert­ hat mich die rasch sich ausbreitende Langeweile, während über ein Leben verhandelt wird. Das hat mich am meisten erstaunt.

Sie halten mit Ihrem Buch auch Gericht über die Republik und die österreichische Seele …

Mischkulnig: Wenn ich mir vorstelle, dass ich ein Buch über die österreichische Seele geschrieben habe, bekomme ich Angst. Es war auch für mich verrückt, mich in die Position einer Richterin zu begeben, die jahrelang Fälle bearbeitet, bei denen es immer um Asyl geht. Die ständig von einer Stadt in einem Land hört, von dem sie fast alles weiß, wo sie aber selbst nie war und vermutlich nie hinfahren wird. Ich wollte zum Beispiel wissen, wie schaut im Kopf das Bild dieses Landes aus, während man ständig richten und bescheiden muss.

Der Bruder der Richterin Gabrielle ist auf die schiefe Bahn geraten, wurde aber geläutert. Die Figuren des Romans spiegeln sich gegenseitig und wirken wie frühpensionierte Bobos.

Mischkulnig: Sehr schön: Früh-pensionierte Bobos und gepflegte Flegel! (lacht) Ich habe lange überlegt, wie ich diese Lebensgeschichten in die Erzählung hineinnehmen kann. Diese Gabrielle ist nicht zufällig­ Juristin geworden, sie wollte ursprünglich­ einmal alles richtig machen und richtig leben. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ein Rechtsgelehrter immer weiß, wie das geht. Innerer Frieden ist etwas ganz anderes, als ausbalanciert in der Gesellschaft dahinzuleben. Auch meine Richterin kommt aus einem österreichischen Sumpf, wo viel Ungeklärtes die Wahrheit überdeckt. In keiner einzigen Biografie lässt sich alles klären, es bleiben immer gewisse Unklarheiten. Man nennt das Ambiguitätstoleranz, die man im Lauf eines Lebens auch sich selbst gegenüber entwickeln muss, um nicht einem Purifizierungswahn zu verfallen.

Joe, der Ehemann der Richterin, ein pensionierter Lehrer, wirkt etwas gelassener. Er hat eine Art Traum vom Glück, nämlich einen Roman zu schreiben – doch sind alle Figuren auch ein wenig wunschlos unglücklich.

Mischkulnig: Ich befürchte beinahe, dass dem so ist. Vielleicht ist das aber auch ein Benefit: Wenn man sich mit einer solchen Figur beschäftigt und all ihre Möglichkeiten durchgespielt hat, erlebt man als Autorin selbst einige Tage Glück.

Das Glück der Autorin ist ihre Arbeit …

Mischkulnig: Ich weiß nicht, ob ich glücklich oder unglücklich bin, ich bin auf jeden Fall – gut therapiert. (lacht)

Sie therapieren sich selbst?

Mischkulnig: Vielleicht ist es wirklich so. Bekanntlich ist das Glück ein Vogerl, und vermutlich kann man mit den Umständen nur Frieden schließen. Nur in dem Moment, wenn ich den Schlusspunkt einer Erzählung setze und weiß, dass ich es geschafft habe, einen Text abzuschließen, gibt es einen kurzen Moment der Befriedigung. Das hält dann aber nicht sehr lange an, und dann muss die Arbeit wieder aufgenommen werden. Vielleicht ist das der Motor des Schreibens. Eine gewisse Schlusssucht.

Das Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Haben Sie Angst davor?

Mischkulnig: Es ist etwas Bedrohliches, weil nicht fassbar. Man rutscht dahin und weiß nicht, wo man hinsteuert und wo man letztlich ankommt.

Beim Alterswerk.

Mischkulnig : Ich bin sehr neugierig und auch froh darüber, dass ich mich in meinem Leben so weit mit Literatur eingelassen habe, dass ich das so lange machen werde, bis ich nicht mehr kann. Aber natürlich kommen mit dem Alter auch die Einschläge immer näher, wenn Menschen wegsterben. Auch die Krankheiten­ mehren sich. Ich habe mich immer­ mit Vergänglichkeit auseinandergesetzt, und das geht auch so weiter.

Das klingt, wenn ich an Ihren Kollegen Josef Winkler denke, nach einem recht kärntnerischen Thema: Tod und Kälberstricke …

Mischkulnig: Nein, die bleiben in Kärnten. (lacht) Ich brauche auch keine Suada, die den Katholizismus abfeiert. Altern ist eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, mit Ende und Entfremdung. Jean Améry hat diesen Entfremdungsprozess von sich selbst in seinem Essay gnadenlos beschrieben: Wenn man in den Spiegel schaut und feststellt, dass man nicht mehr so ausschaut wie das innere Bild, das man von sich selbst abgespeichert hat. Ich finde das spannend, aber es hat auch etwas Unheimliches. Solche Unheimlichkeit gehört ganz wesentlich auch zur Figur meiner Richterin: Sie erkennt, dass alles irgendwie brüchig ist, kann damit aber leben, zugleich weiß sie, dass die Risse immer größer werden und irgendwann der Kontrollverlust eintritt. Das ist auch wie Altern.­

Wohin treibt unsere Welt, die vorerst noch ganz gut eingerichtet ist?

Mischkulnig: Wohin das Ganze treibt? Auf jeden Fall in Kälte! So stelle ich mir jedenfalls eine Dystopie vor: Europa wird zu einer Festung mit Außenflüchtlingslagern und Abschiebepatenschaften, eine Welt, in der man sich über ein solches Oxymoron keinen Gedanken mehr macht. In einem derartigen Geflecht befinden wir uns jetzt – ob es Wirklichkeit wird, weiß ich nicht. Es geht immer um das Ringen darum, welche Ideen und Konzepte von sozialer Verantwortung sich durchsetzen.

Sieht man von populistischen Slogans ab, herrscht in Europa erschreckende Stummheit.

Mischkulnig: Es ist ein Nichtweiterwissen, weil es keine überzeugte Haltung gibt. Wenn ich weiß, dass niemand im Meer absaufen darf, weiß ich auch, was zu tun ist. Wenn ich das nicht weiß und zu überlegen beginne, ob ich einige herausfische und andere ertrinken lasse, wenn ich schon vorher in der Wüste große Lager eröffne und dann checke, wer nach Europa darf und wer nicht, dann wird es recht komisch. Dann muss man wählen, den einen zu retten oder vor die Hunde gehen zu lassen. Wer will das entscheiden?
Es fehlt die Haltung, das Bekenntnis! Eigentlich­ gibt es ja nur mehr eine Überzeugung, die parteipolitisch lautet: Wir wollen hier niemand ­­mehr haben. Das finde ich traurig.

(c) Stefan Knittel
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