ORF Bestenliste Jänner

Im Jänner befindet sich Mohamed Mbougar Sarr mit seinem Werk „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ (Hanser) auf Platz 1. Robert Menasse ist mit „Die Erweiterung“ (Suhrkamp) auf dem zweiten Platz. Platz 3 geht an Elfriede Jelinek mit „Angabe der Person“ (Rowohlt).

Platz 1: Die geheimste Erinnerung der Menschen, Mohamed Mbougar Sarr (Hanser)

Mit seinem Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ hat Mohamed Mbougar Sarr 2021 für großes Aufsehen gesorgt. Zum einen ist Sarr mit 31 Jahren der jüngste Preisträger des renommierten Prix Goncourt, zum anderen ist er der erste Senegalese, dem diese wichtigste literarische Auszeichnung Frankreichs verliehen wurde. Die Hauptfigur in Sarrs Roman, der junge Senegalese Diégane, stößt darin auf ein in Vergessenheit geratenes Kultbuch: „Labyrinth des Unmenschlichen“ von T.C. Elimane. Als dieser Roman 1938 erschien, wurde sein Autor als der „schwarze Rimbaud“ gefeiert, doch nach einem Skandal und rassistischen Anfeindungen aus der Literaturkritik verschwand Elimane in der Versenkung. In Diéganes Freundeskreis, einer Clique junger Intellektueller aus der afrikanischen Diaspora, wird das Buch bald zur Bibel ihrer eigenen schriftstellerischen Ambitionen und Diégane beschließt sich auf die Spuren des geheimnisvollen Schriftstellers zu machen. Eine Suche, die ihn über drei Kontinente führt und immer größere Rätsel aufgibt – und gleichzeitig zu einer kritischen Parabel auf den Literaturbetrieb der Gegenwart wird. Übersetzung: Holger Fock, Sabine Müller

Platz 2: Die Erweiterung, Robert Menasse (Suhrkamp)

In seinem neuen Roman beschäftigt sich Robert Menasse einmal mehr mit seinem Lieblingsthema: der Europäischen Union. Nach „Die Hauptstadt“ liegt mit „Die Erweiterung“ der zweite Teil Menasses EU-Trilogie vor. Während im ersten Teil mit Brüssel das europäische Zentrum im Fokus stand, ist es nun die Peripherie, genauer gesagt Beitrittskandidat Albanien. Roter Faden von „Erweiterung“ ist der Helm des Skanderbeg, eines albanischen Fürsten des 15. Jahrhunderts. Der Helm ruht im Kunsthistorischen Museum Wien und ist doch Ikone der Albaner für ihre nationale Einheit. Menasse spinnt eine rasante Handlung aus Diebstahl, Fälschung, Mafia und skrupellosen Politikern. Den äußeren Rahmen der Handlung bildet die EU-Erweiterung im Spannungsfeld zwischen Integration und nationalen Egoismen. Die Beobachtung des Autors: In Mitgliedsländern wie Polen gewinnen Politiker die Wahlen mit anti-europäischen Slogans. In Kandidatenländern wie Albanien werden Politiker gewählt, die einen pro-europäischen Kurs verfolgen. Und zwischen allem: das politische Gerangel in Brüssel.

Platz 3: Angabe der Person, Elfriede Jelinek (Rowohlt)

Seit der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 2004 hat sich Elfriede Jelinek bekanntlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, Interviewanfragen lehnt sie ab, offizielle Auftritte vermeidet sie. Seit Jahren tritt die Schriftstellerin vor allem über ihre Webseite in Erscheinung, auf der sie laufend publiziert und blitzschnell auf die gesellschaftspolitischen Verwerfungen unserer Zeit reagiert. Diesen Herbst gab es nun gleich zwei für Jelinek ungewöhnliche Lebenszeichen: in dem Dokumentarfilm „Die Sprache von der Leine lassen“ ist ein aktuelles Interview mit der Autorin zu sehen, mit „Angabe der Person“ liegt wiederum ein Text vor, in dem sie wie nur selten zuvor auch viel Autobiographisches miteinbringt – wenngleich der bissige Sprachwitz, das Kalauern bis zur sprachlichen Kenntlichmachung gesellschaftlicher Missstände, nie ausbleibt. Alles beginnt mit einem unangenehmen Besuch: das deutsche Finanzamt steht plötzlich vor der Tür ihres Münchner Zweitwohnsitzes, man wirft ihr vor, Einkünfte vertuschen zu wollen und den Wohnsitz in Wien nur zum Schein anzugeben, um Steuern zu umgehen. Denn: man habe ihre Texte genau gelesen, und jemand, der Österreich so schlecht macht, könne dort unmöglich tatsächlich wohnen.

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