ORF Bestenliste Dezember

Im Dezember befindet sich Robert Menasse mit seinem Werk „Die Erweiterung“ (Suhrkamp) auf Platz 1. Péter Nádas ist mit „Schauergeschichten“ (Rowohlt) auf dem zweiten Platz. Platz 3 geht an Javier Marías mit „Tomás Nevinson“ (S. Fischer).

Platz 1: Die Erweiterung, Robert Menasse (Suhrkamp)

In seinem neuen Roman beschäftigt sich Robert Menasse einmal mehr mit seinem Lieblingsthema: der Europäischen Union. Nach „Die Hauptstadt“ liegt mit „Die Erweiterung“ der zweite Teil Menasses EU-Trilogie vor. Während im ersten Teil mit Brüssel das europäische Zentrum im Fokus stand, ist es nun die Peripherie, genauer gesagt Beitrittskandidat Albanien. Roter Faden von „Erweiterung“ ist der Helm des Skanderbeg, eines albanischen Fürsten des 15. Jahrhunderts. Der Helm ruht im Kunsthistorischen Museum Wien und ist doch Ikone der Albaner für ihre nationale Einheit. Menasse spinnt eine rasante Handlung aus Diebstahl, Fälschung, Mafia und skrupellosen Politikern. Den äußeren Rahmen der Handlung bildet die EU-Erweiterung im Spannungsfeld zwischen Integration und nationalen Egoismen. Die Beobachtung des Autors: In Mitgliedsländern wie Polen gewinnen Politiker die Wahlen mit anti-europäischen Slogans. In Kandidatenländern wie Albanien werden Politiker gewählt, die einen pro-europäischen Kurs verfolgen. Und zwischen allem: das politische Gerangel in Brüssel.

Platz 2: Schauergeschichten, Péter Nádas (Rowohlt)

Péter Nádas gehört zu den großen zeitgenössischen Autoren von Weltruhm, immer wieder wird er als Kandidat auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Im Oktober feierte er seinen 80. Geburtstags, zeitgleich ist nun auch sein neuer Roman „Schauergeschichten“ erschienen. Zur Zeit der kommunistischen Diktatur wurde Péter Nádas ein Arbeitsverbot auferlegt, mehr als ein halbes Jahrhundert lebt er nun schon zurückgezogen in dem kleinen Dorf Gombosszeg im Nordwesten Ungarns. Ein Dorf ist auch Schauplatz des neuen Romans, der im Ungarn des Jahres 1967 spielt, zur Zeit des Regimes von János Kádár: Die Bauern sind enteignet worden, müssen sich der Kolchosenwirtschaft anpassen. Die dörfliche Idylle, die Schönheit des Landlebens sucht man auf den 600 Seiten des detail- und figurenreichen Romans vergeblich. Péter Nádas entwirft ein Panorama des Neids und der Missgunst, lässt seinen Icherzähler in der Vielstimmigkeit der Dorfbewohner aufgehen, wo jeder Satz auf Beleidung, auf Kränkung und Verletzung des Gegenübers ausgelegt zu sein scheint. Subtil untersucht Nádas den Hass, die Sehnsucht, die Einsamkeit der Bewohner. „Schauergeschichten“ ist ein schonungsloser Roman mit aktuellen Bezügen.

Platz 3: Tomás Nevinson, Javier Marías (S. Fischer)

Lange Zeit galt Javier Marías als Anwärter auf den Literaturnobelpreis, doch im September ist der spanische Schriftsteller im Alter von 70 Jahren überraschend an den Folgen einer Covid19-Erkrankung gestorben. Nun ist sein literarisches Vermächtnis in deutscher Übersetzung erschienen: „Tomás Nevinson“ heißt Marías jüngster Roman, in dem der Romancier ein letztes Mal seine große Erzählkunst unter Beweis gestellt hat. Das Buch ist eine Mischung zweier Genres, die für das Werk Marías von Beginn an essentiell waren: dem Spionagethriller und dem Eheroman. Der titelgebende Held Tomás Nevinson ist der Ehemann von Berta Isla, jener Figur, der Javier Marías den gleichnamigen Vorgängerroman gewidmet hat. Nevinson ist als Student in die Fänge des britischen Geheimdienstes MI6 geraten und führt seither ein quälendes Doppelleben als Spion, das er auch vor seiner Frau Berta verheimlichen muss. Nachdem Tomás Nevinson seine Spionagearbeit endlich abgeschlossen geglaubt hat, drängt ihn sein Boss – der skrupellose Bertram Tupra, ein alter Bekannter im Erzählkosmos des Javier Marías – zu einem neuen Auftrag. Nevinson wird in eine spanische Kleinstadt geschickt, wo er eine Frau ausfindig machen und töten soll, die verdächtigt wird, sowohl an Anschlägen der irischen Terrormiliz IRA als auch der baskischen ETA beteiligt gewesen zu sein. Getarnt als Spanischlehrer fängt er dort eine Affäre mit einer Frau an, die immer mehr der Zielperson seines Auftrags zu entsprechen scheint.

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