Werbung
mk Flyer kl

Archive des Schreibens: Ferdinand Schmalz

Im Rahmen des Gastlandauftritts Österreichs auf der Leipziger Buchmesse 2023 entsteht in Kooperation mit dem ORF-Fernsehen unter dem Titel „Archive des Schreibens“ ein filmisches Archiv österreichischer Gegenwartsliteratur, das zeitgenössische österreichische Autor:innen in ästhetisch wie inhaltlich anspruchsvoll gestalteten Kurzporträts einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. In der neuen Folge ist Ferdinand Schmalz zu sehen.

Ferdinand Schmalz ist seit seinem ersten Stück „Am Beispiel der Butter“ aus der deutschsprachigen Dramatik nicht mehr wegzudenken. Im „Archive des Schreibens“-Gespräch nennt er das Theater einen „wahnsinnig wichtigen kollektiven Denkraum“ – einen Denkraum, den er aber inzwischen schon höchst erfolgreich in Richtung „Prosawelt“ überschritten hat.

Im Zentrum des Denkraums Theater steht bei Schmalz immer die Sprache, für deren normative Kraft er ein genauso geschärftes Gespür besitzt wie die Begabung, diese Kraft humorvoll zu durchkreuzen. So hat sich schon der Nom de Plume des in Graz als Matthias Schweiger geborenen „aus dem Spiel mit den Identitäten heraus entwickelt“, die über Sprache formatiert werden. Wenn eine Autorenpersona schon per se künstlich sei, dann habe er das mit der Namenswahl auch ausstellen wollen, so Schmalz.

Diese humoristische Spracharbeit hat er schon an berufener Stelle unter Beweis gestellt: Für das Burgtheater schrieb er 2018 eine mit einem Nestroy ausgezeichnete Aktualisierung des „Jedermann“-Stoffes. In „jedermann (stirbt)“ ist Jedermann ein selbstherrlicher Banker, der in seinem Garten ungestört feiern will, während sich draußen auf den Straßen Unruhen ankündigen. Einer seiner Gäste ist der Tod, der ungebeten, dafür aber mit dem Auftrag, Jedermann zu holen, zu dem Fest kommt.

Der Tod und die österreichische, fast zärtliche Sehnsucht nach ihm strukturiert auch Schmalz’ Debütroman „Mein Lieblingstier heißt Winter“ (2021). Mit einem Kapitel daraus gewann Schmalz 2017 den Bachmannpreis, der ihm „Tür und Tor in die Prosawelt“ geöffnet habe. Im Roman soll der Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht einen merkwürdigen Kundenwunsch erfüllen: Nach dem Freitod von Dr. Schauer, der seit Jahren Rehragout und nichts als Rehragout von ihm kauft, soll er dessen tiefgekühlte Leiche wegtransportieren. Allein: Als Schlicht die „scheene Leich“ abholen will, fehlt jede Spur von ihr. Dafür trifft Schlicht auf Schauers Tochter Astrid, die sich sorgen um ihren Vater macht.

Dabei will Schlicht vor allem eines: nicht in irgendetwas verstrickt werden. Oder wie es im Roman heißt: „Er wolle sich in keine Rolle reintheatern und in keine große Erzählung betten lassen. Ihm seien Erzählungen, ob große oder kleine, ihm suspekt. Er habe keine Lust auf irgend so ein daher phantasiertes Abenteuer.“ Aber keine Chance: Die fehlende Leiche ist ein handlungsmotivierendes Element, eine Art inexistenter MacGuffin, dessen Suche Schlicht in einen seltsamen Kreis aus der besseren Gesellschaft führt.

Darin unter anderem: ein Erbe mit eigenem verschimmelten Dinosaurierpark, ein vom Leben abgeschotteter Prepper, der den nächsten europäischen Krieg heraufdräuen sieht, und eine Palliativmedizinerin, die es mit ihrem Ehemann gar zu gut meint. Diese und die Figuren aus Schlichts Sphäre, etwa die Putzfrau Frau Teufel, die sich als Schimmelteufelin zur Unternehmerin aufgeschwungen hat, gruppieren sich um eine vermeintliche Krimihandlung, bei der nicht der Mörder, sondern der Tote ausgeforscht werden soll – Verstrickungen inklusive.

Hauptsächlich formiert das Romanpersonal aber eine Allegorie auf die österreichische Gesellschaft, die in Schmalz’ rhythmischen Sätzen nur selten zur Kenntlichkeit gerinnt. Am meisten aber im Nazi-Christbaumschmuck sammelnden Ministerialrat Kerninger, der Geschäfte jener Sorte betreibt, wie sie in den Pandora-Papers Schlagzeilen gemacht haben. Und dessen Akt bei den ihm durchaus verbundenen Exekutivbeamten inzwischen so anzuschwellen droht, dass aus Freundschaft mit gegenseitigem Vorteil vielleicht doch bald eine Ermittlung werden könnte. Trotz aller abenteuerlichen inhaltlichen Verwicklungen ist der wichtigste Handlungsträger Schmalz’ Sprache selbst.

Sie ist von Musikalität bewegt und gliedert sich in Sätze, die in ihrer speziellen Grammatik Dialektales mit barockem Eigensinn verbinden. Wenn man an Vorbilder denken möchte, dann kann man durchaus Anklänge an Thomas Bernhards Sätze in „Mein Lieblingstier heißt Winter“ heraushören. Auch die hartnäckige Metaphernverfolgung einer Elfriede Jelinek findet bei Schmalz genauso ihr Echo wie Wolf Haas’ Krimierzählstimme.

Bei Schmalz gerinnt das aber alles in eine absurde und seltsam versöhnliche Sichtweise auf die dunklen Seiten Österreichs. Das gekonnte Verwirrspiel der rund 200 Romanseiten zeigt einen Autor, der beides beherrscht: Die intensive Spracharbeit, die ganz eigenständige Sätze hervorbringt, und einen Virtuosen des Plots. Hinter der Handlung steckt Elementares, stecken Liebe und Tod, jeweils aber in sehr besonderen Spielarten.

Sehen können Sie Ferdinand Schmalz im neuesten Porträt der ‚Archive des Schreibens‘-Reihe im ORF-Topos-Player unter folgendem Link: https://topos.orf.at/archive-des-schreibens-ferdinand-schmalz100

Text: Florian Baranyi, Sandra Krieger