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Anzeiger 7/8/2020 – Aufrechterhaltung der geistigen Grundversorgung

Literaturfestival 2020 – Kultur nur noch vor dem Bildschirm oder wieder gemeinsam vor Ort genießen? Unterschiedliche Festivalformen in Coronazeiten.


Text: Teresa Preis

Veranstalter von Literaturfestivals stehen in diesem Jahr vor drei Optionen: Adaptieren und stattfinden lassen, ins Internet verschieben oder absagen. Die Herausforderungen und die Konzepte sind so vielfältig wie die Veranstaltungen selbst.

Christoph Möderndorfer verfolgte die verschiedenen Covid-Erlässe ganz genau. Gemeinsam mit Gabriela Hegedüs leitet er das O-Töne-Literaturfestival, das von Juli bis September im Wiener MuseumsQuartier stattfindet. Als Sommersitzveranstaltungen mit begrenztem Publikum erlaubt wurden, wussten er und sein Team, dass die O-Töne auch in diesem Jahr stattfinden können. „Uns war sofort klar, dass die aktuellen Regelungen mit Lesungen am einfachsten umzusetzen sein werden“, sagt er. „Auf die O-Töne hingearbeitet haben wir immer und die Arbeit daran nie unterbrochen. Allerdings wussten wir nicht, was uns erwarten würde.“

Das Literaturfest Salzburg wählte einen anderen Weg: Der ursprünglich geplante Mai-Termin wurde abgesagt, stattdessen das „Literaturfest Spezial“ im September angesetzt. „Der grundlegende Festivalgedanke wie das direkte Erlebnis vor Ort oder die Möglichkeit des Austauschs sind für uns von enormer Bedeutung“, sagt Josef Kirchner, der gemeinsam mit Robert Prosser für das Programm verantwortlich ist. Seit der Absage im Mai arbeiten sie an einer einmaligen Ausgabe im Herbst. Auch eine digitale Version stand zur Diskussion. „Eine Digitalisierung des bestehenden Programms kam für uns aber nicht infrage, die Lücken und Stolpersteine dieses Transfers waren zu auffällig“, so Robert Prosser. Josef Kirchner fügt hinzu: „Es zeigt sich, wie wichtig es ist, Kunst und Kultur von den Bildschirmen weg und in den realen Raum zu holen. Das sehen wir als unsere Aufgabe: Trotz Covid-19 und unter Berücksichtigung aller Vorgaben ein solches Erleben wieder möglich zu machen.“

Einen solchen Schritt Richtung Onlineformat wagt im September das Literaturfestival Sprachsalz. „Ziemlich früh ist uns bewusst geworden, dass in der aktuellen Situation rasches Umdenken und Handeln erforderlich ist“, erklärt Magdalena Kauz. Die Schweizerin ist bei Sprachsalz für die Programmierung und Organisation zuständig. Für das Festival in Hall in Tirol, bekannt für sein internationales Programm, ist es schwierig, internationale Autorinnen und Autoren anreisen zu lassen, da 2020 kaum Lesereisen stattfinden können. Das Festival auf das kommende Jahr zu verschieben oder gar auszusetzen, war für Kauz und ihr Team keine Option. Schon allein der Förderungen wegen. Österreichische Autorinnen und Autoren sollen weiterhin durch Sprachsalz die Möglichkeit haben, ihre Arbeit in einem internationalen Umfeld zu präsentieren. Und: „Das Festival bringt auch bezahlte Arbeit für Veranstaltungstechnik, Gastronomie, Buchhandlungen etc. Würde Sprachsalz ganz abgesagt, bedeutet das für viele eine Einkommensmöglichkeit weniger.“ Nun wird es also mit der „Sprachsalz – Digital Edition“ ein gestreamtes Festival geben. „Es wird der analogen Ausgabe sehr nahekommen und wirklich live sein“, so Kauz.

Mit ihrem Termin im November war man bei der Buch Wien zu Beginn des Lockdowns im März bereits mitten in der intensiven Vorbereitungszeit. „Wir haben die Entwicklungen im Veranstaltungsbereich durchgehend verfolgt und uns laufend mit Expertinnen und Experten beraten“, sagt Patrick Zöhrer, Geschäftsführer der Buch Wien. Als feststand, wie die Rahmenbedingungen für Großveranstaltungen im Herbst aussehen würden, und „als klar war, dass wir auch den Zuspruch unserer Aussteller und Partner haben, fiel die Entscheidung, die Buch Wien stattfinden zu lassen. Natürlich unter den größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen“, so Zöhrer.

Das Tiroler Literaturfestival achensee.literatour­ wurde von Mai auf September verlegt. „Wir sind mit den zuständigen Behörden und den verschiedenen Veranstaltungsorten in enger Abstimmung. Damit wollen wir sowohl den Mitwirkenden als auch den Besucherinnen und Besuchern bestmögliche Hygiene- und Sicherheitsstandards garantieren“, erklärt Martin Tschoner, Geschäftsführer des Tourismusverbands Achensee und Veranstalter von achensee.literatour. Diese Standards haben ein etwas verkürztes Festival zur Folge. Die Veranstalter müssen zudem auf zwei Lesungsorte verzichten, bei denen die Einhaltung der Abstandsregeln nicht hätte garantiert werden können. „Vor allem was Bestuhlung und maximale Teilnehmerzahlen betrifft, muss man in diesem Jahr sehr flexibel sein“, so Tschoner. „Plan B gibt es im September keinen mehr. Sollten die Infektionszahlen wieder stärker steigen und Veranstaltungen nicht mehr erlaubt sein, dann kommt nur noch eine Absage infrage – was wir sehr bedauern würden.“

KONZEPTE FÜR VERSCHIEDENE HERAUSFORDERUNGEN
Laut aktuellen Genehmigungen dürfen seit 1.  Juli 250 Personen bei Kulturveranstaltungen in geschlossenen Räumen sein, im Freien 500. Mit August bereits 500 in Innenräumen und 750 im Freien. Für ein Festival wie die O-Töne, die bei freiem Eintritt stattfinden, stellt dies eine Herausforderung dar, die Festivalleiter Möderndorfer etwa mit Absperrungen bewältigen will: „Für doppelte Bestuhlung ist gesorgt, es gibt Abstände und Platzzuweisungen. Wir haben ein eigenes Präventionskonzept unter genauester Einhaltung aller Auflagen. Sicherheit steht an erster Stelle. Gleichzeitig soll die freie Zugänglichkeit zumindest gefühlt erhalten bleiben. Wir werden zeigen, dass es möglich ist, diese Gegensätze zu verbinden.“

Auch Magdalena Kauz und das Team von Sprachsalz hatten in diesem Jahr besonders viel Arbeit. Hier stand die Entscheidung im Mittelpunkt, das Festival ins Internet zu verlagern. „Jahr für Jahr haben wir bis zu 4.000 Besucherinnen und Besucher. Wenn man weiß, dass wir nun seit Jahren mit vollständig ausgelasteten Lesesälen arbeiten, kann man sich vorstellen, welche Gefahr sie als mögliche Corona-Cluster darstellen“, sagt die Programmverantwortliche Kauz. „Da die Veranstaltungen bei freiem Eintritt stattfinden, ist es noch schwieriger, die Besucherströme zu kontrollieren.“ Sorgt sie sich, dass ein gewisser Überdruss an Onlineformaten herrscht? „Keineswegs. Wir wissen bereits von einigen geplanten Watchpartys, die Sprachsalz begleiten werden. Zudem melden sich Fans aus dem Ausland, die endlich nun auch gewissermaßen live mit dabei sein ­können.“

Die Buch Wien steht vor einer anderen Herausforderung. Bei der Buchmesse in der großen Messehalle sowie an den zahlreichen Veranstaltungsorten in der ganzen Stadt will man natürlich dem obersten Gebot folgen: Einen Meter Abstand halten. „Wir sind im Wesen ein Liveformat“, betont Verena Müller, die die Gesamtleitung Programm innehat: „Genau das macht den Reiz aus, die direkte Begegnung von Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern und Verlegerinnen und Verlegern. Wir sind uns sicher, Lust auf Bücher auch vermitteln zu können, wenn die Abstände eingehalten werden. Durch die Verbreiterung der Gänge wird das Ganze zu einem großzügigen Buchmesseerlebnis.“
Bei der Planung steht für den Geschäftsführer Zöhrer die Sicherheit im Fokus: „Wir haben aufgrund von Corona ein umfassendes Maßnahmenpaket entwickelt, um für Ausstellerinnen und Aussteller, Publikum und Mitwirkende ein sicheres Umfeld zu bieten.“ Dazu wird es neben dem Fokus auf Sicherheit viele andere Weiterentwicklungen geben. Die schließen etwa eine neue Website sowie eine eigens gelaunchte Podcast-Reihe ein.

PLAN A ODER PLAN B – ODER DOCH EIN PLAN C?
Trotz der schwierigen Situation blicken die Veranstalterinnen und Veranstalter mit Zuversicht nach vorne. „Ich glaube, dass Kunst- und Kulturveranstaltungen zur Grundversorgung gehören“, sagt Christoph Möderndorfer, Leiter der O-Töne. „Wir freuen uns sehr, dass auch ein Festival wie das unsere endlich wieder möglich ist.“

Doch für einen reibungslosen Ablauf, wird es unter Umständen mehr als nur einen Plan brauchen. „Die Selbstverständlichkeit, mit der man in den vergangenen Jahren planen konnte, wird bis auf Weiteres so nicht gegeben sein“, so Josef Kirchner vom Literaturfest Salzburg. „Es ist sicherlich unabdingbar, zu jedem Zeitpunkt einen Plan B und bestenfalls noch einen Plan C zu haben.“ Wie wichtig Formate wie das Literaturfest Spezial gerade jetzt sind, macht Robert Prosser deutlich: „In Zeiten von Krisen und Unsicherheiten ist die Kunst ganz besonders gefordert und leistet wichtige Beiträge zum gesellschaftlichen Diskurs.“

Für Verena Müller von der Buch Wien sind Literaturveranstaltungen auf mehreren Ebenen essenziell: „Die Coronakrise hat auch die Buchbranche getroffen. Literaturveranstaltungen sind ein wirtschaftlicher Faktor, für Autorinnen und Autoren genauso wie für Verlage. Man merkt auch, wie zentral der direkte Austausch bei Kulturveranstaltungen für das geistige Überleben ist. Buchmessen sind der perfekte Ort für Gespräche, Debatten und Diskurs.“

Martin Tschoner ist überzeugt, dass sich die Autorinnen und Autoren genauso wie das Publikum auf die achensee.literatour freuen. „Wir hoffen natürlich, dass wir die 9.  Auflage der achensee.literatour wie geplant im September durchführen können. Für einige wird es die erste Lesung nach der coronabedingten Pause sein. Ich denke, die Menschen sehnen sich in Zeiten wie diesen nach positiven Erlebnissen und Ablenkung, da zählen für viele natürlich Kulturveranstaltungen wie Lesungen dazu.“

Was nimmt Magdalena Kauz aus den letzten Monaten mit? „Schnelles Umdenken. Die positiven Seiten der Digitalisierung annehmen. Professionell und mit Experten des Mediums­ arbeiten.“ Mit einem Augenzwinkern­ sagt sie dann noch: „Das Sprachsalz-Team wäre bei Bedarf durchaus zu mieten.“

Illustration: Georg Feierfeil
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