anzeiger 6/2023 – Empfehlungen aus dem Buchhandel und von TikTok

Helena Prinz aus der Grätzlbuchhandlung Lainz und die Influencer:innen Colin Hadler, Kristina Stojanović und Linda Lime empfehlen aktuelle Titel zum Schwerpunkt Sachbuch.

Text: Elisabeth Krenn-Stuppnig

Helena Prinz’ kleine Grätzlbuchhandlung Lainz zeichnet sich durch ein wohl durchdachtes und sorgfältig ausgewähltes Sortiment aus. Das Geschäft suchen vor allem Stammkunden aus dem „Dorf” auf, sagt Prinz lächelnd, und meint damit das Grätzl um die Lainzer Straße. Unter ihnen sind viele Psycholog:innen, Lehrer:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen. Sie schätzen die zahlreichen Sachbuchtitel, die stets prominent in einer der drei Auslagen liegen, oder sich in drei hohen Regalen finden. Prinz nennt sich selbst eine begeisterte Sachbuchleserin, auch weil dieses Genre dazu geeignet sei, ein „eurozentrisches und patriarchales Weltbild” aufzubrechen.

Als Beispiel nennt sie Aram Mattiolis „Verlorene Welten” (Klett-Cotta). Darin erzählt Mattioli die „Eroberung” Nordamerikas neu, und legte den Schwerpunkt auf die Beschreibung der vielen unterschiedlichen indigenen Bevölkerungsgruppen. „Endlich ein Buch, das dem komplexen Sachverhalt der sogenannten „Entdeckung Amerikas“ gerecht wird, und versucht, die kulturellen, sprachlichen, politischen Unterschiede zu dokumentieren, und die ‚Entdeckung Amerikas‘ mit all ihren Folgen als das beschreibt, was sie war: einer der größten Genozide der Menschheitsgeschichte”, sagt Prinz.

In eine ähnliche Kerbe schlägt für sie Dipo Faloyin, die mit „Afrika ist kein Land” (Suhrkamp) gegen die Simplifizierung eines ganzen Kontinents mit seinen 54 Ländern und über 2.000 Sprachen anschreibe: „Es ist der Versuch einer Korrektur einer globalen Wahrnehmungsverzerrung. Ein unbedingt lesenswerter Stoff, der mit Witz und Klarheit aufklärende Funktion hat, und für mich einen großen weißen Fleck in meiner Allgemeinbildung kartographiert.”

Gegen das Auslassen und Ignorieren weiblicher Perspektiven in der Kunst richtet sich eine weitere Empfehlung der Buchhändlerin: „The Story of Art without men – Große Künstlerinnen und ihre Werke“ (Piper) von Katy Hessel. Titel wie diesen brauche es „um die Einseitigkeit im männlich dominierten Kanon zu beseitigen.”

Eine Kategorie, die Prinz besonders am Herzen liegt, ist das Sachbuch für Kinder. Etwa „Kunst forschen” (Jungbrunnen) von Sigrid Eyb-Green, das sich vor allem zur Vor- und Nachbereitung von Ausstellungsbesuchen mit Kindern eigne: „Dieses Buch über Kunst ist selbst ein Kunstbuch”. Prinz ist von dem aufwendig gestalteten Buch begeistert. „Farbenlehre, Materialkunde und Kunsthistorisches wird so aufbereitet, dass es Erwachsene und Kinder gleichermaßen anspricht.”

Sachbuchneulingen empfiehlt Prinz Genreübergreifendes wie „1913” (S. Fischer Verlag) von Florian Illies. Er bringt in „kurzweiligen biografischen Häppchen, anekdotenhaft das kulturelle, künstlerische und politische Leben des Jahres 1913 nahe. „Ohne allzu viel Anstrengung bekommt man einen atmosphärischen historischen Rundumblick in ein Jahr und seine Auswirkungen auf das 20. Jahrhundert.”

Sachbuchaffinen Leser:innen, die „Kontroversielles suchen und nicht scheuen, sich stellenweise zu plagen”, empfiehlt Prinz Byung-Chul Han’s „Die Krise der Narration“ (Matthes & Seitz Berlin): „Ein wunderbares kleines Buch für alle, die Spaß an Metaebenen haben. Eine Abhandlung über das Erzählen in all seiner Komplexität. Klein, aber oho!”

Der Hashtag #BookTok hat auf TikTok über 23 Milliarden Aufrufe. Junge Leser:innen holen sich ihre Buchtipps mittlerweile bei Influencer:innen, die auf der Plattform bekannt sind. Wir haben drei von ihnen nach Empfehlungen im Bereich Sachbuch gefragt.

Colin Hadler schreibt und liest für Jugendliche. Um diese zu erreichen, nutzt der 21-Jährige TikTok. „Die Plattform spiegelt die Probleme, Anliegen und Themen der jungen Generation wider.” Seiner Zielgruppe empfiehlt Colin Hadler „Jeder ist beziehungsfähig” (Kailash Verlag) von Stefanie Stahl. „Gerade in dem Alter spielen Beziehungen eine wichtige Rolle” Die unbegrenzten Möglichkeiten im Onlinedating würden junge Erwachsene eingrenzen, auch, da hohe Erwartungen den Leistungsdruck erhöhen. „Dating wird immer komplizierter. Wir können erst dann eine glückliche Partnerschaft führen, wenn wir uns selbst kennenlernen. Dieses Buch ist eine Anleitung dazu.” Seine zweite Empfehlung „Mach mal halblang“ (dtv) von Matt Haig diene dazu, sich in einer „gefühlt immer schneller drehenden Welt” zurechtzufinden. „Ich habe jeden zweiten Satz mit Farbstift markiert“, sagt Hadler. Matt Haig gelinge es, „präzise, klar und unaufgeregt die Herausforderungen unserer Zeit zu präsentieren.”

Die BookTokerin Kristina Stojanović präsentiert auf ihrem Account serbische und deutschsprachige Belletristik, Klassiker und Sachbücher. Letztere müssten in einer Zeit, in der Informationen besonders schnell weitergegeben und konsumiert werden, auf ansprechende Gestaltung und Präsentation setzen, meint sie. „Es ist mittlerweile schwieriger, Sachbücher mit einer anspruchsvollen Seitenanzahl zu konsumieren.” Oft fehle Leser:innen Zeit und Konzentration. Besonderes Augenmerk müssten Verlage auf die Cover von Sachbüchern richten, um eine jüngere Zielgruppe zu erreichen. Ein gelungenes Beispiel sei „Cultish” von Amanda Montell (Harper Collins), all jenen empfohlen, die selten Sachbücher lesen und sich dem Genre nähern wollen. Ein „cooles Buch zum Thema Sekten und sektenähnliche Gemeinschaften, das sich schnell liest”, meint Stojanović. Besonders gelungen seien Sachbücher, die eine Geschichte erzählen, statt bloß Fakten wiederzugeben. Zum Beispiel das im aufbau Verlag erschienene Sachbuch „Femina“ von Janina Ramirez. Für alle, die am Mittelalter, interessiert sind und über die Frauen dieser Epoche etwas erfahren wollen. „Das Leben wichtiger weiblicher Persönlichkeiten, die den meisten von uns bis dato unbekannt gewesen, jedoch nicht weniger relevant für die Vergangenheit und unsere Gegenwart sind.”

Auch Influencerin Linda Lime ist in sozialen Netzwerken bekannt – über anderthalb Millionen Menschen folgen ihr auf Social Media. Die ehemalige Lehrerin ist selbst Sachbuchautorin und sagt, es werde immer schwieriger, jungen Menschen das Abenteuer „Buch“ schmackhaft zu machen. „In dieser schnelllebigen Welt muss es ein Buch erstmal schaffen, die Aufmerksamkeit zu halten”, sagt sie. Gelungen sei dies Autor Ali Mahlodji mit „Entdecke dein Wofür“ (GU). Die Geschichte vom stotternden Flüchtlingskind und Schulabbrecher zum Unternehmer, Speaker und EU- Jugendbotschafter sei „sehr inspirierend”, vor allem für jene, die noch nicht wissen, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollen oder unglücklich mit ihrer Situation sind. Ein weiterer Tipp: „Plastikfresser und Turbobäume“ (edition a) von Tara Shirvani. Ein „hoch aktuelles” Buch, in dem Shirvani, die synthetische Biologie als eine der größten Chancen beschreibt, unsere Welt zu retten.

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