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Anzeiger 5/2020 – Buchhandelsakrobaten

Die besten Buchhandlungen des Landes werden jährlich mit dem Österreichischen Buchhandlungspreis geehrt. Was ihre Qualität ausmacht – und was man sich von ihnen abschauen kann.

Text: Teresa Preis

Wie kommt man in Österreich auf die besten Buchhandlungen? Seit 2017 wählt eine jährlich wechselnde Jury fünf „Buchhandlungen des Jahres“ aus. Nachdem die Preisträger feststanden, kam die Pandemie über Österreich und alle mussten sich in kürzester Zeit kreative Lösungen überlegen, auch die Gewinner. Der Österreichische Buchhandlungspreis wurde vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels initiiert und wird zusammen mit dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport ausgerichtet.

BUCHHANDLUNG ALS ZIRKUS, NAHVERSORGER UND COMMUNITY
„Wir sehen uns als Cirque du Soleil des Buchhandels“, beschreibt Inhaber Markus Renk das Konzept der Wagner’schen Universitätsbuchhandlung in Innsbruck. „Die haben den Zirkus neu erfunden, indem sie ihn emotionalisiert haben, das Gleiche streben wir im Buchhandel an.“ Umgesetzt wird das etwa „mit unserem Bistro, mit ,Blind Dates‘- und ,Buchgenuss nach Ladenschluss‘-Veranstaltungen, mit Serviceleistungen wie Buchhändler buchen und mit unserem eigenen Magazin“. Um Bücher sollte es gehen, als Renk die Wagner’sche 2015 von Thalia übernahm und wieder zu einer inhabergeführten Buchhandlung machte. „Die rund dreißig Prozent Non-Book-Anteil wurden durch Bücher ersetzt. Das reine Buchhaus hat dadurch wieder eine ganz andere Kompetenz“, erklärt Renk.

Eine „klassische Grätzel-Buchhandlung“ sei die Buchhandlung Lerchenfeld in Wien, die von elementarer Bedeutung für die literarische Nahversorgung sei, schreibt Autorin und Jury-Mitglied Vea Kaiser auf Facebook. Die beiden Inhaber Bernhard Bastien und Wolfgang Posautz sehen sich mit ihrem Konzept von der Autorin verstanden. „Gute Musik, gute Bücher und leiwandes Klimbim“, fasst Bastien das Sortiment zusammen: „Die Auswahl ist bestimmt ein wichtiger Faktor, aber es hängt sicher auch an der Atmosphäre.“

Der queeren Fachbuchhandlung Löwenherz in Wien geht es nicht nur darum, als Qualitätsbuchhandlung gesehen zu werden. „Wir sehen unsere Kundinnen und Kunden nicht als Zielgruppe, sondern fassen uns als Katalysator und aktiver Teil der lesbisch-schwulen Community auf“, beschreibt das etwa Veit Schmidt. Gemeinsam mit Jürgen Ostler leitet er die 1993 gegründete Buchhandlung. Als Teil des Erfolgsrezepts sieht Schmidt auch ihre Aufgeschlossenheit für neue technische Möglichkeiten. „Wir haben das Internet immer als Chance gesehen, weder E-Books noch soziale Medien als Bedrohung aufgefasst. Und wir versuchen, neue thematische Interessen nicht nur zu erkennen, sondern vielmehr mitzugestalten.“

MARKETING ZWISCHEN LESEFÖRDERUNG, SOCIAL MEDIA UND KATALOGEN
Um an (neue) Kundinnen und Kunden zu kommen, braucht es besondere Konzepte. Alice Loske-Wirthmiller von der Buchhandlung Wirthmiller in Saalfelden kennt die Aufgabe: „Wir verkaufen Emotionen, Wissen und Glück zwischen zwei Buchdeckeln.“ Dafür schlüpfen Buchhändler laut Loske-Wirthmiller immer wieder in andere Rollen –­ sei es als Freunde, Therapeuten, Apotheker oder Zuhörer. Neben Lesungen und Veranstaltungen ist ihr die Leseförderung von Kindern ein großes Anliegen. Sie lässt Kindergruppen und Schulklassen bei einem Besuch auch mal hinter die Kulissen der Buchhandlung blicken. „Wir beantworten viele Fragen und veranstalten ein Vorlesefrühstück. Dabei können die Kinder Lesezeichen­ basteln­, und manchmal­ dürfen sie sogar Schaufenster gestalten.­“ Apropos Lesezeichen: „Wir entwerfen seit vielen Jahren eigene. Mittlerweile umfasst die Edition rund 180 Motive.“ Zu jedem Einkauf gibt es eines dazu. „Die ersten Motive sind nun unter unseren Stammkunden heiß begehrt.“

Wie sehr die Buchhandlung Lerchenfeld auf virtuelle Medien setzt, wird an ihrer Homepage klar. „Lesen, das geht ein, zwei Jahre gut. Dann bist du süchtig“, wird man auf ihrer Website begrüßt. „Wir haben einen sehr beliebten Facebook-Auftritt, der mit viel Augenzwinkern Beiträge rund ums Lesen bringt. Wir nehmen uns da selber nicht allzu ernst, das ist uns wichtig!“, sagt der Besitzer der Buchhandlung Lerchenfeld Bernhard Bastien.

Bei Löwenherz wiederum produziert man vierteljährlich einen Print-Katalog und kümmert sich um den Onlineauftritt. Dabei sind die Inhalte selbst verfasst und mit einer, das stationäre wie das Onlineangebot umfassenden, eigenen Beschlagwortung versehen. „Wir betrachten den Onlineshop als Filiale, den Laden als Labor – beides wird in jeweiliger Eigenheit vollgültig geführt und ergänzt das jeweils andere“, sagt Veit Schmidt, einer der beiden Inhaber.

10.000 EURO FÜR JEDE BUCHHANDLUNG – WAS GESCHIEHT DAMIT?
„Wir bieten Autorinnen wie Autoren ‚zum Angreifen‘ und geben bekannten wie auch unbekannten eine Chance, sich zu präsentieren“, schildert Besitzer Gerhard Tschugguel das Erfolgskonzept seiner Bücherstube Horn im Waldviertel. Das Herzstück des Geschäfts? „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. An diese soll auch der größte Teil des Preisgeldes gehen. Der kleinere Teil trägt zur Corona-Verlustabdeckung 2020 bei“, meint Tschugguel.

Die Krise hat manche Pläne für das Preisgeld durchkreuzt: So sagt Alice Loske-Wirthmiller von der Buchhandlung Wirthmiller in Saalfelden: „Derzeit gibt es noch keinen Plan, was wir mit dem Geld machen werden. Denn ein Buchfest, um mit Kunden und Buchbegeisterten zu feiern, geht ja derzeit nicht. An Ideen fehlt es trotzdem nicht.“

Bei der Wagner’schen in Innsbruck steht die Stimmung auf Feiern: „Jetzt lassen wir einmal die Korken knallen, es gibt ein Fest für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, freut sich Renk. „Auch ein Geschenk für alle kommt. Nicht nur als Dankeschön für den Buchhandlungspreis, sondern vor allem für den außerordentlichen Einsatz während der letzten Wochen.“ Einen Teil des Preisgeldes wird man außerdem für neue Serviceleistungen verwenden.

„Neues“ ist auch ein Stichwort für die Buchhandlung Löwenherz­. „Vor der Coronakrise hätten wir wohl freiweg gesagt: Wir werden den Laden gründlich renovieren“, sagt ihr Leiter Veit Schmidt. Nun sollen diese Pläne überdacht werden. „Klar ist für uns, dass das Geld eine Zukunftsinvestition sein muss. Etwa eine Investition in neue Technik, die es uns ermöglicht, weiter danach zu suchen, was eine Buchhandlung in Zukunft ausmachen kann.“ Schmidt sieht die Krise auch als Chance, Neues auszuprobieren.

SCHON BÜCHERWÜRMER, ABER AUCH MEHR ALS DAS
Das stationäre Einkaufserlebnis steht und fällt mit den Menschen im Geschäft und hinter dem Verkaufstresen. Loske­-Wirthmiller von der gleichnamigen Buchhandlung weiß das zu schätzen: „Die Buchhandlung funktioniert am besten im Team! Ohne ein gutes, faires und hilfsbereites Miteinander ist das nicht möglich. So hat auch unsere ganze Buchhandlung diese Auszeichnung erhalten und nicht ich allein“.

Auch Gerhard Tschugguel legt in seinem Geschäft den Fokus auf das Service. „Die Buchhändlerinnen und Buchhändler hier kennen die Lebensumstände, die Interessen und das Leseverhalten ihrer Kunden bestens. Das ist ein wichtiges Kapital für die Bücherstube“, weiß der Unternehmer. Auch wenn man für viele Kundenwünsche „den Spürsinn eines Sherlock Holmes“ bräuchte, ist Tschugguel überzeugt: „Wir finden, was andere nicht mehr suchen.“ Daher sollte sein Team neben dem Auftreten, der Persönlichkeit und der Selbstständigkeit vor allem auch aus „Bücherwürmern“ bestehen. „Eine Auszeichnung, kein Schimpfwort“, wie er betont.

Worauf wird in der Wagner’schen bei der Einstellung von Mitarbeitenden Wert gelegt? „Ich brauche Menschen, die für die Sache brennen, die meine Leidenschaft für Bücher teilen, aber auch gern mit anderen Menschen kommunizieren“, sagt Besitzer Renk. In den vergangenen vier Jahren hat sich das Team personell stark verändert. „Das hat dem Haus sehr gutgetan. Mit diesem Team kann man alles erreichen!“

ZWISCHEN KRISE UND NEUEN, VIRTUELLEN MÖGLICHKEITEN
Die Herausforderungen der letzten Monate prägt auch die ausgezeichneten Buchhandlungen. Bei Lerchenfeld etwa ist man seit der Wiedereröffnung nach der Corona-Zwangspause mit den neu gewonnenen Kundinnen und Kunden beschäftigt. „Aktuell gilt es, diese bis zu dreimal höhere Zahl an Neukundinnen und -kunden zufriedenzustellen. Und sie dabei so zu beeindrucken, dass sie auch langfristig bei uns bleiben wollen“, beschreibt Besitzer Bastien die Strategie. „Wunderschön, aber eben auch herausfordernd.“

„Als im März angekündigt wurde, dass ich meine Buchhandlung vorübergehend schließen muss, hatte ich erst einen Schock“, erzählt Loske-Wirthmiller. „Aber dann habe ich mir gesagt: Nun ist Zeit für das Buch. Für mich war wichtig, dass ich alle mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutze, um die Bücher zu den Leserinnen und Lesern zu bringen.“ Auch Familienmitglieder halfen mit. „Der Marktriese aus Amerika hat die Leserinnen und Leser im Stich gelassen, wir Kleinen haben sie betreut und mit Buchstoff versorgt.“

Bei der Wagner’schen freut man sich ebenfalls über das Versäumnis des Onlinegiganten. „Er hat uns durch die Einstellung der Buchlieferungen einen Elfmeter aufgelegt“, meint Markus Renk. Dieser Vorteil soll auch in Zukunft weiter genutzt werden. „Wir haben inzwischen eine eigene Kollegin im E-Commerce-Bereich positioniert.“

Was will man bei Löwenherz aus der Krise mitnehmen? „Wir möchten den Laden selbst stärker als bisher zum Ort der Wissensvermittlung machen und noch mehr Vorträge und Diskussionsveranstaltungsreihen anbieten“, so Veit Schmidt. „Die Form der Videoübertragung per Stream könnte hierbei eine große Chance sein.“ Von den Erfahrungen aus den vergangenen Monaten ist er positiv überrascht. „Gerade Titel aus der qualifizierten Backlist, die sonst nur alle ein bis zwei Jahre einmal gefragt waren, konnten wir durch Onlinevideos zum Teil in Partiestärke verkaufen.“

ZUKUNFT: IN DIE JUGEND INVESTIEREN UND EIN STARKES MITEINANDER
Wenn es um die Zukunft seiner Bücherstube geht, weiß Gerhard Tschugguel: „Wer die Jugend nicht in die Buchhandlung bringt, wird die Zukunft verpassen.“ Der Fokus auf den Nachwuchs überrascht nicht, Tschugguel leitet neben der Buchhandlung die Journalistenausbildung der Katholischen Medien Akademie. Was will er also unternehmen? „Wir kümmern uns um verstärkte Angebote an Schulen mit Lese-Bildung zur Leser-Bindung. Dazu soll es eine Mitgestaltungsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler geben“. Kunden sollen in viele Belange der Buchhandlung stark eingebunden werden, etwa bei der Planung der Öffnungszeiten nach Corona.

Für Alice Loske-Wirthmiller zeigt sich gerade jetzt, wie gut der Zusammenhalt innerhalb der Branche ist. „Es gibt ein starkes Miteinander zwischen Verlagen, Vertretern und Auslieferungen und Kollegen. Dieser Zusammenhalt ist auch weiterhin wichtig, wir brauchen einander.“

Die Preisträger 2020:

Wagner’sche
Museumstraße 4
6020 Innsbruck

Bücherstube
Hauptplatz 11
3580 Horn

Buchhandlung Lerchenfeld
Lerchenfelder Straße 50
1080 Wien

Buchhandlung Wirthmiller
Lofererstraße 28
5760 Saalfelden

Buchhandlung Löwenherz
Berggasse 8
1090 Wien

(c) Georg Feierfeil
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