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anzeiger 11-12/23 – Eine Frau macht den Mund auf

Den Brexit erklärt sie mit einem Wort: Putin! Autor:innen empfiehlt sie Auftritte als Stand-up-Comedian, auch sie selbst stellt sich vor betrunkene Männer und spricht. A. L. Kennedy sagt, was viele nicht hören wollen. Interview: Erich Klein.

Die britische Schriftstellerin A. L. Kennedy (*1965) wuchs im schottischen Dundee auf und studierte in Coventry Theatre Studies and Drama. Sie lebte lange in Glasgow, zog 2012 nach London und 2016 nach Wivenhoe. Von 2002 bis 2007 unterrichtete sie Creative Writing an der University of St Andrews in Schottland, seit 2007 ist sie Associate Professor an der University of Warwick. Sie veröffentlichte acht Bände mit Erzählungen und Kurzgeschichten sowie zehn Romane, zuletzt „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ (2023) im Hanser Verlag. A. L. Kennedy erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (2007) und den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln (2020). 

Frau Kennedy, Ihr neuer Roman ist in England noch nicht erschienen, wurde aber in Europa schon vorgestellt. Was ist der Grund?

A. L. Kennedy: Ich bin jetzt seit fünf Wochen unterwegs: Amsterdam, Basel, München, Paris, Wien, dann wieder Paris. Aber es macht Spaß. Der Buchtitel, wörtlich übersetzt, lautet: „Wir leben in einem barmherzigen Land“. Das Buch wird erst 2025 in England erscheinen. Die Verlage sind heutzutage alle äußerst nervös. Die großen Verlage konzentrieren sich aufs Geld. Das heißt auf Bildbände und die Bücher von Prominenten, womit sie viel verdienen. In den Zeitungen wird der Platz für Buchrezensionen immer kleiner. Ich habe mich gefragt, ob das Problem bei mir liegt. Oder an der Politik meines Buches. Zeitungen, die meine Bücher besprechen, vertreten eine ganz entgegengesetzte Politik. Womöglich denken die Marketingabteilungen: „Wir haben viele Rückmeldungen bekommen, es muss ein sehr gutes Buch sein, aber wir wissen nicht so recht, was wir damit anfangen sollen.“ Ich habe mit vielen Schreibenden gesprochen, und es stellte sich heraus, alle haben Probleme, Literatur überhaupt noch zu veröffentlichen. Ein bekannter Autor hat seinen Roman in Amerika veröffentlicht, um ihn in Großbritannien überhaupt gedruckt zu sehen, und dann ein Taschenbuch bei einem kleinen Verlag. Viele werden überhaupt nicht mehr veröffentlicht.

Es geht nur mehr ums Geld?

Kennedy: Die Ideologie, die dahintersteckt, ist ganz klar. Es handelt sich um eine große Krankheit, über die wir nicht reden. Ich wurde von einer Zeitung gefragt, ob ich etwas darüber schreiben möchte. Ich sagte nein, denn ich bin gerade erst umgezogen und will nicht, dass die Leute wissen, wo ich wohne, auf dass die wieder mein Haus angreifen und andere unschöne Dinge passieren. Die Redakteurin schrieb zurück: „Du bist nicht die Einzige, der es mittlerweile so geht.“

Das klingt fast wie ein Horrorroman. Soll es etwa in Zukunft keine „London Review of Books“ mehr geben?

Kennedy: Das ist traurig, aber so ist es. Ich muss als Autorin künftig wohl meine eigene Managerin spielen und darüber nachdenken, ob es mir wichtig ist, im eigenen Land zu publizieren. Man muss sich dann fragen, was es bedeutet, im eigenen Land veröffentlicht zu werden. Seit dreißig Jahren rede ich davon, wie gern ich Europäerin bin. Jetzt kann ich mich fragen, ob es mir wichtiger ist, in Europa veröffentlicht zu werden oder in meinem eigenen Land. Es ist so, als wäre man im Exil, aber ohne das eigene Haus zu verlassen. Einerseits ist das furchtbar, andererseits bin ich genötigt, darüber nachzudenken, welche Nationalität man als Schriftsteller:in hat …

Das klingt fast nach Österreich, wo es auch oft darum geht, bei deutschen Verlagen zu publizieren …

Kennedy: Bei schottischen Verlagen verhält sich das ähnlich. Wenn eine Autorin nur in Schottland veröffentlicht, ist das nicht gerade von Vorteil. Aber all das passt in unsere Zeit, in der der Kapitalismus das Verlagswesen bestimmt. Die großen Verlage werden heute von den Marketingabteilungen geleitet. Deren Modell ist: Du veröffentlichst selbst online, bezahlst für das Coverdesign, für Lektorat und Redaktion, die das Ganze online stellt. Damit, heißt es, wird man schon auf dich aufmerksam werden, du könntest aber noch ein bisschen mehr für dein Buch tun. Irgendwann werden sich Autor:innen zusammentun und sagen, okay, wir werden kooperativ veröffentlichen, weil die Verlage nichts für uns tun.

Woher nehmen Sie die Überzeugung, dass Bücher überhaupt überleben werden?

Kennedy: Weil Geschichten immer überlebt haben. Wer ich bin, das ist die Geschichte, die ich mir erzähle. Wo ich lebe, erfahre ich aus den Geschichten, die ich darüber höre, was es bedeutet, hier oder dort zu ­leben. Alles ist Erzählung. Politik ist Erzählung. Es wird immer etwas geben, das wie ein Buch ist. Technologisch gesehen sind E-Reader nicht so gut wie Bücher, weil sie nicht von Menschen entwickelt wurden, die Bücher lesen. Sie wurden von denen entwickelt, die mit Computern zu tun haben. Die Möglichkeiten eines Buches wie die Fähigkeit, es zu spüren, sein Geruch, die lange Zeit, die man mit den Protagonist:innen verbringt, sind in anderen Formen nur sehr schwer zu reproduzieren. Irgendwann wird man vielleicht andere Formen finden, aber auch diese werden immer etwas sein, das wie ein Buch ist.

Kommen wir zur kleinsten Form der Literatur – zur Lyrik. Sie schreiben Prosa. Lesen Sie Gedichte?

Kennedy: Ich habe in meinen Teenager­jahren und Twens viel Lyrik gelesen. Jetzt lese ich nicht mehr so viel. Gelegentlich nehme ich an Lyrik-Jurys teil und komme immer wieder zum Schluss, mancher Gedichtband wäre fantastisch, hätte man ihn besser ­redigiert. Es gibt heute meist keine Zeit für ein Lektorat. Viele Bücher werden ruiniert, weil keiner sagt, diese Gedichte sind in Ordnung und mit anderen sollte noch gearbeitet werden. Auch das hat mit einer Krankheit in der Buchbranche zu tun – mit Unterbesetzung und Mittelkürzungen. Kurz, ich mag Gedichte.

Aber Sie lesen sie nicht …

Kennedy: Nicht oft. Es gibt Gedichte, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Ich lese sie nicht oft, aber ich gehe auch nicht oft in die Oper oder zu einer Tanzvorstellung. Zwar mag ich all das sehr, ich denke aber nicht daran, außer jemand sagt: „Hier ist eine Eintrittskarte für dieses Ballett, das musst du dir anschauen!“ Was Prosa und die Prosaautorin betrifft. Ich versuche, in meiner Prosa das zu tun, was auch Poesie tut. Ordentliche Prosa macht dasselbe wie Poesie und noch mehr, sie ist länger! Eigentlich ist diese Art der Klassifizierung in Prosa und Poesie nichts als willkürlich. Gedichte schreibe ich, wenn ich krank bin und mir die Energie fehlt, etwas Langes zu schreiben. Es ist natürlich eine lustige Sache: Bei Lesungen in Irland wollen die Leute immer Gedichte hören, etwas Lyrisches und Musikalisches. Wenn du dann auftrittst und Prosa liest, die lyrisch und musikalisch ist, sagen die Leute: „Oh, was war denn das?“ Prosa soll nicht schrecklich klingen, wenn man sie liest. Wenn du in Russland liest, klingt in der Übersetzung alles immer pathetisch wie Pasternak! (lacht) Wie gesagt, die Frage nach Prosa oder Lyrik ist auch eine Frage der Energie. Befindet man sich gerade in Schwierigkeiten, hat man vielleicht gar nicht ausreichend Energie, einen ganzen Roman zu lesen, aber man kann ein Sonett lesen, was die Sache auf den Punkt bringt.

Sie sind seit einiger Zeit auch Stand-up-Comedian …

Kennedy: Man lernt dabei etwas über Rhythmik und Exaktheit. In einem Raum voll betrunkener Menschen in Glasgow aufzutreten ist schon etwas Besonderes! (lacht) Der Moment der Interaktion mit dem Pu­blikum ist wichtig. Ich glaube, das sollten alle Schriftsteller:innen tun. Man tritt auf die Bühne und denkt, diese Leute wollen mich jetzt verprügeln. Finde ich aber die passenden Worte, werden sie mich vielleicht sogar mögen – selbst als Frau. Frauen, die den Mund aufmachen, sind nicht sehr beliebt. Man trifft an solchen Orten hauptsächlich betrunkene Männer, die keine Frauen hören wollen. Frauen, die den Mund aufmachen, gelten nicht gerade als nette Typen.

Können Sie in einem Satz sagen, warum es zum Brexit kam?

Kennedy: Das lässt sich mit einem Wort sagen: Putin! Putins Geld war der Grund. London lag am Boden, die konservative Tory-Partei wurde durch russisches Geld aufgefressen. Unzählige Politiker:innen haben von den Russen Geld genommen, es gab endlose Onlinekampagnen für den Brexit. England war ein Probelauf für die Wahl von Trump. Eine stabile westeuropäische Demokratie wurde mit Fehl- und Desinformation geradezu auf Kriegsniveau geschossen. Die EU-Mitgliedschaft stand bis dahin außer Frage, dann begannen dumme Journalist:innen, den Brexit-Befürworter:innen viel zu viel Zeit zu widmen, und machten daraus ein großes Thema. Plötzlich war das Referendum da, von dem niemand dachte, dass es eine Mehrheit bekommen würde. Das Ganze war ein unglaublicher Zaubertrick, hinter dem die übelsten Menschen dieser Welt stehen. Nachdem das Ganze in Großbritannien gelungen war, wurde dasselbe Spiel noch einmal bei der Wahl von Trump mit dem Geld von rechten Millionären durchgespielt.

Ist das nicht ein bisschen viel Verschwörungstheorie? Sind Wähler:innen tatsächlich so dumm, sich einfach manipulieren zu lassen?

Kennedy: Sie sind nicht dumm, aber man kann offenbar ein Drittel der Menschen eines Landes dazu bringen, alles mögliche Zeug zu glauben. Zumindest der amerikanische und der britische Geheimdienst behaupten, dass es genau so zum Brexit kam. Es gibt bei uns jetzt eine Covid-Untersuchung, eine Untersuchung zum Brexit wird es nie geben, weil da russisches Geld im Spiel war, das in „Londongrad“ ohnedies auf der Straße liegt. (lacht) Der Einfluss von Putins Oligarchen ist bekannt. Putin will keine stabile EU, die zum Beispiel die Menschenrechte fördert, er will vielmehr deren Aufspaltung. Es war eine Shit-Show, und das Ergebnis sehen wir jetzt im Krieg in der Ukraine. Es gibt jeden Monat zu viele Tote, viel zu viele Tote wegen dieser Shit-Show!

Boris Johnson ist noch nach seinem Rücktritt nach Kiew gereist und ließ sich dort feiern …

Kennedy: Wir haben der Ukraine nie etwas wirklich Bedeutendes gegeben. Der blonde Premier-Idiot hasst uns, wollte aber immer geliebt werden. Deshalb wurde er Premierminister. Er kann aber nicht einmal auf die Straße gehen, ohne dass ihn die Menschen hassen. Das war schon am ersten Tag nach seiner Wahl so, schon da gab es große Demonstrationen gegen ihn. Man rief: „Verschwinde!“ Es ist wirklich eine traurige Geschichte!

Sie meinen also, dass die russisch-britischen Beziehungen das eigentliche Problem beim Brexit waren?

Kennedy: Ich glaube, Putin hat eine Checkliste, um all das zu erreichen, was Stalin seinerzeit nicht gelang. Es ist bekannt, dass Stalin Großbritannien hasste und es zerstören wollte. Es fanden sich in England ja auch Personen, die dabei gerne mitspielten.

Sie meinen die Cambridge Five, die sich in den 1930er-Jahren als Spione für die Sowjetunion rekrutieren ließen?

Kennedy – Ja, genau die. Junge Burschen, die aus Eliteschulen wie Eton, Oxford oder Cambridge kamen und emotional ziemlich beschädigt waren, gebrochene Menschen, die keinerlei Loyalität kannten und ungeliebt waren. Sie ließen sich als Spione rekrutieren. Heute findet man Menschen in Amerika, in Ungarn, in der Türkei oder in Großbritannien, die für Geld dazu bereit sind.

Da wir gerade bei Russland sind: Was halten Sie vom Cancelling russischer Kultur?

Kennedy – In Großbritannien haben wir keinerlei Interesse an Kulturen aus dem Rest der Welt. Stattdessen haben wir den in ­London lebenden Oligarchen viel Zeit gelassen, um ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Sie sind eine politisch sehr engagierte Autorin. Gibt es Momente, in denen Sie sich sagen, es ist zu viel?

Kennedy: Aus irgendeinem Grund zeigen wir uns in Großbritannien plötzlich über Flüchtlinge besorgt, aber nur weil sie christlich und weiß sind. Ich meine die Flüchtlinge aus der Ukraine, die alle Unterstützung verdienen. Über all die anderen Flüchtlinge waren wir nie besorgt. Jetzt zeigen wir uns furchtbar besorgt über den Terroranschlag der Hamas; andere Länder, in denen es schreckliche Terroranschläge gibt, gehen uns nichts an. Wir haben sogar begonnen, die Bedeutung des Todes von palästinensischen Babys abzuwägen. All das ist Wahnsinn! Es gibt immer irgendwo Scheiße, aber wir kümmern uns immer nur um einige Todesfälle, immer nur um ein paar Kinder und ein paar Flüchtlinge. So lange wir das tun, kümmern wir uns aber nicht genug darum, die Welt stabiler zu machen. Stattdessen erklären uns Faschisten, dass wir durch Fremde ersetzt werden. Dabei leben wir in einem Europa, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg jeder von woanders herkam. 1945 war praktisch niemand „immer schon da“. In Großbritannien kam jeder von woanders. Man kann nur sagen: Werdet endlich erwachsen, nehmt den politischen Diskurs selbst in die Hand und überlasst ihn nicht denen, die ständig Angst vor anderen Menschen schüren!

Die Hauptfigur Ihres Romans ist eine Lehrerin, ein „Gutmensch“ im besten Sinn. Wären Sie keine Schriftstellerin, was könnten Sie sonst noch sein?

Kennedy: Das weiß ich nicht! Ich glaube, ich wollte immer schon zum Theater. Vermutlich hätte ich irgendetwas am Theater gemacht. Schon als ich noch jung war, habe ich gewusst, dass ich keine erkennbar besonderen Fähigkeiten habe. Es war sehr einfach, Schriftstellerin zu werden. Mir fiel einfach nichts anderes ein, das ich hätte tun können.

Der ideale Leser leide unter Schlaflosigkeit, heißt es. Was lesen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?

Kennedy: Ich vermute, dass ich dann gar nicht lese! Wenn ich nämlich zu lesen beginne, interessiere ich mich dafür, was ich lese, und kann dann erst recht nicht schlafen. Am ehesten gingen noch die Autorinnen aus dem Goldenden Zeitalter des Kriminalromans: Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers.

Stimmt es, dass „Moby Dick“ für Sie das größte Buch aller Zeiten ist?

Kennedy: Ich kann nicht sagen, dass es das beste Buch aller Zeiten ist, aber ich denke, es ist ein absolut großartiges Buch. Jedes Mal, wenn ich auf einem Schiff bin und den Atlantik überquere, lese ich „Moby Dick“, mitten auf dem Atlantik bei stürmischer See. Das ist schon etwas Besonderes!

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(c) Stefan Knittel