anzeiger 10/23 – „Wir müssen uns um sie kümmern!“

„Wir müssen uns um sie kümmern!“

Fordert Daniel Glattauer im Fall von Flüchtlingen und geht mit gutem Beispiel voran. Auf der Buch Wien las aus dem neuen Roman „Die spürst du nicht“.

Seit Erscheinen seines Romans „Gut gegen Nordwind“ (2006) ist Daniel Glattauer einer der bekanntesten Autoren der österreichischen Gegenwartsliteratur. In seinem jüngsten Roman „Die spürst du nicht“ (Zsolnay) schreibt er erstmals über ein sozialpolitisch brisantes Thema: Flucht und Migration.

Interview: Linn Ritsch

Herr Glattauer, mögen Sie Buchmessen?

Daniel Glattauer – Für einen Autor können sie manchmal anstrengend sein, aber als Konsument finde ich sie großartig. Es kann gar nicht genug beworben werden, dass Menschen dorthin gehen, wo Bücher lebendig werden. Als Publikumsmesse ist die Buch Wien sehr angenehm. Sie hat den typisch österreichischen Charme: Sie ist gemütlich und lädt zum Herumflanieren ein. Ich freue mich, wenn sie in den nächsten Jahren noch zugkräftiger wird!

Wie ist „Die spürst du nicht“ aufgenommen worden?

Glattauer – Was die Verkaufszahlen betrifft, kann ich sehr zufrieden sein. In Österreich ist das Buch sensationell gut angekommen, auch in Deutschland hat es großes Interesse geweckt. Ich glaube, dass es auch gut verstanden worden ist. Obwohl meine Leser:innen eine solche Thematik von mir nicht gewohnt sind: Ich habe den Ruf eines Unterhaltungsliteraten. Die heile Welt, die man gern in meine Bücher hineininterpretiert – fälschlicherweise, finde ich –, gibt es hier nicht. Die Figuren sind kontrovers, sie haben Abgründe. Damit möchte ich zeigen, wie wir in Westeuropa sind, wir alle hier.

Warum diese politisch brisante Thematik?

Glattauer – Ich habe keine Lust, dem Publikum immer nur einen Teil von mir zu zeigen, nur weil es der Teil ist, der mich bekannt gemacht hat. Ich schreibe über das, was mich interessiert. In diesem Fall hatte ich zuerst nur die Ausgangssituation im Kopf: Ein Flüchtlingskind ertrinkt im Swimmingpool von wohlhabenden Österreichern. Die Beschäftigung damit lag auch privat nahe. Ich kenne den Umgang mit Flüchtlingen und weiß, wie Menschen auf sie reagieren.

Gemeinsam mit Ihrer Frau unterstützen Sie Jugendliche aus Somalia und Afghanistan.

Glattauer – Mittlerweile habe ich eine ­Ahnung von dem, worüber ich schreibe. Etwa die Fluchtgeschichte am Ende des Romans. Ich konnte sie erzählen, weil ich Flüchtlinge aus Somalia kenne, die mir ihre Geschichte zumindest bruchstückhaft erzählt haben. Darüber zu sprechen fällt vielen von ihnen sehr schwer. Ich wusste lange nicht, wie so eine Flucht vonstatten geht, und viele Leute wohl auch nicht. Deswegen wollte ich davon erzählen. Sieht man hier junge Migrant:innen womöglich mit feschen Sportschuhen und einem neuen Handy in der Hand, denken viele: Die sind gekommen, um unser System auszunützen, auf Kosten anderer. Ein furchtbarer Gedanke, über den ich mich sehr ärgern kann. Diese Menschen tragen oft schreckliche Geschichten mit sich, die sie ein Leben lang verdauen müssen. Aber einen Aufklärungs- oder Bildungsanspruch habe ich nicht. Ich will nur vom Leben erzählen. Sodass man die Personen spürt, von denen ich erzähle. Wir glauben gerne, dass wir gute Menschen sind, obwohl wir in Wirklichkeit zu wenig tun. Das zeugt von einer gewissen Kühle. Trotzdem schreibe ich nicht mit erhobenem Zeigefinger und verurteile meine Figuren nicht.

Sie haben im Roman auch Pressemeldungen und Postings eingebaut. Warum?

Glattauer – Meine Hauptfigur ist Politikerin. So hat es sich mir aufgedrängt, auch mediale Berichterstattung in das Buch hineinzunehmen. Von dort bin ich einen Schritt weitergegangen, zu den Postings in Foren von Onlinemedien. Die sind mir persönlich ein Gräuel, faszinieren mich aber auch: Das sind Meinungen, die Einfluss darauf haben, wie Politik gemacht wird. Als Onlineforen neu waren, waren die Postings fast nur positiv. Ich kann mich an diese Anfangszeit noch gut aus meiner Zeit als Journalist erinnern. Dann ist die Stimmung sukzessive negativer geworden. Besonders arg ist die Lawine hasserfüllter Postings immer dann, wenn es um das Flüchtlingsthema geht.

Was müsste sich ändern, damit man Flüchtlinge mehr „spürt“?

Glattauer – Man müsste bei der Integration viel schneller und intensiver auf die Menschen zugehen. Es gibt auch bereits Ideen, die in diese Richtung gehen. Aber sie müssten rascher umgesetzt werden. Das ist nicht immer einfach: Jugendliche Flüchtlinge werden aus verschiedensten Gründen nicht so schnell Teil unserer Gesellschaft. Sie brauchen Zeit zum Ankommen. Manche können nicht mit der Freiheit umgehen, die sie bei uns haben. Sie zu unterstützen ist nicht leicht, aber wir müssen es tun. Glücklicherweise gibt es Stimmen, die unterstreichen, dass wir ein wirtschaftliches Interesse an diesen Menschen haben. Es herrscht Arbeitskräftemangel, wir brauchen Zuwanderung.

Was kann jede:r Einzelne tun?

Glattauer – Gestern waren meine Frau und ich wieder bei der afghanischen Familie, deren Tochter wir betreuen. Mittlerweile sind auch ihre Eltern in Österreich. Für sie gibt es hundert Themen, bei denen sie Hilfe brauchen. Sich allen anzunehmen, wäre ein Vollzeitjob. Das geht sich für eine Person nicht aus. Ausgehen würde es sich, wenn jeder und jede ein bisschen etwas tun würde. Es braucht eine Änderung der Stimmung. Die Politik müsste sagen: Wer hier ist, dem müssen wir helfen! Aber es geht immer nur um den Schutz vor zu vielen Flüchtlingen im Land. Ich wünsche mir einen Stimmungsumschwung – europaweit.

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