Zudem existierten damals noch einige Literaturzeitschriften in Tirol, die zu einer vielfältigen Literaturszene beitrugen. Mit der Eröffnung einer eigenen Institution für Literatur wurde damals von den Fördergebern Bund, Land Tirol und Stadt Innsbruck ein starkes Zeichen für die Literatur gesetzt.
Die Tiroler Literaturlandschaft der 1990er Jahre prägte die Auseinandersetzung mit der Natur und ihrer Zerstörung durch den Tourismus sowie das (sprach)kritische Nachdenken über Heimat. Der Ötztaler Mundartdichter, Volkskundler und Bergbauer Hans Haid machte mit seinen kritischen Gedichten im sperrigen Ötztaler Dialekt auf die einschneidenden Veränderungen durch den Tourismus aufmerksam.
Felix Mitterer schrieb mit der Piefke-Saga eine Antiheimatsatire, die bis heute aktuell ist und Norbert Gstrein verarbeitete die Wortkargheit des Ötztals und seine Irritation über den rasant wachsenden Tourismus in seinem Romandebut, um einige markante Beispiele zu nennen. „Was bräuchte gerade Tirol dringender, als sich mit Dingen zu befassen, die kein Après Ski Delirium nach Après Ski Exzessen sind, welches eben nur Après Ski Gedanken hervorbringt. Und sonst nichts. Was also hat gerade Tirol deshalb nötiger, als ein Literaturhaus?“, fragte die Lyrikerin Barbara Hundegger in ihrer Rede zum 25. Bestehen des Literaturhauses am Inn am 8. Juli 2022.
Das literarische Debut der Lyrikerin und die Gründung des Literaturhauses am Inn fanden nahezu zeitgleich statt und von Anfang an bestand eine enge Verbindung zur feministischen und gesellschaftskritischen Lyrikerin, die sich in mehreren gemeinsamen Projekten niederschlug. Dem Literaturhaus am Inn war es von Beginn an ein Anliegen, nicht nur die 10. Etage eines Hauses in der Innsbrucker Josef-Hirn-Straße zu bespielen, sondern immer wieder auch außer Haus Projekte im öffentlichen Raum zu verwirklichen, auch daran beteiligte sich Hundegger mit unterschiedlichen Künstlerinnen mehrfach. 2015 gründete die Lyrikerin gemeinsam mit dem Literaturhaus am Inn und dem Innsbrucker Literaturverein 8ung Kultur das internationale W:ORTE Lyrikfestival.
Innsbruck hat sich, so ist in den letzten Jahren zu beobachten, zu einem (wenn auch noch kleinem) Zentrum für Poesie entwickelt. Ausschlaggebend dafür ist u. a. die im Herbst 2016 gegründete erlesene Reihe des Innsbrucker Limbus Verlags „Limbus Lyrik“. In dieser Reihe veröffentlicht beispielsweise die junge in Innsbruck lebende Lyrikerin Siljarosa Schletterer. Schletterers Poesie ist auf besondere Art mehrsprachig. Sie nutzt, neben dem Hochdeutschen den Dialekt des Tiroler Außerferns bewusst als gleichwertige, poetische Sprache. Der Einsatz des Dialekts als eigenständige und selbstbewusste Poesiesprache, wie ihn bereits der Ötztaler Dichter Hans Haid prägte, ist gegenwärtig in Tirol vor allem unter Lyrikerinnen zu beobachten, die stark und einprägsam feministische Themen, wie den weibliche Körper, Fragen nach Identität und Care-Arbeit kritisch in ihren Gedichten verhandeln.
Die Tiroler Literaturszene wird im Online-Magazin des Literaturhauses „Lilit – Literarisches Leben in Tirol“ (abrufbar auf dem Portal literaturtirol.at) in redaktionell betreuten Rezensionen und Beiträgen laufend abgebildet. In das Portal eingebunden ist außerdem ein gemeinsamer Literaturkalender, in den sich alle Literaturveranstaltenden der Stadt eintragen können. So wird versucht in einer kleinen Stadt wie Innsbruck Überschneidungen von Veranstaltungsangeboten zu vermeiden.
So bietet das Literaturhaus am Inn für (mittlerweile viele) Interessierte und Schreibende einen besonderen Begegnungsort, in dem abseits der um sich greifenden Polarisierungs- und Empörungskultur die Literatur einen Raum findet, der zum Zuhören, Aufatmen und Denken einlädt.
Text: Gabriele Wild, Programm, Literaturhaus am Inn
Herz & Mund & Tat & Leben – das Literaturhaus am Inn

Das Logo des 1997 gegründeten Literaturhauses am Inn mit den vier Piktogrammen, die, frei nach der berühmten Bach-Kantate, Herz und Mund und Tat und Leben symbolisieren, verweist auf ein gemeinsames Erleben von Literatur mit allen Sinnen. In der Programmierung setzt das Literaturhaus am Inn auf Offenheit und Vielfalt: Neben der Förderung von Literatur aus Tirol gilt es den Blick sowohl auch auf Literatur aus Österreich zu richten sowie die Literaturen anderer Länder, Sprachen und Zeiten ins Gespräch zu bringen. In unterschiedlichen Literaturvermittlungsformaten stellt das Haus die Literatur als Medium der Erkenntnis ins Zentrum. Die Veranstaltungen können ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt besucht werden.
