Wir Buchmenschen werden diesen euphorischen Moment der Freude nie verspüren, denn was ist bei uns die Ziellinie? Wenn wir das Wort „Ende“ unter einen langen Roman setzen? Wenn dieser an den Verlag geschickt wird? Wenn das Lektorat beendet ist, das Buch in den Buchhandlungen aufliegt, wenn es eine hymnische Rezension bekommt, wenn eine Leserin sagt, sie war davon zutiefst berührt, wenn man nach einer Lesung denkt, das war ja tatsächlich gar nicht so schlecht? Oder wenn man in einem Festsaal sitzt, auf der Bühne steht eine etwas gereifte Figur, öffnet ein Kuvert und verkündet einen Namen, deinen Namen! Auf diesen Namen hat sich eine fünfköpfige Jury geeinigt, eine Jury, die keine Stoppuhr zur Verfügung hatte und nicht einmal den Luxus verschiedener Disziplinen wie Slalom oder Abfahrt. Die einzige Kategorie war „Buch“. Es war, wie wenn bei den Olympischen Spielen ohne Uhr, Waage oder Punktesystem zwischen einer Bodenturnerin und einem Marathonläufer entschieden werden müsste, zwischen dem Damen Handballteam und einem Gewichtheber. Ich hege Sympathien für den Marathonläufer, weil ich da am ehesten eine Ahnung habe und weiß, wie unmöglich es ist, 42,2 Kilometer lang in einem Tempo zu laufen, das sogar trainierte Hobbysportler nur 500 Meter mithalten könnten. Aber ist die Körperbeherrschung der Bodenturnerin nicht eine noch größere Performance, noch unglaublicher?
Genauso ratlos waren wir bei der ersten Jurysitzung. Jeder einzelne Text war eine außerordentliche Leistung, ein Zeichen von Talent, zäher Arbeit, konzentriertem Willen und Kunstsinn. Wie schön wäre es doch, wenn man das messen könnte! Und wie schrecklich. Denn Kunst kann alles sein, nur nicht messbar, sonst wäre sie keine. Umso magischer war es, wie sich nach und nach aus den über hundert zum Buchpreis eingereichten Titeln die Longlist herauskristallisierte. In den langen und zähen Diskussionen ging es einzig allein um die Literatur, so als wären die Texte anonym eingereicht worden, kein einziges Mal waren persönliche Bekanntschaften, Verlage, Geschlecht, Alter oder Lebenslauf ein Thema, immer stand das Buch allein im Vordergrund. Und jedes einzelne dieser Bücher versuchten wir, ohne Stoppuhr und Waage, in der Jury abzumessen, abzuwägen, abzuklopfen. Einige Lieblingstexte blieben dabei auf der Strecke.
Ich weiß, wie weh das tun kann. Als ich meinen letzten Roman im September 2022 nicht auf der Longlist fand, hat mich das in eine veritable Krise gestürzt (nie habe ich bisher darüber gesprochen, nicht einmal im privaten Gespräch, zu eitel und kleinlich erschien mir das. Doch vor kurzem hörte ich ein Interview mit Eva Menasse, in dem sie offen zugab, wie sehr es sie erschüttert hatte, als es Dunkelblum nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Da erkannte ich, dass es ohnehin allen gleich geht).
In der Jury waren wir uns unserer Verantwortung deshalb sehr bewusst. Und wenn wir auch das eine oder andere Buch schweren Herzens zurücklassen mussten, so freut es uns umso mehr, verkünden zu dürfen, wie herausragend die zehn Titel der Longlist und die sechs nominierten Debüts sind. Kommet und leset alle davon!
Text: Stefan Kutzenberger
