Patrick Zöhrer im Interview

„Wir wollen Menschen erreichen, die sonst vielleicht nie auf eine Buchmesse gehen würden“

Die Vorbereitungen für die Buch Wien laufen auf Hochtouren. Wie ist die Stimmung im Team kurz vor dem Messeauftakt?

Wir haben derzeit eine Sechs-Tage-Woche, jeder arbeitet mit vollem Einsatz – aber die Vorfreude ist dieses Jahr riesig. Es gibt so viel Neues, allen voran die zusätzliche Halle, auf die wir alle schon gespannt sind. Und auch der Spaß kommt bei uns im Team nicht zu kurz – wir lachen viel gemeinsam.

Mit Julia Kospach hat die Buch Wien eine neue Kuratorin für Belletristik und Sachbuch im Team. Welche Impulse bringt sie ein?

Julia hat sich in kürzester Zeit zu einem äußerst wertvollen Teammitglied entwickelt. Sie bringt viele neue Ideen, Perspektiven und ein gutes Gespür für Themen ein – und ist auch für unsere anderen Programmbereiche eine große Bereicherung. Oft läuft es so: Wenn einer von uns beiden eine Idee hat oder etwas Spannendes entdeckt, wird das sofort als WhatsApp geschickt – diese Dynamik mag ich sehr. Besonders schätze ich an ihr die Verbindung aus intellektueller Exzellenz und pragmatischem, wirtschaftlich klugem Denken.

In Halle C bekommt „Young & New Adult“ noch mehr Platz. Wie möchte die Buch Wien diese Community ansprechen?

Wir wollten für diese Community eine eigene Welt schaffen. Insgesamt nehmen heuer rund 30 Verlage und Imprints auf etwa 1.000 Quadratmetern teil, die meisten davon erstmals mit eigenen Ständen. Das ist ein starkes Wachstum – im Vorjahr waren es noch rund 200 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche.

Dazu kommt ein deutlich erweitertes Angebot: die neue Thalia New Adult Bühne, eine DIY-Area, ein Meet&Greet-Space und ein großer Signierbereich. Das Ganze soll ein Erlebnisraum werden, der genau die Atmosphäre bietet, die diese Szene ausmacht.

Auch international ist das Programm heuer stark besetzt.

Ja, und zwar quer durch alle Genres: Aus Deutschland kommen Caroline Wahl, Ulrike Draesner, Takis Würger und Florian Illies, aus der Schweiz Ilma Rakusa, Martina Clavadetscher und Peter Stamm. Aus Frankreich reist die Queer-Ikone Constance Debré an, aus Italien die Feminismus-Pionierin Dacia Maraini, aus den USA Gustavo Faverón Patriau und V. V. Ganeshananthan, aus Norwegen Matias Faldbakken und aus Israel Ayelet Gundar-Goshen.

Dazu kommen viele exil-literarische Stimmen wie Usama Al-Shahmani (Irak), Aliyeh Ataei (Iran), Sergej Lebedew (Russland) und Ganna Gnedkova (Ukraine). Und ein besonderes Highlight: der franko-kanadische Graphic-Novel-Star Guy Delisle und die französische Comic-Zeichnerin Catherine Meurisse, die 2020 als erste Comickünstlerin in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen wurde.

Wie positioniert sich die Buch Wien im Vergleich zu Frankfurt oder Leipzig – was macht sie besonders?

Wir gehen bewusst unseren eigenen Weg. Ich schätze Frankfurt und Leipzig sehr, aber ich orientiere mich stärker an anderen erfolgreichen Festivals, die es schaffen, Begeisterung und Bindung zu erzeugen.

Unser Ansatz ist, neue Zielgruppen anzusprechen – mit Themen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, mit unseren Podcast-Kooperationen, Science-Workshops und Debatten. Wir wollen Menschen erreichen, die sonst vielleicht nie auf eine Buchmesse gehen würden.

Denn das muss der Auftrag einer Buchmesse sein, die vom Branchenverband organisiert wird: nicht nur ein Ort für Vielleser zu sein, sondern auch jene zurückzugewinnen, die sich anderen Medien und anderen Freizeitaktivitäten zugewandt haben. Darin liegt die große Chance – Menschen wieder für Bücher zu begeistern und damit neue Käufer zu schaffen.

In Zeiten zunehmender Polarisierung, Wissenschaftsskepsis und Desinformation: Welche Verantwortung trägt eine Buchmesse heute?

Wir verstehen uns als Ort, an dem echte Debatte möglich ist. Es geht nicht darum, Meinungen vorschnell zu verurteilen, sondern darum, unterschiedliche Sichtweisen ins Gespräch zu bringen. Unsere Debattenformate sollen genau das fördern: zuhören, widersprechen, argumentieren – und neue Perspektiven entdecken.

Denn die Bereitschaft, Abweichendes auszuhalten, nimmt spürbar ab. Wir urteilen oft, bevor wir überhaupt zugehört haben. Wenn es uns gelingt, dass unsere zehntausenden Besucher:innen – darunter viele Multiplikator:innen – einander wirklich zuhören, haben wir schon viel erreicht. Diesen Raum zu ermöglichen und zu verteidigen, sehe ich als eine der zentralen Aufgaben einer Buchmesse heute.

Erstmals wird es eine Buchhandelslounge geben. Was steckt dahinter?

Ich freue mich sehr darüber. Zwölf regionale Buchhandlungen beteiligen sich daran – sie bekommen damit eine attraktive Bühne und Sichtbarkeit auf der Messe. In der Lounge treten Buchhändler:innen bei zahlreichen Veranstaltungen gemeinsam mit Autor:innen auf und kommen mit dem Publikum ins Gespräch. Das ist ein schönes Signal für die Vielfalt und Stärke des stationären Buchhandels.

Die Buch Wien ist auf Wachstumskurs. Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie?

Im Kern geht es immer um eines: Wir wollen möglichst viele Menschen zum Buch bringen – auch jene, die vielleicht aufgehört haben zu lesen oder sich anderen Dingen zugewandt haben. Dafür müssen wir Begeisterung wecken, neue Zugänge schaffen und Formate finden, die Neugier auslösen.

Darum funktionieren wir in manchen Bereichen bewusst anders als andere Buchmessen. Aber genau darin liegt unser Mehrwert für die Branche.

Unser Ziel ist, weiter zu wachsen, mehr Publikum zu erreichen und noch mehr Menschen für Bücher zu gewinnen. Dabei helfen uns auch unsere wachsenden Kooperationen mit großen Medienhäusern – zunehmend auch in Deutschland – und unsere neue Influencer-Strategie, mit der wir ganz neue Reichweiten erzielen.

Nach all den Monaten Vorbereitung – worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?

Auf vieles. Aber besonders auf den Moment am Aufbaumontag, wenn ich das erste Mal in unsere neue Halle gehe und spüre, welcher Wachstumsschritt da in den letzten Monaten gelungen ist.

Vielen Dank für das Interview!

Patrick Zöhrer, Geschäftsführer der Buch Wien
Patrick Zöhrer, Geschäftsführer der Buch Wien (c) Nicola Montfort
Werbung
Logo ÖBHP sm