Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Buchhändlerinnen, Bücherfreundinnen, Bücherwürmer und Bücherwürmerliebhaberinnen! Einfach gesagt, liebe alle, die in ihren Herzen einen speziellen Platz für Bücher haben!
„Ich hätte gerne dieses Buch, den Namen weiß ich nicht, aber der Einband ist blau und es ist eine Liebesgeschichte, glaube ich. Sicher bin ich mir nicht. Es wurde mir empfohlen, weil es spannend ist. Vielleicht ist es auch ein Krimi. Und es kommt ein Hund darin vor. Oder eine Katze. Wissen Sie, welches Buch ich meine?“
Ich glaube, Sie haben alle so ähnliche Situationen schon einmal erlebt. Das ist nur eine der Herausforderungen, die sie jeden Tag bewältigen. Was nach Romantik, dem Duft frisch gedruckter Bücher und reizender Kundschaft klingt, ist im wahren Leben ein Hochleistungssport. Abrechnungen müssen gemacht, Lagerbestände gezählt, Bestellungen getätigt, Lesungen veranstaltet werden und Social Media nicht zu vergessen. Doch davon merkt man nichts, wenn man eine Buchhandlung betritt und einem genau das richtige Buch in die Hand gedrückt wird, von dem man gar nicht wusste, dass man es braucht.
Ich habe mich schon als Kind gefragt, ob da hellseherische Fähigkeiten mit im Spiel sind? Wie der sprechende Hut – nur teilen Sie ihre Kunden nicht in Häuser ein, sondern geben ihnen den passenden Lesestoff. Ich weiß, wovon ich rede, denn Bücher haben mich schon mehr als einmal gerettet, meinen Horizont erweitert, mich vor Spannung nicht schlafen lassen oder mir das Herz gebrochen.

Die erste Buchhandlung, die ich jemals besucht habe, war im 9. Bezirk auf der Alserstraße, Bücher-Müller. Damals, als Telefone noch Wählscheibe hatten und eine Playlist Mixtape hieß. Das bedeutete, man nahm Lieder vom Radio auf Kassette auf und hoffte, es kam keine Verkehrsansage durch.
Wenn ich das Geschäft durch den Eingang zwischen den beiden riesigen mit Büchern vollgestopften Schaufenstern betrat, musste ich mich im ersten Moment an das düstere Licht im kleinen Verkaufsraum gewöhnen. Papiergeruch lag in der Luft, aber auch Staub. Meistens war ich nicht alleine, jede Menge Kundschaft stand vor der riesigen Theke, hinter der die dreiköpfige Belegschaft Bestellungen annahm, kassierte, Empfehlungen gab und Bücher aushändigte.
Als ich endlich an der Reihe war, um meine Buchwünsche zu nennen, wurde ein riesiger, schwerer Katalog geholt. In meiner Erinnerung war der Katalog halb so groß wie ich. Beim Nachschlagen eines Buchtitels brauchte man ein Lineal, so winzig klein beschrieben waren die Zeilen. Dann wurden Bücher stapelweise herangeschleppt, von Christine Nöstlinger, Wolfang Hohlbein und Michael Ende, unter denen ich mir das Passende aussuchen konnte.
So eine Betreuung kannte ich sonst nur vom grünen Unterwäscheladen zwei Geschäfte daneben, wenn meine Mutter sich einen Badeanzug für den Urlaub am Meer kaufen wollte. Aber ich war keine Erwachsene. Ich war damals ein Kind und für mich waren diese Betreuung, die Atmosphäre und die Unmengen an Büchern, etwas so Besonderes, dass die Buchhandlung für mich ein Wunderort wurde. Schon damals wollte ich auch Bücher schreiben, aber dieser Wunsch erschien mir so absurd, als hätte ich gesagt, wenn ich groß bin, werde ich Schneekönigin.
Wie es Wunderorte eben so an sich haben, löste der Bücher Müller in mir nicht nur Begeisterung, sondern auch ordentlich Ehrfurcht aus. Damals dachte ich, es hätte mit dem Buchhändler zu tun, der ein Glasauge hatte. Wenn er sich über die Theke zu mir beugte, wusste ich nie, in welches Auge ich schauen sollte. Aber mittlerweile weiß ich, das war nicht der Grund. Jahre später wurde mir klar, dass die Ehrfurcht von unserer gemeinsamen Liebe für Bücher kam. Das ist etwas, dass mir in diesen Wunderorten immer wieder begegnet.
Heute werden Preise an fünf dieser Wunderorte vergeben. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich liebe Preise. Und Preisverleihungen. Das ist für mich wie Weihnachten, nur ohne Streit beim Essen. Nicht nur aus dem Grund war es mir eine große Ehre und Freude, Teil dieser großartigen Jury zu sein.
Es gab so viele bemerkenswerte Bewerbungen, inspirierende Konzepte, man hat so viel Herzblut in den Zeilen gespürt und ich sage im Namen der Jury an alle ein riesengroßes Dankeschön. Sie haben uns die Wahl nicht leicht gemacht, denn Sie alle glauben mutig an die Kraft von Büchern.
Es braucht genau solche mutige Menschen, um diese Wunderorte zu erschaffen, die sich weder von Online-Riesen, von Preisbindungen, von Lieferengpässen, oder von der Frage: „Warum kostet das Buch bei Ihnen 20 Euro, und bei XYZ nur 18,75?“, einschüchtern lassen.
Heute, meine Damen und Herren, feiern wir diese fünf Preisträgerinnen.
Und mit ihnen feiern wir alle Buchhandlungen.
Auch die, die nicht auf der Bühne stehen.
Ihnen allen sagen wir: Danke.
Danke für Ihre Ausdauer, für Ihre Liebe zu Geschichten, für Ihre Empfehlungen. Für die danke ich Ihnen in meinem und auch im Namen meiner wunderbaren schreibenden Kollegenschaft von ganzem Herzen. Uns ist klar, wir wären nichts ohne sie.
Wir feiern sie heute, denn sie machen etwas Unbezahlbares:
Sie bringen uns zum Lesen, zum Lachen, zum Weinen, zum Verstehen und mitunter bringen sie uns sogar an Orte in unseren Seelen, von denen wir gar nicht wussten, dass sie da sind. Danke!
Herzlichen Glückwunsch an Bücher am Spitz in Wien, die Buchhandlung List in Wien, die Buchhandlung Schachinger in Schärding, die Kurdirektion Verlagsbuchhandlung in Bad Ischl, Stöhrs Lesefutter in Traiskirchen und Thalia Wien Mitte.
Und ich habe noch eine Bitte an Sie, liebes Publikum. Sagen Sie bei Ihrem nächsten Besuch der Buchhändlerin oder dem Buchhändler, wie sehr Sie sie oder ihn schätzen. Es könnte der Beginn einer ganz großen Geschichte sein.
Text: Theresa Prammer
Weitere Informationen zum Preis sowie die Jurybegründungen finden Sie hier.
Hier finden Sie eine Fotogalerie zur Preisverleihung.
