Frau Lechner, welche Rolle spielt der Übersetzungsmarkt für das Gesamtprogramm des Zsolnay Verlags?
Übersetzungen haben immer eine wichtige Rolle gespielt. Der Paul Zsolnay Verlag, der im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiern konnte, hat sich schon in der Nachkriegszeit mit den Übersetzungen der Romane von Graham Greene, der Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck, Colette und anderen den Ruf eines Verlags mit international ausgerichtetem Programm erworben. Diesem Anspruch wollen wir auch heute noch gerecht werden, auch wenn es deutlich weniger Übersetzungen aus dem anglo-amerikanischen Raum sind, die unser Programm bereichern.
Neben der Akquise spielt der Verkauf von Übersetzungsrechten an den Werken unserer deutschsprachigen Autor:innen eine ebenso wichtige Rolle, wenngleich es deutlich schwerer geworden ist, Titel international zu verkaufen. Die Gründe sind vielfältig, meistens sind sie ökonomischer Natur, bedingt durch allerorts kleinere Programmlisten, die zu einem viel selektiveren Einkauf führen, oder anfallende Übersetzungskosten. Es gibt natürlich auch politisch motivierte Gründe, wie Zensur oder administrative Hürden bei der Akquise, wie wir sie in China beobachten können.
Was macht ein Buch für den internationalen Markt bzw. für eine Übersetzung besonders interessant?
Das ist schwer zu beantworten. Zum einen unterliegt der internationale Markt, ebenso wie der nationale, Trends im Hinblick auf Themen oder Genres. Aufgrund unseres Programmschwerpunkts verkaufen wir in erster Linie Literatur. Natürlich helfen hohe Verkaufszahlen, Literaturpreise und gute Presse beim Verkauf eines Titels, es kann aber auch ein origineller Plot oder eine besondere Stimme sein, die den Ausschlag für einen Lizenzverkauf geben. Mit dem internationalen Erfolg von Daniel Glattauers E-Mail-Romanen Gut gegen Nordwind und Alle sieben Wellen hatten wir trotzdem nicht in solch einem Ausmaß gerechnet (über 40 Sprachen).
Auch Klassiker wie die Romane von Leo Perutz oder Ernst Lothar finden international immer noch neue Interessent:innen. Wir vertreten auch einige unserer osteuropäischen Autor:innen auf internationaler Ebene und bemerken ein steigendes Interesse an Stimmen aus diesen Regionen. Schwerer haben es dagegen sehr stille oder sprachlich und stilistisch anspruchsvolle Romane sowie umfangreiche Werke, da sich diese – trotz partieller Förderung – aufgrund der hohen Übersetzungskosten oft nicht mehr kalkulieren lassen.
In welche Länder bzw. Sprachräume verkauft Ihr Verlag aktuell am häufigsten Übersetzungsrechte? Gibt es Märkte, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben?
Märkte verändern sich, manchmal bricht ein Markt aufgrund von Zensurbestimmungen oder anderen kulturpolitischen Entscheidungen auch fast ganz weg. Waren vor einigen Jahren noch französische, niederländische, skandinavische und asiatische (vor allem chinesische und koreanische) Verlage unsere wichtigsten Partner, lizensieren wir zunehmend mehr Titel in osteuropäische Länder, zum Beispiel nach Polen, Tschechien, Kroatien oder auch in die Türkei. Auch der arabische Markt ist sichtbarer geworden. Und kürzlich konnten wir unsere erste amharische Lizenz an einen Verlag aus Äthiopien vergeben. Der englische Markt ist und bleibt natürlich der attraktivste, er ist aber auch der am schwersten zugängliche. Dorthin konnten wir zuletzt einige Klassiker verkaufen.
Aus welchen Sprachräumen akquiriert Ihr Verlag bevorzugt?
Wir sind offen für alles, ein Buch muss uns überzeugen. Im Herbst erscheint zum Beispiel neben dem neuen Roman der flämischen Autorin Gaea Schoeters Das Geschenk auch der Roman Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt, der aus einer aserbaidschanischen Familie stammenden Russin Jegana Dschabbarowa. In der Literatur sind es ansonsten besonders Übersetzungen aus dem Italienischen, Französischen und dem mittel- und osteuropäischen Raum, zum Beispiel Rumänien, Serbien und Slowenien, die bei uns auf Deutsch erscheinen. Der Rumäne Mircea Cặrtặrescu spielt dabei eine große Rolle. Wir vertreten seine Bücher auch international. Im Sachbuch liegt unser Schwerpunkt auf kulturgeschichtlichen Themen. Hier sind es vorwiegend Übersetzungen aus dem Englischen, wie Autor:innen wie Edmund de Waal, Sophy Roberts, Tim Bonyhady und andere belegen.
