Die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter erhält den diesjährigen Essay-Preis Tractatus des Philosophicums Lech. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird der 65-Jährigen für „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ verliehen. In ihrem im März 2026 erschienenen Essay setzt sich Lotter mit der Bedeutung der Opferrolle in der heutigen Gesellschaft auseinander. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Philosophicums Lech statt.
Die Jury würdigt dabei insbesondere ihren differenzierten Blick auf das Verhältnis von Opfer- und Täterrollen. In der Begründung heißt es: „Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter (…) unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt“.
Das dreiköpfige Gremium, dem die Schweizer Philosophin Catherine Newmark, die österreichische Literaturwissenschafterin Daniela Strigl und der deutsche Literaturkritiker Ijoma Mangold angehören, betont zudem die gesellschaftliche Dimension des Themas: „Wenn der aktuelle Diskurs durch eine moralische Aufwertung des Opfers und seiner dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage nach den Folgen für das soziale Miteinander.“ Lotter nähere sich diesem Problem in ihrem Essay „mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement“, heißt es weiter.
Maria-Sybilla Lotter
Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich und lehrt seit 2014 als Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Daneben schreibt sie regelmäßig für die NZZ und Die Zeit. Auch ihre beiden Bücher „Schuld und Respekt. Über die Praxis der Vergeltung und Versöhnung“ (Suhrkamp, 2024) sowie „Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral“ (Suhrkamp, 2012) fanden nicht nur in Fachkreisen große Anerkennung und reges Leserinteresse.
Verleihung beim Philosophicum Lech
Zur feierlichen Verleihung des Tractatus 2026 wird am Freitag, den 25. September 2026 um 21:00 Uhr in die Lechwelten geladen. Der Festakt mit Laudatio von Jurymitglied Daniela Strigl und Dankesrede der Preisträgerin Maria-Sibylla Lotter wird musikalisch vom Trio Tractatus umrahmt, das eigens für diesen Anlass geschaffene Tonstücke des Vorarlberger Komponisten Marcus Nigsch zum Besten geben wird. Als alljährliches Highlight krönt die Veranstaltung das Rahmenprogramm des 29. Philosophicum Lech, das heuer unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ steht. Vom 22. bis 27. September werden namhafte Vortragende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum die hochaktuelle Thematik unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten erörtern und mit dem Publikum diskutieren.
Der Tractatus-Preis
Lotter ist die 18. Tractatus-Preisträgerin. In den vergangenen Jahren ging die Auszeichnung an Eva Weber-Guskar (2025), Philipp Hübl (2024), Isolde Charim (2023) und Marie Luise Knott (2022).
Der Tractatus wird seit 2009 vergeben und von privaten Sponsoren finanziert. Mit einem Preisgeld von 25.000 Euro zählt er zu den höchstdotierten Essaypreisen im deutschsprachigen Raum. Ins Leben gerufen wurde die Auszeichnung auf Anregung des Vorarlberger Schriftstellers Michael Köhlmeier.
Ausgezeichnet werden Essays und essayistisch orientierte Sachbücher, die philosophische Fragen für ein breiteres Publikum verständlich aufbereiten und zur öffentlichen Auseinandersetzung mit philosophischen Themen beitragen. Bei der Auswahl spielen insbesondere die Relevanz des Themas, die sprachliche Gestaltung und die Originalität des Denkansatzes eine Rolle.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Philosophicum Lech.
