Viele Menschen lesen Romane zur Unterhaltung. Doch Geschichten könnten weit mehr leisten als bloßen Zeitvertreib. Eine neue Übersichtsarbeit von Psycholog:innen der York University in Kanada kommt zu dem Schluss, dass erzählende Literatur mit einer Vielzahl positiver Effekte verbunden ist – von besseren Sprachfähigkeiten über mehr Empathie bis hin zu einem geringeren Risiko für kognitiven Abbau im Alter.
Darüber berichten die Forschenden im Fachjournal „Current Opinion in Psychology“. Für ihre Arbeit werteten sie zahlreiche Studien der vergangenen Jahre aus und zeichnen ein umfassendes Bild der möglichen Vorteile des Lesens.
Fiktion stärkt Sprache und soziale Kompetenzen
Dass Lesen den Wortschatz erweitert, gilt als gut belegt. Interessant ist jedoch, dass erzählende Literatur offenbar stärker mit sprachlichen Fähigkeiten zusammenhängt als das Lesen von Sachbüchern. Wer regelmäßig Romane liest, profitiert demnach besonders von einer vielfältigen Sprache und komplexen Erzählstrukturen.
Ein Schwerpunkt der Forschung liegt auf der sozialen Wirkung von Literatur. Beim Lesen versetzen sich Menschen in die Gedanken, Gefühle und Perspektiven fiktiver Figuren. Dieses mentale Mitgehen könnte die Fähigkeit stärken, auch reale Mitmenschen besser zu verstehen. Entscheidend scheint dabei weniger das einzelne Buch als vielmehr eine langfristige Lesepraxis zu sein.
Kinder und Jugendliche profitieren besonders
Die überzeugendsten Befunde gibt es für junge Menschen. Geschichten helfen Kindern offenbar dabei, Gefühle anderer besser zu erkennen und verschiedene Perspektiven einzunehmen. Eine Metaanalyse von 21 Interventionsstudien mit knapp 2.000 Kindern im Alter von durchschnittlich sechs Jahren zeigt, dass Bücher, die Mitgefühl und soziale Situationen thematisieren, die Empathiefähigkeit fördern können. Besonders stark fiel der Effekt aus, wenn Kinder alleine oder mit nur einer weiteren Person lasen.
Auch bei älteren Kindern und Jugendlichen zeigen sich positive Effekte. In Spanien begleiteten Forschende fast 400 Schülerinnen und Schüler über zwei Jahre. Lehrkräfte reservierten regelmäßig Zeit für stilles Lesen von Romanen und steigerten gleichzeitig die Lesemotivation – etwa durch Gespräche über Autor:innen oder Literaturverfilmungen. Die Jugendlichen entwickelten im Vergleich zur Kontrollgruppe eine höhere emotionale Intelligenz. Eine Schweizer Studie zeigte zudem, dass regelmäßige Literaturgespräche bei Zehnjährigen die Fähigkeit zum Perspektivwechsel verbesserten.
Besonders deutlich profitierten Jugendliche aus ländlichen Regionen oder Familien mit geringerem Bildungsniveau. Eine Studie mit mehr als 14.000 Schülerinnen und Schülern ergab, dass Freizeitlesen bei ihnen besonders eng mit sozialen Kompetenzen zusammenhing. Die Forschenden vermuten, dass Geschichten soziale Erfahrungen vermitteln, die im Alltag möglicherweise seltener gemacht werden. Zwar unterschied die Untersuchung nicht zwischen Romanen und Sachbüchern, insgesamt spricht die Forschung jedoch dafür, dass erzählende Literatur stärkere soziale Effekte erzielt.
Weniger Vorurteile, mehr Lebenserfahrung
Geschichten könnten außerdem helfen, Vorurteile abzubauen. Indem Leser die Perspektive von Figuren aus anderen sozialen oder kulturellen Gruppen einnehmen, kann kulturelle Empathie entstehen. Allerdings verändert ein Buch Einstellungen nicht automatisch. Entscheidend ist, wie glaubwürdig Figuren gezeichnet sind und wie intensiv sich Leser auf die Geschichte einlassen.
Darüber hinaus deuten Studien darauf hin, dass regelmäßiges Lesen literarischer Romane eine differenziertere Sicht auf die Welt fördern kann. Erwachsene, die bereits in ihrer Kindheit viel Literatur gelesen hatten, beschrieben andere Menschen als komplexer und begegneten gesellschaftlichen Ungleichheiten kritischer. Jugendliche berichteten außerdem, dass Bücher ihnen geholfen hätten, schwierige Lebenssituationen besser zu verstehen und emotional zu bewältigen. Aus diesem Grund gewinnt Literatur inzwischen auch in der Ausbildung von Mediziner:innen an Bedeutung, um Reflexionsfähigkeit und emotionale Kompetenz zu fördern.
Positive Effekte bis ins hohe Alter
Auch ältere Menschen könnten vom regelmäßigen Lesen profitieren. Mehrere Langzeitstudien zeigen, dass Menschen, die häufig Bücher lesen, geistig länger fit bleiben und langsamer kognitive Fähigkeiten verlieren. Lesen gilt als anspruchsvolle geistige Aktivität, die das Gehirn kontinuierlich fordert und möglicherweise dazu beiträgt, neuronale Verbindungen zu stärken. Studien deuten darauf hin, dass regelmäßige Leser:innen seltener unter kognitivem Abbau leiden – unabhängig von Faktoren wie Bildung, Einkommen oder früherem Lebensstil.
Darüber hinaus berichten einige große Bevölkerungsstudien, dass Bücherleser:innen im Beobachtungszeitraum seltener starben als Nichtleser:innen. Die Forschenden vermuten, dass die bessere geistige Fitness dabei eine Rolle spielen könnte. Zwar wurden Faktoren wie Alter, Bildung, Einkommen oder Gesundheitszustand statistisch berücksichtigt, dennoch lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen, ob das Lesen selbst für die beobachteten Vorteile verantwortlich ist.
Insgesamt spricht die Evidenz jedoch dafür, dass regelmäßiges Lesen erzählender Literatur einen wichtigen Beitrag zur sprachlichen, sozialen und geistigen Entwicklung über die gesamte Lebensspanne leisten kann.
Alle Details zur Studie finden Sie hier.
