Wenn der Wind vom Meer erzählt von Sonja Stangl, Tyrolia Verlag
Mit einer stillen, fast meditativen Kraft entfaltet sich in diesem Kinderbuch, erschienen bei Tyrolia, eine Geschichte, die ebenso zart wie bedeutungsvoll ist. Im Zentrum steht ein alter Bär – schweigsam, zurückgezogen, beinahe vergessen. Doch nicht jedem genügt dieser erste Eindruck. Ein kleines Mädchen schenkt ihm Aufmerksamkeit – und noch mehr: Geduld, Kreativität, Empathie.
Was folgt, ist keine laute Rettungsaktion, kein dramatischer Wandel. Es ist ein stilles Sich-Annähern. Das Mädchen bastelt ein Sprachrohr, damit der Bär sie besser hören kann. Doch es wirkt auch andersherum: als Hörrohr, als Einladung zum Lauschen. Gemeinsam tauchen Bär und Mädchen in die akustische Welt der Natur ein, in eine Klanglandschaft, die heutzutage so oft überhört wird – und gerade dadurch so kostbar ist.
Sonja Stangl gelingt es, diese Reise in einer poetischen, von sanften Erdtönen getragenen Bildsprache einzufangen. Aus der Ich-Perspektive erzählt, bewahrt das Buch einen sehr persönlichen Ton. Es spricht über das Aufeinander-Zugehen, ohne Pathos, dafür mit einer leisen Herzenswärme. Am Ende ist der Bär fort – doch nicht wirklich verschwunden. Er hat Spuren hinterlassen, hörbare Spuren. Die Welt ist nun reicher geworden, voller Klang, voller Geschichten.

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Tigerträume von Julian Tapprich, Luftschacht Verlag
In Tigerträume, erschienen bei Luftschacht, erzählt Julian Tapprich mit feinem Gespür für kindliche Sehnsüchte und Widerstände von Leo, einem kleinen Vogel mit großen Träumen. Während die anderen Vögel sich in konventionellen Gesängen üben, zieht es Leo in eine andere Richtung – fort vom Erwartbaren, hin zum Unvorstellbaren. Er träumt von Tigern, von Weite, von Abenteuern – und beginnt, an die Möglichkeit zu glauben, dass Träume mehr sind als bloße Hirngespinste.
Tapprich gelingt mit Leo eine Figur, die Kindern auf Augenhöhe begegnet – ein Träumer, ja, aber einer, der auch zögert, hadert, sich dennoch nicht beirren lässt. Dass Leo sich schließlich einem Tiger anvertraut – einem Symbol für Stärke, Wildheit und Unangepasstheit – ist nicht nur erzählerisch clever, sondern auch poetisch kraftvoll: Aus der Freundschaft mit dem scheinbar Unvereinbaren erwächst Selbstvertrauen.
Die visuelle Sprache spricht Kinder unmittelbar an – und fordert dabei ihre Vorstellungskraft heraus. Tigerträume ist weit mehr als eine Abenteuergeschichte. Es ist ein Plädoyer dafür, der eigenen inneren Stimme zu vertrauen – auch (oder gerade) wenn sie anders klingt. Ein fantasievolles, klug komponiertes Bilderbuch, das Kinder ermutigt, über Grenzen hinauszudenken – und Erwachsene daran erinnert, wie wertvoll es ist, Träumen Raum zu geben.

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Mizzi tanzt mit von Rebekka Rom und Anna Horak, Achse Verlag
Was diese Geschichte, erschienen im Achse Verlag, besonders macht, ist das ausgewogene Zusammenspiel von Einfühlungsvermögen und Ermutigung zur Selbstermächtigung. Mizzi tanzt mit gibt jenen Fragen und leisen Ängsten Raum, die viele Kinder mit sich tragen – gerade weil sie in einer Welt aufwachsen, in der gesellschaftliche Vorstellungen über Körper und Geschlecht tief verankert sind.
Dem Zweifel am eigenen Körper – „Muss man fürs Ballett nicht ganz dünn sein?“ – ebenso wie der Unsicherheit gegenüber Rollenbildern – „Ist Ballett nicht nur etwas für Mädchen?“ – wird mit großer Offenheit begegnet. Das Buch lässt diese Gedanken zu, ohne sie zu bewerten, und zeigt zugleich, wie befreiend es sein kann, sich von einschränkenden Vorstellungen zu lösen.
Tanzen ist hier kein Privileg, sondern Ausdruck von Lebensfreude, Körperbewusstsein und Selbstakzeptanz – unabhängig von Aussehen, Geschlecht oder gesellschaftlicher Erwartungen. Verständlich und liebevoll aufbereitete Sachinformationen zum Tanzen bereichern das Buch und wecken die Lust an Bewegung. Die bunten und lebendigen Illustrationen unterstützen diese Botschaft auf liebevolle Weise: Sie zeigen eine bunte Vielfalt an Kindern, deren Bewegungen leicht wirken, aber in ihrer Botschaft schwer wiegen: Tanzen ist für alle.

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Henne Jenne von Cornelia Travnicek und Raffaela Schöbitz, Picus Verlag
Als die Entenmama eines Tages ein fremdes Ei in ihrem Nest entdeckt, zögert sie nicht: Auch das Küken, das daraus schlüpft, gehört zu ihr – es heißt Jenne. Doch Jenne ist anders. Sie schnattert nicht, sie gackert. Sie watschelt nicht, sie pickt. Die anderen Entlein spotten, und auch Jenne selbst beginnt zu zweifeln: Warum bin ich nicht wie die anderen?
Gemeinsam machen sich Jenne und ihre Mama auf zum Bauernhof – dorthin, wo gackernde Hühner, neue Begegnungen und überraschende Einsichten warten. Eine Reise zu den eigenen Wurzeln – und zugleich ein Weg zu mehr Selbstvertrauen.
Henne Jenne von Cornelia Travnicek, erschienen im Picus Verlag, erzählt mit feinem Gespür von Zugehörigkeit, Identität und der Kraft bedingungsloser Liebe. Raffaela Schöbitz begleitet die Geschichte mit farbenfrohen, detailreichen und warmherzigen Illustrationen, die den Figuren Leben und Charakter verleihen.
Henne Jenne ist ein Kinderbuch, das vom Wachsen erzählt – in jeder Hinsicht. Es handelt vom Mut, anders zu sein, und von der Gewissheit, geliebt zu werden, ganz egal, ob man nun schnattert oder gackert – frech, klug und herzerwärmend erzählt.

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Kuscheln, Wut und Schabernack. Das ultimative Freundschafts-ABC von Laura Melina Berling und Karo Oh, Leykam Verlag
Freundschaft ist mehr als ein großes Wort – sie ist ein Gefühl, ein Prozess, ein immer wieder neues Abenteuer. Kuscheln, Wut & Schabernack. Das ultimative Freundschafts-ABC, erschienen bei Leykam widmet sich dieser ebenso alltäglichen wie komplexen Erfahrung auf eine Weise, die klug und zugleich humorvoll ist.
Das Buch erzählt von Freundschaft als einem Raum, in dem Unterschiede nicht nur sichtbar, sondern willkommen sind – und in dem Rücksichtnahme, Zuhören und Verständnis geübt und gelebt werden.
In 26 Kapiteln – von „Anfreunden“ über „Kränkung“ bis „Zusammenhalt“ – entfaltet sich ein Kaleidoskop kindlicher Begegnungen, das gleichermaßen unterhält und sensibilisiert. Dabei gelingt den Autor:innen ein feines Kunststück: Sie schreiben niemals belehrend, sondern laden ihre Leser:innen ein, mitzudenken, mitzufühlen – und mitzureden. Jedes Kapitel verknüpft kleine Episoden mit Reflexionsfragen und alltagstauglichen Impulsen, die nie wie Ratgeber klingen, sondern wie ein Gespräch unter Vertrauten. Emotionale Intelligenz, so zeigt das Buch behutsam, ist kein angeborenes Talent, sondern eine Fähigkeit, die wächst – mit jedem Konflikt, jedem Missverständnis, jeder Versöhnung.

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Und dann? von Heinz Janisch und Helga Bansch, Jungbrunnen Verlag
Waren Sie schon einmal so wütend, dass Sie Bäume ausreißen wollten oder das Meer leer trinken? Mit Und dann?, erschienen im Jungbrunnen Verlag, widmen sich Heinz Janisch und Helga Bansch auf eindrucksvolle Weise einem der grundlegendsten und zugleich komplexesten Gefühle: der Wut.
Die Frage „Und dann?“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, und sie ist zugleich der Aufruf, über die Konsequenzen unserer Handlungen nachzudenken.
Und dann? ist eine humorvolle und zugleich tiefgründige Auseinandersetzung mit Emotionen. Janisch und Bansch bieten eine wertvolle Lektion im Umgang mit Gefühlen und zeigen, dass es auch nach einem Ausbruch wieder zur Ruhe kommen kann. Der Ärger ist nicht einfach verschwunden, aber er hat seinen Platz gefunden. Das Bild, das auf der letzten Seite erscheint, ist ein friedliches, versöhnliches. Es zeigt, dass nach einem Sturm Ruhe einkehren kann, dass es nicht darum geht, den Ärger zu unterdrücken, sondern ihn zuzulassen, um dann wieder gemeinsam durch den Alltag weiterzugehen.

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