Zurück zum analogen Kennenlernen
Oft skurril, manchmal witzig und immer ein bisschen romantisch – so kann man die erste Begegnung der zukünftigen Verliebten in Filmen und Romanen beschreiben. Für das Publikum ist sofort klar: Hier startet die Liebesgeschichte. Genau das ist ein Meet Cute.
Im echten Leben läuft Dating heute meist digital über Apps ab. Doch deren Versprechen von unkomplizierter Romantik erweist sich häufig als trügerisch: Viele Nutzer:innen beklagen oberflächliche Gespräche, endloses Swipen und enttäuschte Erwartungen.
Das Konzept des „Slow Datings“ soll das Kennenlernen zurück aus der digitalen Welt ins echte Leben führen. Anstelle schneller, oberflächlicher Swipes sollen besondere, bewusstere Begegnungen entstehen.
Helena Spindler veranstaltet gemeinsam mit ihrem Bruder Till seit sieben Jahren Slow-Dating-Events in Wien. Nach einer analogen Art des Kennenlernens würden sich heute viele sehnen, sagt sie: „Viele Menschen fühlen sich von schnellen, oberflächlichen Dating-Formaten überfordert oder bleiben darin allein zurück. Es wächst der Wunsch nach echten, tieferen Begegnungen, die nicht in Sekunden entschieden werden.“
Die Buchhandlung – Der perfekte Ort zum Kennenlernen?
In den USA und England ist das Konzept längst erprobt und überaus beliebt. Dating-Events in Buchhandlungen sind dort regelmäßig ausgebucht – etwa in der Buchhandlung House of Books & Friends in Manchester. Gemeinsam mit dem Veranstaltungsanbieter BODA (Bored of Dating apps) organisiert das Team regelmäßig Abende für lesebegeisterte Singles.
„Die Veranstaltungen sind unglaublich beliebt, und wir wurden gebeten, noch mehr davon zu organisieren“, erzählt Buchhändlerin Leah Caffrey. „Sie vereinen die Romantik eines Meet Cute in einer Buchhandlung mit dem Wunsch vieler Menschen, die Dating-Apps hinter sich zu lassen und im echten Leben zu flirten.“ Auch finanziell lohne es sich für die Buchhandlung: „Die Leute kaufen viele Bücher – besonders solche, die ihnen andere Singles empfehlen. Wir haben auch ein Café und die Getränke erfreuen sich großer Beliebtheit.“
Der organisatorische Aufwand halte sich dank der Zusammenarbeit mit BODA in Grenzen – die Buchhandlung stellt lediglich Personal, den Rest übernimmt der Veranstalter.
Auch Helena Spindler von Slow Dating Events Vienna sieht Potenzial hinter dem Konzept: „Eine Buchhandlung bringt für uns vieles mit, was Slow Dating ausmacht – eine besondere Atmosphäre, Themenvielfalt und einen Rahmen, der automatisch entschleunigt.“ Gesprächsstoff sei ohnehin reichlich vorhanden: „Jedes Regal ist ein Gesprächseinstieg. Wer zu einem bestimmten Buch greift, verrät dabei ein Stück von sich selbst – Interessen, Vorlieben, vielleicht sogar Träume. Das macht Begegnungen unmittelbar persönlicher.“
Manchmal offenbart die Lektürewahl auch Unterschiede, was sehr hilfreich beim Kennenlernen sein kann: „Manchmal merkt man schnell, wenn die eigenen Welten sehr weit auseinanderliegen. Für Menschen, die sich in einer Buchhandlung gar nicht wohlfühlen, ist es wahrscheinlich nicht der richtige Ort. Für alle anderen kann es aber ein außergewöhnlich schöner Rahmen fürs Kennenlernen sein.“
Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, so ein Event in einer österreichischen Buchhandlung zu veranstalten, sagt Spindler: „Ja, absolut! Tatsächlich haben wir dazu schon Konzepte in der Schublade liegen – wir sind bisher nur noch nicht dazugekommen, nach passenden Partnerbuchhandlungen Ausschau zu halten.“
Stimmen aus den Buchhandlungen
„Ich denke, ob Freundschaft oder Beziehung – die Buchhandlung ist ein guter Ort zum Zusammenkommen,“ meint auch Nicole List.
Sie hat bereits vor ein paar Jahren ein Speeddating veranstaltet. „Der Icebreaker war, das Lieblingsbuch mitzubringen. Es war wirklich immer ein schöner Abend!“ Das Problem damals sei jedoch ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis gewesen – zu viele Frauen, zu wenige Männer, die sich angemeldet hätten.
Finanziell habe sich die Veranstaltung damals nicht gelohnt: „Ich würde das heute anders gestalten, zum Beispiel mit Eintritt. Damals war alles gratis – das würde ich jetzt nicht mehr so machen.“ Dem Trend zu Meet Cutes in Buchhandlungen steht sie grundsätzlich aber weiterhin offen gegenüber: „Ob wir wieder so etwas machen, kann ich noch nicht sagen, aber wir haben schon heuer darüber nachgedacht,“ so Nicole List.
Auch Hafi Books im 5. Bezirk zeigt sich offen für die Idee: „Grundsätzlich ist alles super, was uns von Dating-Apps und der Online-Welt in die analoge Realität zurückholt – das gilt auch für Bookshop Meet Cutes. Wir merken auch, wie beliebt zum Beispiel unsere Afterwork Events sind, daher können wir uns gut vorstellen, dass dieses Dating Format in Bookshops gut laufen kann.“ Die englischsprachige Buchhandlung mit Café veranstaltet regelmäßig Events und legt dabei Wert auf eine entspannte Atmosphäre. Ein spezielles Dating-Event könne man sich etwa zum Valentinstag vorstellen. „Uns ist wichtig, dass sich alle im Hafi wohlfühlen und so ein Dating-Event würden wir gerne entsprechend inklusiv und so locker wie möglich gestalten.“
Auch Uli Schachinger von der Buchhandlung Schachinger in Schärding findet die Idee grundsätzlich reizvoll, sieht aber für eine Buchhandlung in einem kleineren Ort eine Hürde: „In Schärding stelle ich mir die Umsetzung eher schwierig vor, weil die Anonymität fehlt. Bei uns kennt man sich meistens zumindest vom Sehen oder dem Namen nach, und für ausgesprochene Dating-Events liegt die Hemmschwelle entsprechend hoch. Da wäre ich also zwar eher skeptisch, aber trotzdem nicht abgeneigt, es einmal zu versuchen.“ Begegnungen würden aber auch ohne dezidierte Dating-Events entstehen: „Ich habe schon öfter erlebt, dass sich Leute in Lesekreisen nähergekommen sind: Ich würde also eher etwas unauffälliger in diese Richtung tendieren und dem Zufall seine Chance lassen.“
Ähnlich sieht das Paula Bolyos von der Wiener Buchhandlung ChickLit: „Wir haben den Eindruck, dass Dating in unserer Buchhandlung ohne unser Zutun stattfindet und finden das auch sehr nett. Eine Organisation von Dating-Events finden wir daher gar nicht notwendig, lieber möchten wir die Atmosphäre einer Buchhandlung bieten, in der in Ruhe gestöbert und gelesen werden kann und eben auch ohne Beobachtung gedatet. Unsere Zeit nutzen wir gerne für Beratungen und den Austausch über Bücher. Auch dabei kommen Besucher:innen immer wieder ins Gespräch.“
Was es braucht, damit die Funken fliegen
Was sollte eine Buchhandlung mitbringen, damit sie sich für Dating-Events eignet?„Genügend Platz ist die wichtigste Voraussetzung“, meint Leah Caffrey von der Buchhandlung House of Books & Friends in Manchester. „Schließlich möchte man sich frei bewegen und unter die Leute mischen können und nicht das Gefühl haben, an einem Ort oder in einer Gruppe festzustecken.“
Auch Helena Spindler von Slow Dating Events Vienna betont, dass das Umfeld stimmen müsse: „Eine offene Fläche, die groß genug ist, damit wir die Veranstaltung anmoderieren können, wäre wichtig. Außerdem sollte es genügend Sitzplätze geben. Falls das Event während der Öffnungszeiten stattfindet, bräuchte es zusätzlich einen privaten, ungestörten Bereich. Wichtig wäre auch eine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die gemütliche, offene Atmosphäre bringen Buchhandlungen zum Glück fast automatisch mit – das ist ja ihr ganz besonderer Charme.“ Interessierte Buchhandlungen könnten sich, so Spindler, jederzeit bei Slow Dating Events Vienna als mögliche Partner-Location melden.
Rebecca Fearn hat eines der Dating-Events in einer Buchhandlung in London besucht und zieht ihr Resümee für das Magazin Dazed: „Mit meinen beiden neuen Begleiterinnen gelang es mir schnell, mit einer Gruppe gleichgesinnter Singles ins Gespräch zu kommen, mit denen wir über alles Mögliche sprachen – von den Gründen, warum wir nach Liebe suchten, über unsere Arbeit bis hin zu unseren liebsten romantischen Meet Cute-Momenten aus Filmen. Es fühlte sich gut an, interessante Menschen im echten Leben zu treffen. Nach fünf langen Jahren, in denen ich meist Single war und von Apps wie Hinge völlig enttäuscht war (ich werfe täglich mein Handy durchs Zimmer), fühlte sich ein solcher Raum befreiend an.“
Die Veranstalter BODA haben auch Strategien für besonders schüchterne Teilnehmer:innen: Dazu gehört zum Beispiel, Lesezeichen auszuteilen, auf denen man seine Telefonnummer eintragen und weitergeben kann, oder darum zu bitten, ein Buch mitzubringen, das Gespräche anregt – und es im Idealfall sogar an jemanden zu verschenken, an dem man interessiert ist und den man besser kennenlernen möchte.
Und wenn aus dem Meet Cute doch kein ganzer Liebesroman wird? Dann bleibt ein entspannter Abend ohne Handy, ein paar neue Freund:innen und eventuell ein neues Lieblingsbuch.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute.
