Im Oktober 2025 klettert Marko Dinić mit „Buch der Gesichter“ (Zsolnay) auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. „Zeit der Mutigen (Kein & Aber) von Dimitré Dinev kommt auf den 2. Platz. Den 3. Platz erreichen Nava Ebrahimi mit „Und Federn überall“ (Luchterhand) und Peter Waterhouse mit „Z Ypsilon X“ (Matthes & Seitz).
Platz 1: Marko Dinić: „Buch der Gesichter“, Zsolnay
Mit seinem Debütroman „Die guten Tage“ hat der serbische Autor Marko Dinić im Jahr 2019 einen großen Erfolg gelandet. Mit Spannung hat man seither auf seinen zweiten Roman gewartet, der nun unter dem Titel „Buch der Gesichter“ erschienen ist und prompt für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Dinić, der 1988 in Belgrad geboren wurde und seit seinem 21. Lebensjahr in Österreich lebt, hat sich darin viel vorgenommen: das Buch ist eine Art Wimmelbild der serbischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und spannt einen Bogen von der Zeit der Jahrhundertwende bis hin zum Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren. Das Herzstück des Romans bildet dabei das Jahr 1941, das heißt jenes Jahr, als die deutsche Wehrmacht in das damalige Königreich Jugoslawien einmarschierte, den Staat zerstückelte und in Belgrad eine Marionettenregierung einsetzte. Binnen kurzer Zeit wurde die jüdische Bevölkerung deportiert oder ermordet und das Land für „judenfrei“ erklärt, während der Rest in einem Bürgerkrieg zwischen Partisanen, Kollaborateuren, Ustaše und königstreuen Četniks versank. In diesem Chaos folgt der Roman der Geschichte von Isak Ras, dem womöglich letzten Juden von Belgrad, der seinerseits auf der Suche nach einem rätselhaften jüdischen Gebetsbuch ist, das seine verschwundene Mutter vor Jahrzehnten geerbt hatte. Diese sogenannte „Hagadda“ bildet den roten Faden durch die zahlreichen Handlungsstränge, Perspektiven und Zeitebenen, die sich immer mehr zu einem faszinierenden literarischen Labyrinth verdichten, durch das man sich beim Lesen begeistert seinen Weg bahnt.
Platz 2: Dimitré Dinev: „Zeit der Mutigen“, Kein & Aber
Als illegaler Flüchtling kam Dimitré Dinev 1990 nach Österreich, hielt sich als Student mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, bis er, mit seinem Erstlingsroman „Engelszungen“ einen Bestseller landete. Seither ist der Autor aus der heimischen Gegenwartsliteratur nicht mehr wegzudenken. An seinem jüngsten Buch hat Dinev 13 Jahre gearbeitet: Auf mehr als 1000 Seiten erzählt „Zeit der Mutigen“ von individuellen Schicksalen im Schatten der europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Beginnend am Vorabend des 1. Weltkriegs, über die Wirtschaftskrise der 1920er-Jahre, den Aufstieg der Nationalsozialisten, den 2. Weltkrieg, dem kommunistischen Totalitarismus Osteuropas und seinem Nachwirken bis in die 1990er-Jahre. Was die Erzählfäden miteinander verbindet, ist die Donau, an deren Ufern die Romanhandlung über weite Strecken verortet ist. Seine Protagonisten sind Einzelgänger und Außenseiter, eigensinnig und widerspenstig und eben mutig, sei es gegenüber den autoritären Machthabern oder der Mehrheitsgesellschaft in den totalitären Regimen, in den Lagern oder im Krieg. Im Roman heißt es einmal: „Die stärkste Kraft, die wir besitzen, ist die Vorstellungskraft“. Dimitré Dinev ist in jedem Fall einer ihrer talentiertesten Beschwörer.
Platz 3 (ex aequo) Nava Ebrahimi: „Und Federn überall“, Luchterhand
Spätestens seit der Auszeichnung mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis im Jahr 2021 gilt die in Graz lebende Schriftstellerin Nava Ebrahimi als Fixstern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nun liegt der dritte Roman der iranisch-deutschen Autorin vor, mit dem sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist: „Und Federn überall“ kreist um die Frage: Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird? Dreh- und Angelpunkt des Romans ist allerdings ein Tier, und zwar das Huhn. Nava Ebrahimi schildert das Leben von Menschen in einer Kleinstadt, deren zentraler Arbeitgeber ein Schlachtbetrieb ist. Dass die Hühnerbrust durch eine Krankheit verhärtet, sie wertlos macht, ist hier Problem und Metapher. Jeder muss Federn lassen, für sein kleines Glück kämpfen in diesem Gesellschaftsroman: Die alleinerziehende Fließbandarbeiterin. Der Manager mit weichem Kern. Der blinde Dichter aus Afghanistan. Ebrahimi erzählt einen Tag aus deren unterschiedlichen Perspektiven. Ein Roman voll feiner Ironie, geschrieben mit klarem, humanem Blick.
Platz 3 (ex aequo) Peter Waterhouse: „Z Ypsilon X“, Matthes & Seitz
Das Sich-Bewegen zwischen den Sprachen, das Über-Setzen: es prägt das Leben wie Werk von Peter Waterhouse. Er selbst ist zweisprachig aufgewachsen: mit Deutsch und Englisch. Die zweisprachige Südkärntner Gegend ist einer seiner Lebensmittelpunkte. Seine Eltern haben hier vor Jahrzehnten ein Haus erworben, der Vater war hier als britischer Offizier stationiert. Dieser historisch verwundete wie kulturell reiche Landstrich: er gibt dem jüngsten Werk von Peter Waterhouse einen Rahmen, thematisch wie formal. Ausgangspunkt von „Z Ypsilon X“ ist eine Erbschaft: Bücher der Großeltern mütterlicherseits. Von Shakespeare, Goethe, Dostojewski, Dickens, Hölderlin bis hin zu Kraus, Altenberg und vielen anderen mehr: all das haben sie gelesen. Das hat sie nicht davon abgehalten, dem Nationalsozialismus zu huldigen: der eigene Großvater wurde zu einem wichtigen Rädchen in der NS-Propagandamaschinerie. Peter Waterhouse sagt: „Sie haben alles gelesen und konnten doch nicht lesen.“ Dieses Rätsel ist die Wunde, um die dieser Text kreist. Waterhouse liest die Bücher der Großeltern wieder, auf der Suche nach Zeichen darin, nach Vermerken. Mit „Z Ypsilon X“ liegt ein Monolith der Gegenwartsliteratur vor, in dem Stille und Langsamkeit in ihrer politischen Dimension sichtbar werden.
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