Im Mai 2026 erreicht Birgit Birnbacher mit „Sie wollen uns erzählen“ (Zsolnay) den ersten Platz der ORF-Bestenliste. „Im ersten Licht“ (Hanser) von Norbert Gstrein kommt auf den zweiten Platz. Den dritten Platz belegt Josef Winkler mit „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ (Suhrkamp).
Platz 1: Birgit Birnbacher: „Sie wollen uns erzählen“, Zsolnay
Literatur ist für Birgit Birnbacher keine Sozialarbeit, und doch ist ihr Interesse an sozialer Ungleichheit in jedem ihrer Werke spürbar. Die 1985 in Salzburg geborene Soziologin gilt als eine der wichtigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Der neue, vierte Roman der Bachmann-Preisträgerin stellt einen neunjährigen Jungen mit einer neurobiologischen Störung ins Zentrum. „Sie wollen uns erzählen“ führt in die Gedankenwelt eines jungen Burschen mit ADHS, dessen Mutter sich ebenfalls im neurodivergenten Spektrum befindet. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wird gegenwärtig vor allem in den sozialen Medien häufig thematisiert, dennoch stoßen Betroffene nach wie vor auf viele Vorurteile. Berührend macht Birnbacher die intensive Gefühlswelt ihres jungen Protagonisten nachvollziehbar und erzählt vom gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, die nicht einer vermeintlichen Norm entsprechen.
Platz 2: Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“, Hanser
Der in Tirol geborene und in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein zählt zu den bedeutendsten Erzählern der deutschsprachigen Gegenwart. In seinem neuen Roman „Im ersten Licht“, der im Salzkammergut angesiedelt ist, blickt er auf das 20. Jahrhundert zurück: auf die beiden Weltkriege, gesehen aus Nähe und Distanz, im Umfeld von Versehrten, Zeugen und Tätern. Die Hauptfigur in Norbert Gstreins Roman ist Adrian, der vom eigenen Vater mit Gewalt kriegsuntauglich geschlagen wird, was ihn für immer zeichnet. Im Salzkammergut hilft Adrian in einer Villa, in der Versehrte des Ersten Weltkriegs untergebracht sind – entstellte Körper, verlorene Gesichter – und wird so zum Zeugen dessen, was der Krieg aus Menschen macht. Später wird er Geschichtslehrer, einer, der im Unterricht nie bis zum Zweiten Weltkrieg kommt, wie es im Buch heißt. Gstreins Hauptfigur ist ein Mitläufer: früh über die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs im Osten informiert, entscheidet er sich dennoch für das Schweigen, Widerstand bleibt ihm fremd.
Platz 3: Josef Winkler: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“, Suhrkamp
Seit seinen literarischen Anfängen setzt sich Josef Winkler mit seiner bäuerlichen Herkunft und der Sprachlosigkeit innerhalb der Dorfgemeinschaft auseinander. Die Werke des 73-jährigen Büchnerpreisträgers erzählen von seiner Kärntner Heimat im Schatten der NS-Vergangenheit, geprägt von einem allgegenwärtigen Katholizismus sowie gewaltvollen, patriarchalen Strukturen. Sein neuer Roman ist in Winklers Heimatdorf Kamering im Drautal verortet. Winkler schreibt in „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ über seine Schwester Maria, die während ihrer letzten Lebensjahre in einem psychiatrischen Pflegeheim untergebracht war. Erneut zeigt Winkler wie existenziell das Schreiben für ihn ist, will er seine Schwester damit doch vor dem Vergessenwerden bewahren. Der Roman handelt nicht zuletzt auch von einer Rollenverschiebung: von der älteren Schwester, die sich einst um den fünf Jahre jüngeren „Seppl“ genannten Ich-Erzähler gekümmert hat, hin zu Josef, der für seine seelisch geplagte, von mehreren Selbstmordversuchen gezeichnete Schwester sorgt. Fragmentiert erzählt, zeugt „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ von der tiefen Verbundenheit Josef Winklers zu seiner verstorbenen Schwester.
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