Im Juli 2026 erreicht Anna Felnhofer mit „Prosopon“ (Luftschacht) den ersten Platz der ORF-Bestenliste. „Winesburg, Ohio“ (Manesse) von Sherwood Anderson und „Kaputt“ (Reprodukt) von Alison Bechdel teilen sich den zweiten Platz.
Platz 1: Anna Felnhofer: „Prosopon“, Luftschacht
Seit ihren literarischen Anfängen gibt Anna Felnhofer Einblicke in das Thema Psychotherapie. 2021 hat die klinische Psychologin ein viel beachtetes Debüt vorgelegt. „Schnittbilder“ handelt vom intendierten Machtungleichgewicht einer jeden Beziehung zwischen Patientinnen und Therapeuten, das jedoch Schwierigkeiten, wie etwa Grenzüberschreitungen, in sich birgt. Felnhofers neuer Roman handelt von einer Wahrnehmungsstörung. Im Zentrum von „Prosopon“ steht ein Mann, der an sogenannter Prosopagnosie leidet, auch Gesichtsblindheit genannt. Betroffene können keine Gesichter wiedererkennen, in der stärksten Ausprägung auch nicht das eigene. So auch Felnhofers Protagonist, der ständig auf der Suche nach sich selbst ist. Anschaulich beschreibt Felnhofer, wie belastend die Störung nicht nur für Betroffene, sondern auch für deren soziales Umfeld sein kann. Mit „Prosopon“ legt sie einen weiteren wissenschaftlich fundierten und einfühlsamen Roman vor.
Platz 2 (ex aequo): ex aequo: Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio“, Manesse
Übersetzung: Eike Schönfeld
Mit „Winesburg, Ohio“ ist jetzt ein Klassiker der amerikanischen Moderne in deutscher Neuübersetzung von Eike Schönfeld zu lesen. 1876 in Camden im Bundesstaat Ohio geboren, hat Sherwood Anderson 1919 mit der Veröffentlichung seiner romanartigen Sammlung an Porträts unterschiedlicher Charaktere, die im fiktiven Örtchen Winesburg leben, für einen Skandal gesorgt. Der US-amerikanische Schriftsteller blickt dabei hinter die Fassade einer kleinstädtischen Gesellschaft und thematisiert anhand vieler Figuren Themen wie außerehelichen Sex, Einsamkeit und Sehnsucht. Dennoch – oder gerade deshalb – ist das Buch zu einem Bestseller avanciert. „Eines der schönsten und melancholischsten Werke der amerikanischen Literatur“, heißt es in Daniel Kehlmanns Nachwort. Sherwood Anderson ist Autor mehrerer Kurzgeschichten, Romane und Gedichte und 1941 in Panama gestorben.
Platz 2 (ex aequo): Alison Bechdel: „Kaputt“, Reprodukt
Übersetzung: Katharina Erben
Ein bunter, offener Ort und ein Gegenstück zu dem, wozu die USA durch Präsident Donald Trump und den MAGA-Kult verkommen sind: Das ist die Gesellschaft, die Alison Bechdel in „Kaputt“ zeichnet. In den autobiografisch angelegten Comics denkt die homosexuelle Autorin über die Erderwärmung, Auswüchse des Kapitalismus und weitere existenzielle Krisen nach. Ihre Protagonistin lässt sie auf non-binäre, polyamoröse und asexuelle Charaktere treffen, die sich allesamt sozial engagieren. Jede Seite, jeder Comicstrip in „Kaputt“ ist für Bechdel wie gewohnt hochpolitisch. 1960 in Pennsylvania geboren, ist Bechdel innerhalb der US-amerikanischen literarischen Lesbenbewegung eine wichtige Stimme. Ihre vor zwanzig Jahren erschienene Graphic Novel „Fun Home“ über ihr Coming-Out und die Homosexualität ihres Vaters ist so etwas wie ein Genre-Meilenstein gewesen. Ihr aktueller Comicroman „Kaputt“ ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen.
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