Im Februar 2026 kommt László Krasznahorkai mit „Zsömle ist weg“ (S. Fischer) auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. „Die Aussiedlung“ (Suhrkamp) von András Visky und Julian Barnes‘ „Abschied(e)“ (Kiepenheuer & Witsch) teilen sich den zweiten Platz.
Platz 1: László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“, S. Fischer
Während die Entscheidung der Schwedischen Akademie für den Literaturnobelpreisträger verlässlich für Diskussionen sorgt, herrschte im Feuilleton hinsichtlich des diesjährigen Preisträgers, dem Ungarn László Krasznahorkai, ungewohnte Einigkeit. Schließlich ist Krasznahorkais Status als einer der großen europäischen Literaten unserer Zeit schon seit einigen Jahren unbestritten. Sein Werk ist voller Düsternis und Melancholie, zugleich spielt darin Schönheit eine zentrale Rolle: das gilt für seinen Debütroman „Satanstango“ ebenso wie für seinen neuen Roman „Zsömle ist weg“. Alles dreht sich darin um Onkel Józsi, einen 91 Jahre alten Ungarn, der seit Jahrzehnten in großer Zurückgezogenheit lebt. Er ist der direkte Nachkomme eines alten ungarischen Adelsgeschlechts und hätte sogar Anspruch auf den ungarischen Königsthron – doch Jószi hat schon vor langer Zeit beschlossen, sich aus dem politischen Tagesgeschäft gänzlich rauszuhalten. Ohne sein Wissen hat sich jedoch im Laufe der Jahre eine große Gefolgschaft an Monarchisten und sonstigen konservativen Stimmen gebildet, die das Königreich Ungarn wiederherstellen und so dem Land zu seinem alten Glanz zurückhelfen wollen. An der Spitze dieses neuen alten ungarischen Reichs sehen sie ausgerechnet den alten Onkel Józsi – und so klopfen die Monarchisten eines Tages an Józsis Tür, um ihn für ihren Plan zu gewinnen. Ein ebenso witziger wie scharfsinniger Roman über Ungarns konservative Wende.
Platz 2 (ex aequo): András Visky: „Die Aussiedlung“, Suhrkamp
Übersetzung: Timea Tankó
András Visky gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker Rumäniens, seine Stücke wurden auf zahlreichen internationalen Bühnen aufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Das bestimmende Motiv seiner Werke ist das der Gefangenschaft, so auch in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Die Aussiedelung“. Visky, der 1957 im Rumänien Ceaușescus als Sohn eines ungarischen Pfarrers geboren wurde, schildert darin seine Kindheit im Straflager in der Bărăgan-Steppe am südöstlichen Rande Rumäniens. Dorthin wurde er als Dreijähriger zusammen mit seiner Mutter Julia und seinen sechs Geschwistern deportiert, nachdem der Vater von der Securitate verhaftet und als „Staatsfeind“ zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Als die Familie im Lager ankommt, gibt es keine freie Baracke mehr, stattdessen wird die Mutter von den Wärtern aufgefordert, sich doch ein Erdloch als Behausung für sie und die Kinder zu suchen. Es ist der Beginn eines von unvorstellbar grausamen Umständen geprägten Lebens oder vielmehr Überlebens, das Visky in kurzen, fragmentarischen Absätzen beschreibt, die sich aus Kindheits- und Familienerinnerungen und umfangreichen Recherchematerialien speisen. „Die Aussiedelung“ ist ein erschütterndes literarisches Mosaik, mit dem Visky der europäischen Lagerliteratur ein wichtiges Kapitel hinzugefügt hat.
Platz 2 (ex aequo): Julian Barnes: „Abschied(e)“, Kiepenheuer & Witsch
Übersetzung: Gertraude Krueger
Julian Barnes zählt seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart. Sein sehr spezieller literarischer Eigensinn gilt vielen längst als Literatur-Kult. Dieser unverwechselbare, die literarischen Methoden der Postmoderne vor sich hertreibende Eigensinn kommt auch in seinem Buch „Abschied(e)“ zum Ausdruck: es ist Roman und Essay in einem. Julian Barnes nimmt darin Abschied von seiner Leserschaft, kündigt an, damit das letzte Buch vorzulegen – spricht, wie häufig in seinen Büchern, die Lesenden direkt an. Dabei lässt der seit Jahrzehnten in London lebende Autor wie nebenbei seine großen Lebensthemen Revue passieren – von der Erinnerung über Flaubert, Proust bis hin zur Identität, Tod und: der Liebe. Sie ist es, die in Form einer scheiternden Liebesgeschichte, das Herz des Romans markiert. „Abschied(e)“ ist ein geradezu rabiat unsentimentales Alterswerk, das vor Luzidität sprüht.
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