Frankreich, wo Literaturpreise traditionell große mediale Aufmerksamkeit genießen, biete für das Projekt den idealen Rahmen: „Keine andere Nation liebt Literaturpreise so sehr wie die Französinnen und Franzosen – das macht sich das Österreichische Kulturforum Paris zunutze, um mit diesem Preis den Weg für eine verstärkte Übersetzung österreichischer Autorinnen und Autoren ins Französische zu ebnen“, erklärt Julia Thallinger, Direktorin des Österreichischen Kulturforums in Paris.
Zitronen – ein „schwieriges Thema in einer der schönsten Sprachen“
In Zitronen schildert Valerie Fritsch das Leben von August Drach, der Opfer des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms wird.
Die Jury würdigte Zitronen als „eindringlichen Roman, der ein sehr schwieriges Thema in einer der schönsten Sprachen behandelt. Die Autorin hat sich einem oftmals tabuisierten Problem durch intensive Recherchen sowie Interviews mit Opfern und Täter:innen von Gewalt genähert und eröffnet ungewohnte Perspektiven.“
Weiter heißt es in der Jurybegründung: „Sie zögert nicht, Tabus zu brechen, und nützt ihre Figuren meisterhaft, um zu zeigen, wie verschiedene Formen von Gewalt ein Leben vergiften können und wie Gewalt und Liebe verwechselt werden. Der Roman hat uns insbesondere durch seinen äußerst reichen, poetischen Stil überzeugt, der eine Fülle eindrucksvoller Stilfiguren aufweist und trotz der behandelten Grausamkeiten ein überwältigendes Leseerlebnis verschafft.“
Neben Valerie Fritsch waren 2025 Reinhard Kaiser-Mühlecker (Brennende Felder), Elias Hirschl (Content), Frieda Paris (Nachwasser) und Verena Dolovai (Dorf ohne Franz) nominiert.
Die Jury
„Das Tolle an diesem Projekt ist, dass wir mit einer großartigen französischen Jury zusammenarbeiten: Diese setzt sich aus Literatur-Experten, aber auch aus österreichischen Lektorinnen an mehreren französischen Universitäten und ihren Studierenden zusammen, womit wir auch die jüngere Generation erreichen,“ so Julia Thallinger.
Den Vorsitz führte erneut Stéphane Pesnel, renommierter Germanist an der Universität Paris-Sorbonne und ausgewiesener Kenner österreichischer Literatur. Zur Jury zählten außerdem der vielfach ausgezeichnete Übersetzer Olivier Mannoni sowie die OeAD-Lektorinnen Helene Schreilechner (Sorbonne Nouvelle), Fabienne Unger (Université Haute-Alsace, Mulhouse) und Elisabeth Poleschinski (Université Bourgogne Europe, Dijon).

Sichtbarkeit, Austausch und neue Chancen
Wie bereits im Vorjahr ist der Preis mit einer literarischen Begegnungsreise nach Frankreich verbunden. Im Frühjahr 2026 wird Valerie Fritsch für Lesungen, Gespräche und Treffen mit französischen Verlagen eingeladen. Ziel bleibt es, österreichische Autor:innen nachhaltig am französischen Markt zu positionieren.
Welche Wirkung diese Sichtbarkeit entfalten kann, zeigte die erste Ausgabe des Preises: 2024 wurde Milena Michiko Flašar für Oben Erde, unten Himmel ausgezeichnet. Rückblickend sagt sie: „Dass ich die erste Preisträgerin des Österreichischen Buchpreises FRANKREICH sein durfte, war und ist eine große Freude für mich. Die zeitgenössische österreichische Literatur hat es bekannterweise nicht leicht auf dem internationalen Markt. Gerade im Hinblick auf Übersetzungen wäre es deshalb wünschenswert, wenn es mehr Gelegenheiten für einen direkten Austausch zwischen Autor:innen und ihren (fremdsprachigen) Leser:innen gäbe.“
Genau dieser Austausch sei durch das Kulturforum ermöglicht worden: In Dijon, Montpellier und Paris kam Flašar mit Studierenden, Lehrenden und interessierten Leser:innen ins Gespräch. Zwar sei bisher keine Übersetzung entstanden, doch ein Anfang sei gemacht: „Ich denke aber, dass durch den Österreichischen Buchpreis FRANKREICH zumindest ein erster Schritt in diese Richtung geschehen ist. Die Fremdsprachen-Student:innen von heute sind immerhin die Übersetzer:innen von morgen. Und dank der Arbeit der OeAD-Lektor:innen ist die Beschäftigung mit österreichischer Literatur auch im nicht-deutschsprachigen Ausland gewährleistet. Eine solche Beschäftigung dient nicht zuletzt der gegenseitigen Verständigung. Es wäre schön, wenn es durch Preise wie diesen zu einer verstärkten Kooperation zwischen österreichischen und ausländischen Verlagen käme.“
Mit der Auszeichnung für Valerie Fritsch erhält nun eine weitere profilierte Stimme der österreichischen Gegenwartsliteratur die Chance, ein größeres Publikum in Frankreich zu erreichen – und literarische Brücken zu schlagen.
