Geschäftsführer der Druckerei Gerin im Interview

„Nachhaltiges Handeln statt bloßes Einbauen von Umweltzertifikaten“

Herr Braun, wie geht es der Druckbranche aktuell wirtschaftlich?

Die Druckbranche muss sich täglich neu am Markt ausrichten, da sich die Rahmenbedingungen sehr schnell verändern. Auftragsstrukturen und Besitzverhältnisse wandeln sich, Druckjobs fallen weg, während gleichzeitig neue Drucksorten entstehen, die oft in kleinen Auflagen im Digitaldruck produziert werden. Der tägliche Kampf um Aufträge und um ausreichende Deckungsbeiträge beschäftigt uns täglich. Wir bei Gerin sind insgesamt sehr breit aufgestellt: Unsere Produktion reicht vom Bodenkleber über Plakate bis hin zu hochwertigsten Büchern.

Wie entwickelt sich die Nachfrage seitens der Buchverlage?

In Österreich werden vor allem aufwendige und außerordentlich beratungsintensive Projekte realisiert. Das Kundenklientel hat sehr hohe Ansprüche, etwa an Naturpapier, Feinstraster, geruchsfreien Druck sowie an die Falzqualität und Präzision in der buchbinderischen Fertigung.

Wir würden uns auch einfache, große Projekte im Inland wünschen. Nach unserer Einschätzung werden jedoch rund 95 Prozent solcher Verkaufstitel im Ausland produziert. Hier wäre eine Trendumkehr wünschenswert – diese kann aber nur gelingen, wenn der Verband und die Politik gemeinsam daran arbeiten, den Produktionsstandort Österreich attraktiver zu machen. Gerin hat in den vergangenen Jahren bereits innovative Wege eingeschlagen und gemeinsam mit der Papierindustrie kostengünstige Papiere für Verlage aufgelegt und verhandelt.

Welche technologischen Entwicklungen haben den Buchdruck in den vergangenen Jahren am stärksten geprägt?

Besonders prägend war die enorme Bandbreite im Digitaldruck, die wir inzwischen anbieten. Mittlerweile bieten wir über sieben verschiedene Stufen an Digitaldruck-Qualitäten an. Auch die enge Abstimmung mit unseren Buchbindern war dabei entscheidend. Durch den Einsatz von UV-Offsetdruck haben wir insbesondere im Kunst- und Architekturbuchbereich große Vorteile erarbeitet. Damit ermöglichen wir feinste Rasterung, geruchsfreien Druck, verschmutzungsfreie Weiterverarbeitung, eine brillante Farbwirkung auf Naturpapier sowie Spezialanwendungen wie Druck auf Silberfolien und Leinen.

Beobachten Sie derzeit bestimmte Trends in der Ausstattung von Büchern?

Aktuell versuchen sich Grafiker und Gestalter ständig zu übertreffen: Es werden Löcher in Bücher gebohrt, Texte ausgestanzt, Schleifpapier aufkaschiert, Drehscheiben und Pop-ups eingebaut. Wir sehen Transparentpapiere, die mit Silberfolien in Deckweiß bedruckt werden, Farbschnitt auf Kanten oder auf Buchbindern Leimen. Auch präzise Bildübergänge werden gefordert. Die Druckqualität wird bei uns ohnehin immer auf höchstem Niveau angesetzt. Rund 60 Prozent unserer Projekte werden vorab auch testgedruckt.

 

„Von uns Druckereien werden Innovation, Anpassungsfähigkeit sowie ein ständiger Überblick über Markt und Technologien gefordert. Das würden wir uns auch von der Politik im selben Maße wünschen.“

– Michael Braun, Geschäftsführer von Gerin

 

Besonders im Genre New Adult fallen aufwendig gestaltete Ausgaben auf. Wie bewerten Sie diesen Trend?

Das ist uns seit der Buchmesse aufgefallen. Mit aufwändigen Veredelungen und Farbschnitten wird ein starker Wow-Effekt in der Außenwirkung erzielt. Für uns ist das allerdings tägliches Handwerk, das wir auch bei vielen Publikationen umsetzen. Im Gegensatz zu den eher textlastigen Reader-Ausgaben im New-Adult-Bereich sind unsere Produktionen oft sehr bildlastig.

Allerdings gilt auch hier: Rund 95 Prozent dieser aufwendig gestalteten Titel werden nicht in Österreich produziert.

Spielt Künstliche Intelligenz in der Druckbranche bereits eine Rolle?

Ja, wir setzen KI bereits täglich in verschiedenen Bereichen ein. Unsere Verkäuferinnen und Verkäufer nutzen sie unterschiedlich, etwa zur Recherche. Auch in der Druckvorstufe kommt KI bereits zum Einsatz.

Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit bei Gerin, welche Maßnahmen setzen Sie um?

Unsere Antwort lautet: Buchsynergie.at. Wir verfügen über alle gängigen Umweltzertifikate und Nachhaltigkeitslogos, die heute in der Branche wichtig sind und haben zusätzlich unser eigenes Buchsynergie-Projekt entwickelt.

In der Beratung versuchen wir stets, Papiere aus österreichischer Fertigung anzubringen und zu bemustern und auch heimische Firmen mit Bindung und Klischeeherstellung und Veredelung aus Österreich näherzubringen. Ebenso arbeiten wir bevorzugt mit heimischen Partnern für Bindung, Klischeeherstellung und Veredelung. Publikationen, die zu mindestens 70 Prozent auf heimischem Papier aus österreichischer Fertigung basieren, dürfen unser Logo tragen. Dafür haben wir ein Patent angemeldet.

Mit der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) treten bald neue Regeln in Kraft. Wie beurteilen Sie diese Vorgaben grundsätzlich?

Wir arbeiten hier eng mit dem Druckverband zusammen, um eine einheitliche Lösung zu finden, die möglichst wenig Bürokratie für alle Beteiligten mit sich bringt. Von Kundenseite gibt es bereits viele Anfragen und spürbare Verunsicherung, wie künftig mit der Kennzeichnungspflicht für Druckprodukte umgegangen werden soll.

Die EUDR verlangt mehr Transparenz in der Lieferkette. Wie bereitet sich Gerin darauf vor?

Mit unserer regionalen Firmenphilosophie sind wir dafür bestens gerüstet. Rund 95 Prozent unserer Partner sind heimische Buchbindereien, Partner und Papierfirmen. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist das „Anti-Logo“ Buchsynergie: Nachhaltiges Handeln statt bloßes Einbauen von Umweltzertifikaten.

Welche politischen Maßnahmen oder Rahmenbedingungen wären aus Ihrer Sicht hilfreich, um die Druckbranche in Zukunft zu stärken?

Von uns Druckereien werden Innovation, Anpassungsfähigkeit sowie ein ständiger Überblick über Markt und Technologien gefordert. Das würden wir uns auch von der Politik im selben Maße wünschen. Die Politik sollte dafür sorgen, dass Drucksorten regional dort produziert werden, wo sie verkauft oder gebraucht werden.

Ein echter Hebel für nachhaltiges Wirtschaften wäre es, Produkte in Österreich zu fertigen – und Bücher auch teurer zu verkaufen, weil sie hier hergestellt wurden. Das wäre ehrlicher und nachhaltiger als jede Entwaldungsverordnung oder Lieferkettenregelung.

Außerdem ist es zu wenig, wenn nur geförderte Projekte oder Aufträge mit Steuergeld im Land bleiben. Der österreichische Markt braucht insgesamt mehr Aufträge und weniger Abwanderung, sonst wird die Branche weiter schrumpfen.

Vielen Dank für das Interview!

MichaelBraun1 KLEIN
Michael Braun, Geschäftsführer der Druckerei Gerin (c) Gerin
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