Leipzig 2025

Messedirektorin Astrid Böhmisch im Interview

Frau Böhmisch, das Motto der Leipziger Buchmesse 2025 lautet „Worte bewegen Welten“. Was war die Inspiration hinter dieser Wahl?

Mir war es wichtig, dieses Motto zu wählen, weil Worte die Fähigkeit haben, Herzen zu berühren, Gedanken anzuregen und gleichzeitig gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. Das ist eine schöne Brücke zur Leipziger Buchmesse, bei der durch die Kraft der Worte hoffentlich viele Begegnungen, neue Ideen und kreative Projekte entstehen. Die positive Interpretation ist, dass uns Worte neue Perspektiven eröffnen. Aber gleichzeitig wollten wir auch die Dialektik dieses Mottos betonen: Worte können auch spalten und destruktive Kräfte freisetzen, wie wir es in vielen Bereichen der Gesellschaft erleben. Sprache schafft eine Wirklichkeit, die jedoch nicht immer die Realität widerspiegelt.

Norwegen ist heuer Gastland auf der Messe. Was erwartet die Besucher:innen?


Norwegen wird sich als Gastland mit einem geradezu barocken Auftritt präsentieren – das würde man vielleicht nicht sofort mit Norwegen assoziieren, aber die Fülle an Autorinnen und Autoren macht es möglich. Fast 50 Schriftsteller:innen kommen nach Leipzig und nehmen an rund 80 Veranstaltungen teil. Mit dabei sind große Namen wie Karl Ove Knausgård, Maja Lunde, Vigdis Hjorth und Matias Faldbakken, um nur einige zu nennen.

Ein besonderes Highlight ist der Besuch von Kronprinzessin Mette-Marit, die in Norwegen offiziell als Botschafterin des Buches fungiert. Sie wird bei der Eröffnung der Buchmesse im Gewandhaus zu Leipzig zu Gast sein und am ersten Messetag den norwegischen Stand eröffnen. Das ist eine fantastische Geste – so etwas würde man sich auch in Deutschland oder Österreich wünschen. Eine offizielle Persönlichkeit, die sich glaubwürdig für das Buch einsetzt, gibt dem Thema eine enorme Außenwirkung.

Welche neuen Schwerpunkte möchten Sie auf der Messe setzen?


Ein wichtiger neuer Schwerpunkt ist das Thema Künstliche Intelligenz. Wir geben dem Thema nun einen festen Platz mit einer eigenen Bühne. Dort wird der Einfluss von KI auf verschiedene Bereiche beleuchtet – von Demokratie und Politik über Kunst und Kultur bis hin zu Gesellschaft, Bildung und Medien. Natürlich liegt der Fokus besonders auf der Buchbranche, aber wir betrachten das Thema bewusst in einem größeren Kontext. KI wird unser Leben zunehmend prägen, deshalb ist es wichtig, dass jede:r eine Haltung dazu entwickelt.

Neben weiteren neuen Schwerpunkten liegt uns auch besonders die Förderung von Debüts am Herzen, denn der Start für neue Autor:innen ist oft schwierig. Deshalb haben wir das neue Format „Beste erste Bücher“ ins Leben gerufen – eine Kooperation mit dem Literarischen Herbst Leipzig, der nun erstmals auch im Frühling stattfindet. Im Ost-Passage-Theater werden besonders vielversprechende Erstwerke präsentiert, um Debütant:innen zu einem starken Auftritt zu verhelfen.


New Adult ist ein Bereich, der auf den Buchmessen mittlerweile fest etabliert ist. Wie gestaltet die Leipziger Buchmesse ihren Zugang zu diesem Genre?


Unser Ansatz ist eine wirklich herzliche und innige Umarmung dieses vielfältigen Bereichs. Unter dem Begriff New Adult versammeln sich ganz unterschiedliche Genres – von Young Adult über Romance und Dark Romance bis hin zu weiteren Spielarten dieser Literatur. Anstatt diese Titel in einem abgegrenzten Bereich zu bündeln, verteilen wir sie bewusst über alle Messehallen.

Wir glauben an die gegenseitige Inspiration und Befruchtung zwischen verschiedenen Themen und Lese-Communities. Eine New-Adult-Leserin kann so auf neue literarische Entdeckungen stoßen, während sich eine eher literarisch orientierte Zielgruppe von der Leidenschaft und Dynamik dieses Genres begeistern lassen kann. Unser architektonisches Konzept der Messe ist darauf ausgelegt, solche zufälligen Begegnungen zu ermöglichen.

Natürlich haben wir auch Community-Bereiche geschaffen – schließlich wissen wir, wie lang die Schlangen bei Signierstunden oder Special Editions werden können. Aber genau das ist ja Teil des Erlebnisses. Wir haben uns ein bisschen an den Taylor Swift-Konzerten orientiert: Die Wartezeit ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, neue Freunde zu finden und das gemeinsame Interesse an Büchern zu feiern.


Wie positioniert sich die Leipziger Buchmesse im Vergleich zu anderen Buchmessen wie jene in Frankfurt oder Wien? Was macht die Leipziger Buchmesse besonders?

Die Frankfurter Buchmesse und die Leipziger Buchmesse sind sich natürlich schwesterlich verbunden, wir haben aber unterschiedliche Schwerpunkte. Frankfurt ist die weltweit größte Lizenzmesse für den Buchhandel, während Leipzig stärker auf den direkten Austausch zwischen Verlagen, Autor:innen und Leser:innen ausgerichtet ist. Ein zentraler Aspekt in Leipzig ist die nachhaltige Kommunikation: Verlage können hier gezielt ihre Zielgruppen ansprechen und Themen in den Communities verankern. Gerade in einer immer fragmentierteren Medienlandschaft wird es wichtiger, Geschichten um neue Bücher herum aufzubauen – und die Messe bietet eine enorme Reichweite, denken Sie etwa an die vielen Social-Media-Inhalte, die während der Messe entstehen.

Zudem ist Leipzig ein wichtiger Ort für gesellschaftliche Debatten. Die Messe greift relevante Themen auf und setzt Impulse, die von Medien, Institutionen und dem Publikum diskutiert werden. Auch die Buch Wien verfolgt diesen Ansatz, wenn auch auf weniger Quadratmetern. Besonders bemerkenswert ist dort, dass gesellschaftliche und politische Themen gemeinsam mit Medienpartnern in die Diskussion eingebracht und von den Besucher:innen aktiv mitgetragen werden.

Die wachsende Bedeutung solcher Messen zeigt, dass der direkte Austausch für viele unverzichtbar ist. Die steigenden Besucherzahlen sind ein klares Zeichen dafür – sie sind ein Vertrauensbeweis und Ausdruck der Sehnsucht nach realen Begegnungen. Gleichzeitig senden sie auch ein Signal an die Verlage: Präsenz auf einer Messe wie Leipzig, Frankfurt oder Wien ist eine lohnende und nachhaltige Investition.


Was ist Ihr persönliches Highlight für die Leipziger Buchmesse 25?


Das ist natürlich eine schwierige Frage und ich möchte keinen der tollen Programmpunkte übersehen. Aber wenn ich einen nennen soll, dann freue ich mich ganz besonders auf den Gastlandauftritt Norwegens. Die Zusammenarbeit ist unglaublich wertschätzend, auf Augenhöhe und mit viel Wärme geplant. Ich hoffe, dass das auch für die Besucher:innen auf der Messe spürbar wird.

Norwegen wird einen großartigen Stand haben, der architektonisch die Besonderheiten des Landes widerspiegelt. Außerdem sind die Autor:innen, die ich bisher kennenlernen durfte, außergewöhnlich nahbar und interessiert am direkten Austausch mit dem Publikum. Das ist ja nicht selbstverständlich – Schreiben ist oft ein Prozess, der für sich alleine passiert und nicht jede:r fühlt sich sofort in einer großen Öffentlichkeit wohl. Umso schöner wird es sein, diese Begegnungen zu erleben – sei es in den tollen Locations in der Stadt oder direkt auf dem Messegelände.

Auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik steht heuer auch der österreichische Autor Wolf Haas.


Ja, ich freue mich auch schon sehr auf Wolf Haas und bin schon seit Jahren Fan seiner Krimis. Auch als Leserin bin ich stets interessiert an den Novitäten aus Österreich. Letztes Jahr hat Barbi Marković gewonnen, die sich unglaublich gefreut und ein großartiges Buch vorgelegt hat. Ob es vielleicht eine kleine österreichische Serie gibt? Das wird die Jury entscheiden, die Gewinnerin oder der Gewinner wird am Messedonnerstag gekürt.

Jedenfalls zeigt die diesjährige Shortlist eine beeindruckende Bandbreite und Vielgestaltigkeit. Besonders bemerkenswert ist, dass wir mit über 500 Einreichungen eine Rekordzahl hatten – so viele wie noch nie. Das war für die neu zusammengesetzte Jury ein sportliches Level. Wir lassen uns überraschen.

Vielen Dank für das Interview!

LBM24 TS 1256
© Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze
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