Die Schwedische Akademie würdigt Krasznahorkai „für sein fesselndes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischer Schrecken die Macht der Kunst bekräftigt“. Der 1954 im ungarischen Gyula geborene Autor gilt als eine der eigenwilligsten und kompromisslosesten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Sein Werk, das in über dreißig Sprachen übersetzt wurde, umfasst Romane, Erzählungen und Essays.
Seit Jahrzehnten zählt Krasznahorkai zu den bedeutendsten Autoren Mitteleuropas – und galt lange als Favorit auf den Literaturnobelpreis. Mit seinem Debütroman Sátántangó (1985) wurde er schlagartig bekannt. Das düstere, labyrinthische Werk – später von Regisseur Béla Tarr in einen siebenstündigen Film verwandelt – machte ihn zum Chronisten des Endzeitgefühls des späten 20. Jahrhunderts.
Seine Sprache, geprägt von endlosen Satzkonstruktionen, kreisenden Gedanken und ironischer Schwere, entwirft apokalyptische Welten, in denen Erlösung stets vertagt bleibt. In Krieg und Krieg (1999) oder Baron Wenckheims Rückkehr (2018) führt er seine Figuren an die Grenzen der Wahrnehmung – und darüber hinaus. Die US-Autorin Susan Sontag nannte ihn bewundernd „den Meister der Apokalypse“.
Krasznahorkai ist ein Solitär – ein Autor, der sich jedem literarischen Trend entzieht. Seine Bücher verlangen Geduld, Konzentration und Hingabe. Sie bieten keine einfachen Wahrheiten, sondern dichte, atmende Sprachwelten, die man eher durchlebt als liest.
Dass ein solcher Autor den Literaturnobelpreis erhält, ist auch ein Statement der Schwedischen Akademie: gegen das schnelle Erzählen, gegen das Vergessen, gegen den Zynismus. Es ist eine Auszeichnung für eine Literatur, die sich weigert, leicht konsumierbar zu sein.
Preisträger mit Österreich-Bezug
Krasznahorkai ist bekannt für seine dichten, oft seitenlangen Satzgebilde, die in einem hypnotischen Rhythmus durch apokalyptische Landschaften führen. Seine Figuren sind Suchende – von Visionen Getriebene, die in der Auflösung von Ordnung und Bedeutung nach Sinn tasten. In dieser kompromisslosen Form gilt er vielen als Erbe der großen literarischen Tradition Mitteleuropas. 2021 wurde er in Salzburg mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet.
2024 ging sein umfangreicher Vorlass an die Österreichische Nationalbibliothek, wo er künftig der Forschung zugänglich ist. Die Sammlung umfasst Manuskripte, Notizbücher, Briefe und Arbeitsdokumente, die einen tiefen Einblick in Krasznahorkais Schaffen geben.
Als Krasznahorkai Anfang Oktober im Literaturmuseum zu Gast war, sprach er im Ö1-Interview über die österreichische Literatur, die sein Werk maßgeblich geprägt habe. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Krasznahorkai im Gespräch mit Wolfgang Popp, sei „die ganze deutschsprachige Literatur eigentlich von österreichischen Dichtern und Schriftstellern gerettet worden“.
In Interviews verweist er immer wieder auf seine Nähe zu österreichischen Autor:innen wie Robert Musil, Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard, deren Einfluss in seiner Prosa deutlich spürbar ist. Der Autor spricht Deutsch und lebt zeitweise in Wien und Triest.
Der Literaturnobelpreis
Bisher ging der Literaturnobelpreis zwei Mal an Österreicher:innen: an Elfriede Jelinek, die den berühmten Anruf 2004 erhielt, und an Peter Handke, dem die Ehre 2019 zuteil wurde. In diesem Jahr galt eine Vergabe nach Österreich als unwahrscheinlich – dennoch fand sich mit Norbert Gstrein auch ein Österreicher unter den dreißig meistgenannten Favoriten.
Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis überraschend an die Südkoreanerin Han Kang gegangen. Mit der Auszeichnung für Krasznahorkai setzt sich ein Muster der jüngsten Vergaben fort: Seit acht Jahren wechseln sich männliche und weibliche Preisträger:innen regelmäßig ab – 2025 war also wieder ein Mann an der Reihe.
Die Nobelpreise sind in diesem Jahr erneut mit elf Millionen schwedischen Kronen pro Kategorie dotiert – das entspricht rund einer Million Euro. Feierlich überreicht werden sie traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel (1833–1896).
