Frau Hornbogner, was war der ursprüngliche Impuls für Wieser und Drava, sich auf die Literatur aus Mittel- und Osteuropa zu spezialisieren? Was macht diese Region sowie ihre Literatur aus Ihrer Sicht so einzigartig?
Unsere Verlage haben sich von Beginn an der kulturellen Vielfalt und dem literarischen Reichtum Mittel- und Osteuropas verschrieben. Diese Region ist geprägt von einer bewegten Geschichte, von Grenzüberschreitungen und einem reichen sprachlichen und kulturellen Erbe. Viele Stimmen aus Osteuropa blieben lange Zeit im deutschsprachigen Raum ungehört – wir möchten ihnen eine Bühne bieten. Literatur aus diesen Ländern erzählt oft von Identitätssuche, Erinnerung und den Herausforderungen gesellschaftlicher Umbrüche – Themen, die universell sind und zugleich einen einzigartigen Einblick in die Seele einer Region geben. Da in den letzten Jahren immer mehr Verlage sich der Region widmen, erforschen wir derzeit intensiv die Literatur aus Quebec. Ich war in Montreal auf der Buchmesse, der Buchmarkt ist da dermaßen dynamisch und enthusiastisch, und es gibt so viele tolle Bücher zu entdecken.
Welche Herausforderungen und Chancen seht ihr als unabhängiger Verlag in der heutigen Buchlandschaft, und wie begegnet ihr diesen?
Die größte Herausforderung für unabhängige Verlage ist es, sich in einem zunehmend kommerzialisierten Markt zu behaupten. Große Ketten und Onlinehändler bestimmen oft das Angebot, während unabhängige Verlage weniger Sichtbarkeit erhalten. Dennoch sehen wir gerade darin auch eine Chance: Unsere Programme sind kuratiert, wir setzen auf literarische Qualität und entziehen uns dem reinen Mainstream-Denken. Wir begegnen diesen Herausforderungen mit Leidenschaft, Netzwerken und Kooperationen mit Buchhandlungen, Kulturinstitutionen und Leser:innen, die anspruchsvolle Literatur schätzen.

„Ohne unabhängige Verlage gäbe es weniger mutige, experimentelle und literarisch herausragende Bücher – wir verstehen uns als kulturelle Vermittler, die literarische Stimmen erhalten und fördern.“
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Gibt es ein bestimmtes Buch aus eurem Programm, auf das ihr besonders stolz seid und das eure Verlagsphilosophie widerspiegelt?
Es gibt viele Bücher, auf die wir stolz sind – eines davon ist die verlegerische Großleitung von Lojze Wieser: Die Fahnen von Miroslav Krleza. Es vereint unsere Kernanliegen: literarische Qualität, eine wichtige gesellschaftliche Thematik und eine Stimme aus Osteuropa, die neue Perspektiven eröffnet. Solche Bücher sind es, die unsere Verlagsphilosophie ausmachen: Brücken zwischen Sprachen und Kulturen zu schlagen.
Warum sind auch kleinere unabhängige Verlage wichtig für die Verlagslandschaft?
Unabhängige Verlage bringen Vielfalt in die Literaturlandschaft. Sie geben Autor:innen eine Chance, deren Werke sonst vielleicht unentdeckt bleiben würden, und setzen sich für Literatur jenseits des Massengeschmacks ein. Ohne unabhängige Verlage gäbe es weniger mutige, experimentelle und literarisch herausragende Bücher – wir verstehen uns als kulturelle Vermittler, die literarische Stimmen erhalten und fördern.
Wie geht es mit dem Wieser Verlag weiter?
Kurzfristig stehen spannende Neuerscheinungen an, die wir nächste Woche in Leipzig präsentieren dürfen. Langfristig wollen wir unsere Verlagsprogramme weiterentwickeln, neue Autor:innen entdecken und unsere Leser:innen immer wieder mit außergewöhnlichen Büchern überraschen. Besonders am Herzen liegt uns der Ausbau unserer Literaturreihe Bibliothek Quebec, rund um den indigenen Autor Michel Jean, sowie die Stärkung der Vernetzung mit anderen unabhängigen Verlagen und kulturellen Institutionen.
Vielen Dank für das Interview!
