So facettenreich diese Dichte ist, sie hat Struktur. Sie entsteht aus einer präsenten Autor:innenszene, Literaturpreisen und Verlagen, die Texte sichtbar machen, ebenso wie aus einer Vielzahl von Büchereien, Buchhandlungen und Literaturinitiativen. Letztere zeichnen für bewährte Formate wie den Feldkircher Lyrikpreis oder die Literaturtage verantwortlich, die auf eine lange Tradition zurückblicken und weit über die Region hinauswirken.
Das westlichste Bundesland liegt zudem inmitten eines inspirierenden Nachbarschaftsgefüges von Literaturlandschaften. Gerade im Austausch mit der Schweiz zeigt sich die Nähe zu einer der lebendigsten Comic-Szenen im deutschsprachigen Raum. Noch ist es nur ein Gedanke, dass der Funke überspringt und der Comic in der ansonsten so vielfältigen Vorarlberger Literaturlandschaft keine Leerstelle mehr markiert.
Inmitten dieser Grenzregion, in der bereits Franz Michael Felder für eine Form des Schreibens stand, die Literatur und gesellschaftliches Engagement eng miteinander verbindet, war Vorarlberg immer wieder auch ein Literaturort des Übergangs. Ein Ort, an dem sich literarische Wege kreuzten, Biographien verdichteten, Texte entstanden und Entscheidungen fielen. Für Schriftsteller Ernest Hemingway stellte Vorarlberg einen Rückzugsort dar, für James Joyce einen Durchgangsraum und eine Schwelle zwischen politischen Systemen.
Mit Blick auf seine literarisch reiche Vergangenheit zeigt sich Vorarlberg bis heute als gewachsenes, produktives Literaturzentrum, aus dem neben prägenden Stimmen der Gegenwartsliteratur dank kluger Förderstrukturen auch junge bemerkenswerte Stimmen hervorgehen. Während die Region aus dem Zusammenspiel literaturhistorischer Wurzeln und starker Stimmen des aktuellen Büchermarkts schöpft, sind es diese jungen Autor:innen, die den Faden aufnehmen und die Literaturszene mit ihren Texten selbstbewusst weitererzählen.
Sichtbar wird die literarische Qualität der Region dort, wo Vermittlung gelingt: auf den Bühnen der Veranstalter:innen, in Projektarbeiten, in Publikationen und Buchhandlungen. Eben dort, wo Literatur ausgewählt, vermittelt und in konkrete Lesebeziehungen übersetzt wird. Wer Literatur sorgfältig kuratiert, stimmig präsentiert oder sie empfiehlt, schafft jene Verbindungen zwischen Texten und Leser:innen, ohne die Literatur nicht wirken kann. Auch die Initiative Double Check trägt dazu bei, indem sie Kultur- und Bildungseinrichtungen in die Zusammenarbeit bringt und damit auch außergewöhnliche literarische Projekte nachhaltig in Kindergärten, Schulen und Ausbildungsbetrieben ermöglicht.
Seit seiner Eröffnung vor einem Jahr bettet sich das Literaturhaus Vorarlberg in dieses Gefüge ein. Es profitiert von der Offenheit und Kooperationsbereitschaft der bestehenden Institutionen, der Autor:innen, Büchereien und Buchhandlungen. Im direkten Austausch entstehen Verbindungen, die dazu beitragen, dass Veranstaltungsideen und Projekte mitunter gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden. Daraus gehen Formate hervor, die das Schreiben, das Lesen sowie die Suche nach Sprache, auch zwischen den Sprachen, in den Fokus stellen und zugleich Individualität und eine gemeinsame literarische Praxis sichtbar machen.
Die so verdichtete Literaturszene Vorarlbergs präsentiert sich als offen für Bewährtes wie Experimentelles und schreibt kontinuierlich neue, überraschende Kapitel über sich selbst.
Text: Frauke Kühn, Leiterin des Literhauses Vorarlberg
Das Literaturhaus Vorarlberg

Das Literaturhaus Vorarlberg in Hohenems wurde im April 2025 eröffnet und richtet seinen Blick auf das Entstehen von Literatur: vom ersten Gedanken bis zum fertigen Buch. In Formaten wie Live-Lektoraten, Kritikwerkstätten oder Übersetzungen wird sichtbar, wie Texte entstehen, sich verändern und weitergedacht werden. Tagsüber lädt es als frei zugänglicher Ort mit innovativen Vermittlungsangeboten und stillen Plätzen zum Lesen, Schreiben und Dialog ein. Es ist ein Ort für alle, die an Texten und mit Sprache arbeiten oder Literatur neu entdecken möchten. Das Haus verbindet bewusst Programm und Alltag und schafft Räume, in denen Literatur als lebendige Praxis erfahrbar wird.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Literaturhauses Vorarlberg.
