Geschätzte Alle, liebe Buchmenschen, einen wunderschönen Abend von meiner Seite. Es ist mir eine große Ehre, heute hier ein paar Worte verlieren zu dürfen – in diesem großartigen Rahmen. Das Künstlerhaus, sicher einer der schönsten und geeignetsten Orte in Wien, um große Kunst zu würdigen. Und darum geht es ja heute. Große Kunst.
Ich seh schon. Manche denken sich jetzt: Hat der Raab schon was gezwitschert und sich in der Veranstaltung geirrt? Es wird der Buchhandlungspreis verliehen, also wieso: Große Kunst? Stimmt natürlich: Ich habe mich geirrt. Groß ist zu wenig. Es geht um allergrößte Kunst – hier im Künstlerhaus.
Das ist in diesem Zusammenhang übrigens gleich der nächste Fehler: Künstlerhaus. KünstlerINNENhaus muss es heißen. Ich sage das nicht aus Gründen der Anbiederung, ich sag’s, weil’s so ist. Reinste Statistik. Rund 80 Prozent aller Beschäftigten im Buchhandel sind Frauen. Bei den Auszubildenden, also jenen Menschen, die gerade entscheiden, ihr Leben diesem Beruf widmen zu wollen, sind es fast 90 Prozent. Der Buchhandel ist weiblich. Es geht also um Künstlerinnen und ein paar Künstler.
Warum? Eine Künstlerin, ein Künstler lässt aus Vorhandenem etwas Neues entstehen. Wählt aus, verdichtet, kombiniert, belebt. Eine Künstlerin, ein Künstler verwandelt leere Quadratmeter in Atmosphäre, sieht nicht nur was da ist, sondern erkennt, was möglich ist. Eine Künstlerin, ein Künstler lässt Dinge und Menschen, die sonst nicht zueinandergefunden hätten, miteinander in Beziehung treten. Erzeugt Resonanz, die etwas in uns zum Klingen bringt. Eine Erinnerung. Einen Gedanken. Eine Sehnsucht. Trost. Widerspruch. Aufbruch. Das ist Kunst. Und Kunst ist nicht nur Schöpfung – Kunst ist auch Widerstand. Mut, eigene Wege zu gehen und auf sich zu vertrauen.
So, und was macht ihr jeden Tag, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler? All das. Jedes Wort trifft auf euch zu. Ihr nehmt Bücher, so wie andere Farben, und verwandelt sie in ein Erlebnis. Ihr richtet Räume ein, die nach nichts anderem riechen als nach Möglichkeiten. Ihr bringt Menschen zusammen, das Buch als Bindeglied.
Ihr wollt unbeirrbar nicht vergessen, dass Menschen nicht nur Konsumenten sind, sondern soziale Wesen, die nach Gemeinschaft und Geschichten suchen – und auf dieser Suche ihre eigene Geschichte schreiben.
Ich steh heut hier und will auch die Chance nutzen, stellvertretend für meine Zunft danke zu sagen. In einer Dimension, die vielleicht vielen gar nicht so bewusst ist. Ihr, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler, seid in eurer Kunst auch Interpretinnen und Interpreten – ihr haucht einer Komposition erst Leben ein: Mein erster Metzger wurde von kleinen Buchhandlungen entdeckt und empfohlen, von Hand zu Hand weitergegeben. Ihr habt ins Regal gegriffen und gesagt: Wir haben da noch was, das nicht auf den Tischen oder als Stapel liegt. Plötzlich stand der Roman in der Liste, und es haben sich auch andere gedacht: Was ist das bitte? Und vor allem: Wer? Ohne Euch würd ich heut hier nicht stehen. Ewiger Dank.
Und hinter all dem steckt – wie bei allen großen Interpretinnen und Interpreten – jahrelanges Üben. Lesen, Zuhören, Kennen – das Wissen, wer heute hereinkommt und was sie oder er im Moment braucht, oft ohne es selbst sagen zu können.
Solche Räume zu schaffen – und dabei zusätzlich Einkäuferin, Veranstalterin, Therapeutin, Buchhalterin, Social-Media-Redakteurin, eigene Reinigungskraft und was weiß ich sein – das ist keine Dienstleistung. Das ist Kunst. Und Lebenskunst. Wörtlich. Weil von Reichtum im materiellen Sinn kann ja keine Rede sein.
Was Buchhändlerinnen und Buchhändler leisten, hat eine besondere Qualität von Trotz. Eine besondere Qualität von Haltung. Gerade heute, bei diesem Gegenwind.
Ich seh es ja an mir, wie ich meinen Daumen immer weniger zum Umblättern, sondern zum Wischen verwende. Lebenszeit verwandelt sich in Bildschirmzeit. Lesezeit in Überfliegen. Und Hängenbleiben bei irgendwem, der irgendwas kann: kocht, tanzt, singt, putzt, bastelt, quasselt, coacht. Aus mir, einem Menschen, der einst halbwegs informiert war – Lesen ein selbstverständlicher Teil des Tages –, wird langsam ein Trottel, der bestenfalls mit Schlagzeilenwissen um sich schmeißen kann, dafür aber weiß, auf wie viele Arten sich Schnürsenkel einfädeln lassen oder wer alles Eisbaden geht. Und ich hasse mich dafür. Für das gefährlich Wenige, mit dem ich mich zufriedengebe. Und ganz besonders für die wachsende Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben.
Wenn wir verlernen, uns Zeit zu nehmen, nachzudenken, zu reflektieren, etwas wirken zu lassen – zu lesen und zu verarbeiten. Vielleicht sogar zu erkennen, falsch zu liegen. Wenn das verschwindet, wird Dummheit Programm und Populismus zur Norm.
Und wer hält dagegen? Ihr. All die vielen Buchhandlungen.
Und ihr haltet offen. Offen für uns. Ihr fahrt mit Büchern bis in die hintersten Winkel dieses Landes.
Ich will zum Abschluss ein Beispiel geben, das mich sehr berührt hat. 2024, eine Lesung mit der Buchhandlung Plautz in Sinabelkirchen. Ein Sturm der Entrüstung war da gerade medial über den Ort gezogen, weil die FPÖ in Sinabelkirchen bei den Nationalratswahlen mit plus 18,9 Prozent auf 48,3 Prozent gewachsen war. Fast die Hälfte. Wir waren eine sehr kleine Runde in einem Saal, den man zum Glück mit einer Schiebewand halbieren konnte – obwohl Vierteln besser gewesen wäre. Mir blutet da immer das Herz, weil so viel Aufwand betrieben wird für eine Lesung. Der Büchertisch war gigantisch – aber eben die Lücke auch.
Es wurde natürlich trotzdem ein schöner Abend. Menschen waren gekommen, die einfach Lust auf ein Buch hatten. Auf ein Gespräch. Auf etwas, das nicht brüllt, nicht beleidigt, nicht spaltet, auf dieses Angebot: Komm rein. Setz dich. Hier gehört jeder dazu.
Während der Heimfahrt habe ich dann gedacht: Vielleicht wären manche, die nicht hier waren, ein Jahr davor noch dabei gewesen und fehlen jetzt, weil sie sich genieren. Oder weil sie glauben, diese Welt – Bücher, Kultur, Literatur – gehöre der anderen Seite, und sie nun nicht mehr dazu. Ein Gedanke, der mich traurig gemacht hat.
Ja und dann ist mir klar geworden, wie falsch dieses Bild der anderen Seite ist. Es gibt keinen Ort, an dem dieses Bild falscher wäre als in einer Buchhandlung. Sie hat keine andere Seite. Sie hat viele andere Seiten. Zwar schwarz-weiß bedruckte, nur stecken in diesem Schwarz-Weiß alle erdenklichen Farben. Das ist das Geheimnis einer guten Buchhandlung. Sie hat keine Türsteher, die es zu überwinden gilt, keine Gesinnungsprüfung – sondern offene Tore in eine Welt des Wissens, der Fantasie, der Freiheit.
Eine Buchhandlung ist ein Eckpfeiler unserer Demokratie und ein Bindeglied unserer Gesellschaft. Du kommst rein, wie du bist, kannst dir ein Bild machen – und gehst mit etwas raus, das du vorher nicht hattest. Manchmal ist das ein Buch. Eines, das vielleicht vieles ändert, den Blick wieder hebt. Manchmal ist es nur das Gefühl: Ich bin willkommen. Gerade in Orten, wo vieles auseinanderdriftet, wo Menschen sich nicht mehr sicher sind, wo sie hingehören – sind Buchhändlerinnen und Buchhändler in ihren Buchhandlungen eine Tür zur Heimat. Nicht, weil sie nur die eine Antwort liefern, sondern alle Fragen erlauben. Weil sie sagen: Schau, was andere Menschen gedacht, gefühlt, erlebt haben. Du bist nicht allein. Und du bist nicht fertig.
Lasst uns zusammen nie aufhören, nicht fertig sein zu wollen.
Lasst uns neugierig bleiben, und offen.
Die heutigen Preisträgerinnen und Preisträger stehen stellvertretend für alle, die dies jeden Tag tun. Ich gratuliere Euch. Euch Allen, in allergrößter Dankbarkeit. Für Alles.
Lassen wir den Saal beben, jubeln wir und applaudieren.
Herzlichen Glückwunsch.
Text: Thomas Raab
