Christine-Nöstlinger-Preis 2025

Laudatio auf Verena Hochleitner

Sehr geehrte Festgäste,

es ist mir eine große Freude, im Namen der Jury – mit mir gemeinsam Linda Wolfsgruber und Stefanie Schlögl – die Laudatio für die Trägerin des Christine Nöstlinger Preises 2025 halten zu dürfen.

Verena Hochleitner als ein außergewöhnliches Multitalent zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Die Liste ihrer künstlerischen Kompetenzen ist mindestens so lang wie ihre Werkliste, die wiederum nur geringfügig kürzer ist als jene der erhaltenen Auszeichnungen und Stipendien. Verena Hochleitner arbeitet als Grafikdesignerin, Illustratorin, Autorin, Filmemacherin, sie ist Bloggerin, Live Performerin, Mentorin und Ausstellungsmacherin. 2012 erhielt sie den „Outstanding Artist Award“ für Kinder- und Jugendliteratur, einen Staatspreis der Republik Österreich. Ihre Bücher wurden mehrfach mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis prämiert, zwei Mal wurde ihr das Mira-Lobe-Stipendium zuerkannt, und zwei ihrer Bücher wurden in die Empfehlungsliste besonderer Neuerscheinungen der internationalen Kinder- und Jugendliteratur „The White Ravens“ aufgenommen.

Es wimmelt also schon vor Auszeichnungen und Würdigungen in Verena Hochleitners Biografie – und wir sind sicher, dass der Christine Nöstlinger Preis nicht der letzte Eintrag auf dieser Liste sein wird. Denn die kreative Schaffenskraft der Künstlerin, ihre Experimentierfreude und die Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten scheinen nach wie vor ungebremst. 2023 meinte sie in einem Interview: „Jedes Projekt und jedes Jahr ist für mich ein Gewinn. Es gibt ja diese Regel: Man muss etwas zehn Jahre lang machen, erst dann kann man loslegen. Ich mache jetzt über 12 Jahre Bücher, jetzt habe ich das Gefühl, es ist etwas da, damit kann man jetzt anfangen.“[1]

Dass sie schon sehr viel früher angefangen hat, zeigt ein Blick in ihre Biografie. Verena Hochleitner wurde 1969 in Wien geboren und wuchs in Oberösterreich auf, wo sie bereits im Alter von 13 Jahren den Wunsch äußerte, Kinderbuchillustratorin zu werden. Ein Wunsch, dessen Erfüllung sie ganz offensichtlich sehr konsequent verfolgte. Die Grundlage für den künstlerischen Werdegang bildete ein Grafikdesign-Studium an der Universität für Angewandte Kunst in Wien – ein Weg, den auch Christine Nöstlinger zu Beginn ihres Schaffens einschlug, wie Verena Hochleitner erst viel später als Parallele in ihren Biografien entdeckte. Es war der Wunsch, Kinderbuchillustratorin zu werden, der zum ersten Auftrag führte: der Journalist und Buchautor Nikolaus Glattauer lud Verena Hochleitner ein, sein Kinderbuch „Schlaf gut, Susi! Schlaf gut, Schlaf!“ (erschienen im Jahr 2009) zu illustrieren. Schon in dieser ersten Illustrationsarbeit zeigt sich das facettenreiche Talent von Verena Hochleitner: Tintenkleckse, feine Linien, kräftige Pinselstriche und präzise arrangierte Papierschnipsel fügen sich zu Illustrationen mit vielschichtigen Textbezügen zusammen. Verena Hochleitner überrascht dabei mit einer humorvollen Leichtigkeit, die sich als roter Faden durch das weitere Schaffen ziehen wird. Die Anerkennung ihres Talents zeigte sich auch darin, dass dieses illustrierte Kinderbuch 2010 in die Kollektion des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises aufgenommen wurde.  Wenig überraschend folgten rasch weitere Illustrationsaufträge, wie etwa zu “Oje, sagt die Fee” von Saskia Hula oder zu “Hasenlenz” von Marjaleena Lembcke.

Sehr bald nimmt Verena Hochleitner in ihrem künstlerischen Wirken als Kinderbuchautorin eine gesellschaftspolitische Verantwortung als Bildgestalterin wahr. Sie begegnet gesellschaftlich relevanten Themen mit ihrem unaufgeregten Blick auf die Welt, der weder pädagogisierend noch mahnend ist. Sie setzt mit ihren Bildern und später auch mit ihren Texten selbstverständlich eine Welt in Szene, in der Solidarität, Diversität und Empathie gelebt werden, ohne dass sie einer Erklärung oder Kommentierung bedürfen. In “Jakob & das rote Buch”, erschienen 2012 mit einem Text von Franz-Josef Huainigg, füllt Verena Hochleitner mit zunehmender Intensität und Farbigkeit die anfänglichen Leerstellen in der Biografie eines in Wien lebenden Jungen. Sie lässt die Buchseiten nach und nach bunter und lebendiger werden, je mehr der Protagonist über sich selbst und seine Herkunft herausfindet. Mit feinem Gespür gestaltet sie dabei die Entwicklung ihrer Figuren und stattet sie mit einer kraftvollen Zuversicht aus. Sie setzt die Vielschichtigkeit von Lebenssituationen mit überraschenden Perspektivwechseln und Collagen in Szene. So auch im Kinderbuch „Flucht“ aus dem Jahr 2012, eine neuerliche Zusammenarbeit mit Nikolaus Glattauer. In ihren Illustrationen nutzt Verena Hochleitner das Wimmelbild, um den Blick auf die Vielfalt von Menschen mit Fluchterfahrungen zu richten und setzt einen eindrucksvollen Kontrapunkt zu medialen und politischen Vereinheitlichungsanstrengungen: „Ich sage immer gerne: das Wimmelbild ist etwas Demokratisches – in ihm sind viele kleine Geschichten nebeneinander angeordnet. (…) Für mich sichert das Nebeneinander oder auch das wilde Durcheinander das Demokratieprinzip. Es ist ein gleichberechtigtes Neben- und Miteinander, in dem keine Perspektive bevorzugt wird.“[2]  Es ist diese Haltung zu Diversität und Gleichberechtigung als gesellschaftliche Ressourcen, sowie die Konsequenz ihrer künstlerischen Umsetzung, die es uns als Jury einfach gemacht hat, Verena Hochleitner als Trägerin des diesjährigen Christine Nöstlinger Preises auszuwählen.

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Preisträgerin Verena Hochleitner (c) Christopher Mavric

Dass Verena Hochleitner, die in ihren Bildern und Texten dargestellte Selbstverständlichkeit eines gleichberechtigten Zusammenlebens oft in Wien verortet, hat im Übrigen auch nicht geschadet. Seit dem Studium ist diese Stadt ihr Lebensmittelpunkt, hier hat sie ihr Atelier, hier arbeitet sie – und hier beobachtet sie auch gerne und präzise die Menschen, die ebenfalls hier leben. Aus dieser Beobachtung heraus wechselt die Künstlerin immer wieder ihre Perspektive, begibt sich in jene der Beobachteten: „Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist kein Zufall.“ lesen wir im Vorspann von „Die 3 Räuberinnen“, ein Buch, wo Verena Hochleitner für den Text und die Illustration verantwortlich ist. Zwei Buben und ein Mädchen benennen sich – alle Beteiligten mitmeinend – als Räuberinnen und machen ihr Stiegenhaus zu einem wilden Räuberinnenwald, in dem wirkliche und vorgestellte Welten auf mit Gouache-Farbe bemalten und übereinandergelegten Folien verschmelzen. Die 3 Ritterinnen machen es den Räuberinnen im 2020 erschienenen Folgeroman gleich: mit der Kraft ihrer Phantasie eröffnen sich Verena Hochleitners Figuren immer wieder ungewöhnliche und überraschende Handlungsräume in der Stadt. Da kann ein Wohnhaus zur Ritterburg werden oder ein Schneeleopard in einer Sandkiste im Augarten Salto schlagen.

Als außergewöhnlich einfallsreiche Künstlerin bezieht Verena Hochleitner verschiedene Arten von Lebewesen in ihre Erzählwelten ein: Im Silent Book “Hundesalon” aus dem Jahr 2018 etwa erfahren wir, dass exzentrische Föhnfrisuren und ausgefallene Haarfarben nicht nur ein Distinktionsmerkmal unter Menschen sind sondern, dass auch unter Tieren Extravaganz auf dem Kopf zu finden ist.

Zum verbindenden Element des Zusammenlebens in der Stadt werden bei Verena Hochleitner oft Freundschaft und Liebe. So ziehen die ansteckenden Gedanken des verliebten Kochs in einem hellen, federleichten Grün durch das Alltagsgrau und alle, die sich lieben wollen, dürfen dies in aller Diversität und mit aller Selbstverständlichkeit tun. „Viele verschiedene Formen von Gemeinschaft sind möglich. Wenn man aufeinander aufpasst.“,  ist das Fazit von Karin Haller in ihrer Rezension zum Jugendroman „Flimmern“, der 2023 erschienen ist und in dem Verena Hochleitner einmal mehr ihr künstlerisches Multitalent unter Beweis gestellt hat. In dem, von den Ereignissen rund um ein Zinshaus im 2. Bezirk, der sogenannten “Pizzeria Anarchia” inspirierten, fast 350-Seiten starken Roman finden Text und Grafik zusammen: Der Prosatext wird immer wieder von Bildern im Stil von Graphic Novels unterbrochen und fortgeführt. Die Lust am Ausprobieren neuer Erzählverfahren auf Seiten der Künstlerin führt damit zu einem besonderen Erlebnis auf Seiten der Lesenden. 

Mit der Bandbreite ihres Schaffens – vom Silent Book bis hin zum 350-Seiten starken Jugendroman – zählt Verena Hochleitner zu einer der vielfältigsten Vertreter:innen der aktuellen österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. Und dabei haben wir in unserer Laudatio noch nicht ihre unterschiedlichen künstlerischen Zugänge, ihren selbst ausgesprochenen hohen Anspruch an die möglichst ideal inszenierte Illustration, an das viele Ausprobieren, Lernen und Neuausrichten gewürdigt. Es gibt noch viele Aspekte in Verena Hochleitner Schaffen, die es wert wären und sind, genauer betrachtet zu werden.

Dennoch wollen wir an dieser Stelle einen Punkt machen. Auch dieser Preis ist ja kein Endpunkt, gerade bei einer Künstlerin, die so neugierig und furchtlos ist. Nach diesem kurzen Rückblick richtet sich also unser Blick wieder nach vorne: Wir freuen uns auf eine vielfältige Verlängerung der Liste ihre Bücher unterschiedlichster Genres. Ganz konkret dürfen wir uns auf das Sachbuch “Was tun wenn – Kleine Hilfen bei (großen) Katastrophen”, freuen, in dem Verena Hochleitner mitwirkend für Text und Bild verantwortlich ist. Sehr gespannt sind wir auch auf die Abenteuer der 3 Detektivinnen, die wieder einen Genrewechsel vorgenommen haben.

Und sehr gerne erinnern wir an dieser Stelle Verena Hochleitner an zwei, von ihr in einem Interview genannten, noch zu erledigende Punkte ihrer To do – Liste: „eine ungewöhnliche Fantasy-Geschichte“ zu schreiben und der Wunsch „ein Theater für ein Buch“[3] zu machen. Wir freuen uns auf die Projekte der Zukunft, liebe Verena Hochleitner! Und hoffen, nein, sind eigentlich sehr sicher, dass du weißt, was zu tun ist, wenn man einen Preis bekommt: Sich freuen und ordentlich feiern!  Herzliche Gratulation!


[1] Hochreiter et al. Graphisches Erzählen in der Kinder- und Jugendliteratur, Band 2, 2023, S. 93.

[2] Hochreiter et al. Graphisches Erzählen in der Kinder- und Jugendliteratur, Band 2, 2023, S. 84.

[3] Hochreiter et al. Graphisches Erzählen in der Kinder- und Jugendliteratur, Band 2, 2023, S. 90f.

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(c) Christopher Mavrič
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