Christine-Nöstlinger-Preis 2026

Laudatio auf Elisabeth Steinkellner

Liebe Festgäste, 

es ist mir eine große Freude, im Namen der Jury – mit mir gemeinsam die Illustratorin Linda Wolfsgruber und die Direktorin des ZOOM-Kindermuseum Andrea Zsutty – hier auf diesem Schulcampus eine kurze Lobesrede halten zu dürfen, nämlich auf Elisabeth Steinkellner, die Trägerin des Christine Nöstlinger Preises 2026. 

Um den vielen jungen Menschen im Publikum Mut machen, ihren Ideen und Wünschen zu folgen, auch wenn sie von Erwachsenen oft nicht sofort verstanden werden können, möchte ich gerne auf den Beginn von Elisabeth Steinkellners Weg zur heute ausgezeichneten Schriftstellerin zurückblicken: sie träumte als junger Mensch davon, sich später beruflich kreativ verwirklichen zu können. Als Zirkusartistin oder als Schriftstellerin. Beim Aufwachsen in einem kleinen Ort in Niederösterreich waren diese Wünsche von vielen Zweifeln begleitet, es fehlten greifbare Vorbilder und Lebensentwürfe. 

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v.l.n.r.: Alexander Potyka, Barbara Waldschütz, Christiana Nöstlinger, Elisabeth Steinkellner, Veronica Kaup-Hasler, Andrea Zsutty, Stefanie Schlögl © StadtWien/Markus Wache

Viele Jahre dachte sie, dass es wohl nur beim „exzessiven Schreiben“ für sich selbst in ihren Tagebüchern bleiben würde. Bis Elisabeth Steinkellner, mittlerweile nach Wien übersiedelt, eine besondere Einladung bekam und annahm: nämlich jene, den Text für ein Bilderbuch zu schreiben, das für einen Illustrationspreis eingereicht werden sollte. 

Mit dem Preis wurde es zwar nichts, aber das daraus entstandene Bilderbuch „An Herrn Günther mit bestem Gruß“, das sie – wie viele weitere Veröffentlichungen – gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem Illustrator Michael Roher gestaltete, wurde sofort vom Jungbrunnen Verlag angenommen und im Jahr 2010 veröffentlicht. Die Geschichte über eine Gruppe bester Freund:innen, die einem erwachsenen Menschen bei der Entwicklung seiner sozialen Fähigkeit unter die Arme greifen muss, wurde auch international ein Erfolg – Übersetzungen des Buches sind in Spanien, Dänemark und Taiwan erhältlich. 

Dieses erste veröffentlichte Bilderbuch wurde zum Inspirationsschub. Viele Ideen, die die Autorin – wie sie selbst sagt – bis dahin in ihrem Herzen trug, sprudelten plötzlich aus ihr heraus. Und es ist genau diese Vielfalt – vom illustrierten Roman über Prosaminiaturen bis hin zu Bilderbüchern und Gedichten – die uns als Jury beeindruckt hat. Egal ob im humorvollen Pappbilderbuch „Heupferdchen Hüpf“, in der absurd-komischen Neuinterpretation altbekannter Märchen mit dem Titel „Wer fürchtet sich vorm lila Lachs?“ oder den teilweise in prosaischen Kurzformen erzählten Roman „Rabensommer“ über die Freuden und Herausforderungen des  Lebens junger Menschen in ihrem letzten gemeinsamen Sommer nach der Schulzeit – in allen Arbeiten zeigt sich Elisabeth Steinkellners feines Gespür für Sprache und ihr ausgeprägtes Formbewusstsein, wobei sie die unterschiedlichen literarischen Formen nicht nur beherrscht, sondern immer auch präzise und ihren Themen angemessen einsetzt.  

 

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Vielfältig und bunt: Die Werke der Preisträgerin Elisabeth Steinkellner © StadtWien/Markus Wache

 

Gesellschaftliche Fragen werden in Elisabeth Steinkellners Werken ebenso sensibel wie differenziert und engagiert verhandelt, ohne dabei – ganz im Sinne von Christine Nöstlinger – die Leser:innen zu bevormunden. In psychologisch fein gearbeiteten Romanen wie „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“ oder dem in Versform verfassten Jugendroman „Esther und Salomon“ schreibt sie über die prägende Zeit des Heranwachsens, über schwierige Situationen in Familien und über die Bedeutung des Rückhalts durch Freund:innen und in ersten Liebesbeziehungen. Die Auswirkung von Armut, das damit einhergehende Ausgeliefertsein in prekären beruflichen Machtverhältnissen und Gewalterfahrungen werden im international vielbeachteten und von Anna Gusella illustrierten Tagebuchroman „Papierklavier“ beinahe beiläufig, dennoch ernsthaft und respektvoll mitverhandelt. Geschlechterzuschreibungen können dabei auch einmal absichtlich ausgelassen werden, die von der Autorin entwickelten Romanfiguren sind selbstverständlich divers. 

Elisabeth Steinkellner wünscht sich eine Welt, in der es für „alle Menschen gleiche Chancen und gleiche Teilhabemöglichkeiten“ gibt, sie wünscht sich, dass „einfach Gleichberechtigung“ herrscht, wie sie sagt: „Das fließt in meine Bücher ein, weil es zu mir gehört.“ Stimmig ist es deshalb auch, dass es vom im Tyrolia Verlag erschienenen Pappbilderbuch „Guten Morgen, schöner Tag!“ eine Ausgabe gibt, in der die Reime in vier Sprachen übersetzt sind und so einer breiteren Leser:innenschaft zugänglich gemacht werden: Mit ihren humorvollen und sprachspielerischen Texten sowohl in Bilderbüchern als auch in Lyrikbänden eröffnet Elisabeth Steinkellner immer wieder aufs Neue Räume der Leichtigkeit, die von Witz und Freude am Klang der Sprache geprägt sind.  

Mit dem großen Talent, eine sensible Figurenentwicklung, sprachliche Präzision und spielerische Offenheit miteinander zu verbinden, steht Elisabeth Steinkellner in einer Tradition, die sich ganz im Sinne von Christine Nöstlinger durch Respekt gegenüber ihren Figuren und ihren Leserinnen und Lesern auszeichnet, ohne dabei in Klischees zu verfallen oder Trends folgen zu wollen. 

Und weil wir hier heute in einer Schule sind und sich so eine Preisverleihung vielleicht auch ein wenig wie eine Zeugnisverteilung anfühlen mag, möchte ich abschließend aus einem von Elisabeth Steinkellner verfassten „Glaubensbekenntnis“ (zu finden im Lyrikband „Vom Flaniern und Weltspaziern“) zitieren: 

„Wir glauben 

An die wundersame Palatschinkenvermehrung 

Die Heilkraft von Lachkrämpfen 

Und ein Leben nach dem Zeugnistag.“ 

Liebe Elisabeth, die Frage nach dem, worauf sich deine Leser:innen als nächstes freuen dürfen, hast du zuletzt mehrfach damit beantwortet, dass es dich schlussendlich doch immer wieder „zur kurzen Form“ hinzieht. 

Ein Glück für deine Leser:innen, weil gerade hier, wo Rhythmus, Verdichtung und Genauigkeit zentral sind, dein außerordentliches Sprachgefühl sichtbar und spürbar wird. 

In diesem Sinne hoffe ich, dir in dieser kurzen Form der Lobesrede als einer gleichzeitig so sensiblen wie herausragenden Stimme in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur gerecht geworden zu sein. Im Namen der Jury gratuliere ich dir sehr herzlich zum Christine Nöstlinger Preis 2026 und wünschen dir viel Freude mit dieser schönen Auszeichnung! 

Text: Stefanie Schlögl

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Laudatorin Stefanie Schlögl (c) Stadt Wien/Markus Wache
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