Kroatischer Autor Slobodan Šnajder gestorben

Die österreichische Buchbranche trauert um Slobodan Šnajder. Der kroatische Schriftsteller starb überraschend am Sonntagabend, 30. August 2026, in seiner Heimatstadt Zagreb. Diese Nachricht verbreitete der Zsolnay Verlag am Montag, bei dem zwei seiner Bücher auf Deutsch erschienen sind. Mit ihm verliert die europäische Literatur eine ihrer eigenwilligsten und politischsten Stimmen.

Europa verliere mit ihm eine Stimme, die weit über die Grenzen seines Landes hinausreichte, würdigte Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger den Verstorbenen: „einen eigensinnigen, couragierten Schriftsteller, dessen Werk bleiben wird.“

Geboren wurde Šnajder 1948 in Zagreb. Dort studierte er Englisch und Philosophie und war zudem Mitbegründer der Theaterzeitschrift „Prolog“. Ab 1966 veröffentlichte er Kurzgeschichten, Theaterstücke und Essays. International bekannt wurde er 1982 mit seinem Stück „Der kroatische Faust“, das in Split uraufgeführt wurde. Die deutschsprachige Fassung inszenierte 1988 Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr. 1994 zeigte sie außerdem das Wiener Burgtheater unter der Regie von Hans Hollmann. Daneben leitete Šnajder viele Jahre das Theater der Jugend in Zagreb und schrieb von 1994 bis 2013 als politischer Kolumnist für die Tageszeitung „Novi list“.

Eine Trilogie über Krieg, Familie und Erinnerung

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Šnajder einer großen Romantrilogie über die Geschichte seiner Heimat inmitten Europas. Den Auftakt bildete 2019 bei Zsolnay „Die Reparatur der Welt“. Darin erzählte er die Geschichte seiner eigenen, unter Maria Theresia in Slawonien angesiedelten Familie. Im Februar 2026 folgte der zweite Teil, „Engel des Verschwindens“: ein Epos über ein Zagreber Mietshaus und seine Bewohner:innen, mit dem Porträt einer willensstarken Frau im Zentrum. Beide Bücher übertrugen Mirjana und Klaus Wittmann sowie Matthias Jacob und Rebekka Zeinzinger ins Deutsche.

Für den geplanten Trilogie-Abschluss recherchierte Šnajder zuletzt unter anderem in Mauthausen. Dort war sein Onkel als politischer Häftling in den letzten Kriegstagen ums Leben gekommen. Im März erzählte er Ohrlinger bei einem Kaffeehausbesuch in Wien von diesen Recherchen. Noch drei Wochen vor seinem Tod rief er den Verleger dann noch einmal an: Er liege nach einem Verkehrsunfall im Spital, habe den Roman aber dennoch bei seinem kroatischen Verlag abgeliefert. Im November wollte er „Maria Leib“, so der Arbeitstitel, beim Literaturfestival in Pula vorstellen.

Auf die politische Entwicklung in seiner Heimat blickte Šnajder zuletzt skeptisch. „Der Balkon am Heldenplatz ist im Moment leer und wartet auf den Nächsten“, sagte er noch im Februar in einem Interview.

Mit Slobodan Šnajder verliert die deutschsprachige Literaturwelt einen Autor, der die jüngere Geschichte Südosteuropas mit schonungsloser Klarheit literarisch verarbeitete. Sein zuletzt begonnenes Werk bleibt nun unvollendet.

Autorenportrait Slobodan Snajder
(c) Dirk Skiba
Werbung
Shortlist-Cover Collage Wiener Krimipreis 2026