Buch Wien

Julia Kospach im Interview

Frau Kospach, was hat Sie besonders an der Position als Kuratorin für Belletristik und Sachbuch bei der Buch Wien gereizt?

Ich bin eine obsessive Leserin, immer gewesen, ganz gleich ob Literatur oder Sachbuch, und finde, dass ein Leben ohne Bücher zwar möglich, aber wenig erstrebenswert ist. Die Buch Wien ist ein großes Fest der Bücher und des vom Lesen inspirierten Gedankenaustauschs. Ein Literatur- und Sachbuch-Programm dafür zu gestalten, Anregungen und Impulse für Leser:innen zu schaffen und neue Leser:innen zu gewinnen: das ist eine ziemlich reizvolle Aufgabe.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie in Ihrer Rolle als Kuratorin setzen und warum sind Ihnen diese Themen besonders wichtig?

Nature Writing, genauer vielleicht das Schreiben über die Natur, wird sicher eine wesentliche Rolle spielen. Das ist ein enorm weites und gerade in den letzten Jahren sehr üppig und bunt sprießendes Feld des Buchmarkts. Da wird viel übersetzt – besonders aus dem Englischen, wo Nature Writing lange Tradition hat -, viel wiederentdeckt und viel Neues geschrieben. Es gibt herrliche Dinge zu entdecken. Von literarischem Nature Writing über Essays zum Natur-Mensch-Verhältnis bis hin zu Sachbüchern, die sich mit Themen wie Bionik, Kommunikation in der Tier- und Pflanzenwelt, Artenvielfalt, Umwelt oder Klimawandel befassen. Warum die Beschäftigung mit der Natur gerade jetzt besonders wichtig ist, braucht man eigentlich nicht zu erklären. Nicht minder wesentlich ist mir Frauenliteratur, als Literatur von und über Frauen, aber auch im Sinne eines Fokus auf Sachbücher und Themen, die besonders für Frauen relevant sind – von Gendermedizin bis zu weiblicher Altersarmut. Warum? Längst nicht nur, aber auch, weil rund drei Viertel aller Bücher von Frauen gekauft werden.

Die Buchmesse ist auch ein Ort für gesellschaftspolitische Diskussionen. Welche Verantwortung trägt die Buch Wien aus Ihrer Sicht in diesem Kontext?

Die Buch Wien tut sicher eines: Sie leistet mit ihren Gesprächs- und Veranstaltungsformaten einen Beitrag zur Meinungsvielfalt und zu einer sehr lebhaften, gleichermaßen widerspruchsfreudigen wie toleranten Debattenkultur. Das ist enorm viel wert. Dazu kommt, dass das Lesen von Büchern, so wie ich es verstehe, eine ziemlich selbstbestimmte Möglichkeit darstellt, in seinem eigenen Tempo in völlig andere Lebenswelten als die eigene einzutauchen. Insofern handelt es sich dabei um eine große Schule der Empathie und um eine der friedfertigsten Arten, sich die Welt anzueignen.

Welche Kriterien sind für Sie bei der Auswahl von Buchtiteln und Veranstaltungen entscheidend?

Erst einmal geht es natürlich um Neuerscheinungen des jeweiligen Jahres, die aus den Verlagen stammen, die auf der Buch Wien ausstellen. Das ist das basalste Auswahlkriterium. Dazu kommen Schwerpunktsetzungen. Einige bekommen wie erwähnt neues Gewicht – wie Nature Writing oder Frauen –, andere wie internationale Politik und Sicherheitspolitik, Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft und Finanzen sind schon etabliert und werden fortgeführt und weiter ausgebaut. Ganz grundsätzlich geht es auf der Buch Wien als Publikumsmesse um möglichst große Vielfalt, um eine gute, anregende Mischung und um Begegnungen mit Autor:innen, Verlagen und Buchwelten.

Wie würden Sie die Buch Wien im Vergleich zu den Messen in Leipzig und Frankfurt positionieren? Was macht die Buch Wien Ihrer Meinung nach besonders?

Leipzig und Frankfurt sind riesig und können einen auch erschöpfen und überfordern. Im Vergleich dazu fühlt sich die Buch Wien, obwohl sie stetig wächst, eher wie ein intimes Buchfestival oder ein vergrößerter literarischer Salon an. Diese Atmosphäre ist wirklich besonders. Alle mögen die Buch Wien, alle kommen gern. Man trifft und begegnet einander hier ohne Anstrengung. Ich würde sagen, die Buch Wien ist die Buchmesse des entspannten Flanierens und der entspannten Gesprächskultur.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den anderen Kurator:innen und wie wird sichergestellt, dass die Programmauswahl sowohl vielfältig als auch inhaltlich stimmig ist?

Es gibt regelmäßigen Austausch und Gespräche. Neue Formate werden gemeinsam mit dem gesamten Buch Wien-Team und einer Reihe externer Berater:innen entwickelt. Die „Science Lounge“, die im Vorjahr großen Zulauf hatte, wird zweifellos weiterwachsen. Das Publikum der Buch Wien interagiert gerne direkt mit Autor:innen, Expert:innen und Diskussionsteilnehmer:innen.

Vielen Dank für das Interview!

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© Alexandra Grill
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