Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
die Welt, wie wir sie kennen, verschwindet, und die Welt, die entsteht, ist schwer vorstellbar. Es liegt an uns zu entscheiden, ob die Situation „ernst, aber nicht hoffnungslos“ oder „hoffnungslos, aber nicht ernst“ ist. Sicher ist, dass Europa sich in einem Moment des Schwindels befindet. Und wie Milan Kundera uns erinnert hat: „Schwindel ist etwas anderes als die Angst vor dem Fallen. Es ist die Stimme der Leere unter uns, die uns verführt und lockt, es ist das Verlangen zu fallen, gegen das wir uns voller Angst wehren.“
In diesem Moment des Schwindels möchte ich dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels dafür meine Wertschätzung ausdrücken, dass er Eva Menasse den Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln verliehen hat. Wie der Präsident des Hauptverbandes, Benedikt Föger, feststellte: „In Zeiten wachsender Polarisierung, politischer Vereinfachung und aggressiver Diskurse erhebt Eva Menasse ihre unverkennbare Stimme – differenziert, unbequem und präzise.“
Was macht ihre Stimme so wichtig? Wie schafft sie es, gleichzeitig nuanciert, unbequem und präzise zu sein?
Ihre Stimme ist zutiefst persönlich. Für sie ist alles, was nicht Biografie ist, nichts. Ihre Romane Vienna und Dunkelblum sind archäologische, keine pädagogischen Werke – komplex, verstörend und tröstlich zugleich. Sie stellen nicht nur neue und vergessene Stimmen der Vergangenheit vor; sie machen auch das Schweigen der Vergangenheit hörbar. Ihre Stimme ist moralisch bestimmt, aber niemals moralisierend, und ihr Verhältnis zur österreichischen Geschichte ist ein intimes. Beim Lesen ihrer Romane, Erzählungen und Essays fühle ich mich oft an den großen italienischen Historiker Carlo Ginzburg erinnert, der einmal festhielt, das Land, zu dem man gehört, sei nicht das, das man liebt, sondern jenes, für das man sich schämt. Wir wissen, was er meint: Nichts lässt uns unsere nationale Zugehörigkeit stärker spüren als das „Sich-Schämen für jemanden, der nicht wir ist, für etwas, woran wir nicht beteiligt sind“, für das wir uns aber verantwortlich fühlen. Man kann seinem Vaterland moralisch nicht entkommen. Man kann auswandern, aber man kann der Verantwortung nicht entfliehen.
Evas Stimme ist kraftvoll und wird sogar von denen gehört, die wie ich kein Deutsch lesen. Sie bezeugt, dass wir Europäer Träume teilen, aber unsere Albträume streng national bleiben.
Aus meiner Sicht sind es vor allem Eva Menasses Beiträge zu drei jüngeren öffentlichen Debatten, die diese Auszeichnung in besonderer Weise begründen.
Erstens: Ihr Beitrag zur Debatte über Identitätspolitik, soziale Medien und „Cancel Culture“. Ich traf Eva zum ersten Mal beim Einstein Forum in Potsdam, kurz nachdem unsere gemeinsame Freundin Susan Neiman Left Is Not Woke veröffentlicht hatte. Für Susan war Philosophie schon immer eine Kampfkunst, daher ist es nicht verwunderlich, dass ihr Buch eine intensive Debatte ausgelöst hat. In dieser Debatte war Eva Menasses Stimme in der Tat nuanciert und präzise. In ihren Überlegungen zu den Gefahren der sozialen Medien und der Identitätspolitik argumentierte sie eindringlich, dass Universalismus für die liberale Kultur unerlässlich ist. Ihr starker Antirelativismus, ihre Beharrlichkeit, dass die Ablehnung unserer Fähigkeit, die Perspektiven anderer zu verstehen, das Erbe der Aufklärung verrät, ist in einer Zeit entscheidend, in der Identitätspolitik sowohl von Linken als auch von Rechten genutzt wird, um die Möglichkeit des menschlichen Zusammenlebens zu untergraben. Kurz gesagt, Eva Menasse verteidigt Gustave Flauberts Recht zu sagen: „Madame Bovary bin ich.“
Zweitens: Ihre Stimme in der europäischen Debatte über den Krieg Russlands gegen die Ukraine: Tony Judt betitelte seine Geschichte Europas seit 1945 mit Postwar nicht nur um zu zeigen, dass das europäische Projekt vom Erbe des Zweiten Weltkriegs geprägt war, sondern auch, um zu zeigen, dass Europa zu einem Ort geworden war, an dem ein neuer großer Krieg undenkbar schien. Dieses „Nachkriegseuropa“ liegt unter den Trümmern von Putins Invasion begraben. Die Nachkriegsordnung, die mit der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands begann, scheint nun mit der gewaltsamen Teilung der Ukraine zu enden. Russische Bomben haben nicht nur die ukrainische Infrastruktur zerstört, sie haben auch die Sprache zerschlagen, mit der wir das 20. Jahrhundert beschrieben haben. Putins Behauptung, Russland kämpfe gegen die Rückkehr des Nationalsozialismus, hat die moralischen und intellektuellen Grundlagen des Nachkriegseuropas ausgehöhlt. Worte wie „Faschismus“ und „Kommunismus“ haben ihre Bedeutung verloren; die Unterscheidung zwischen Opfer und Aggressor ist verwischt. Für viele ist Antikriegshaltung zu einer Möglichkeit geworden, sich der Frage zu entziehen, wer diesen Krieg begonnen hat – und warum.
Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung von 200 deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern im Jahr 2022, den PEN Berlin zu gründen und deutsche Militärhilfe für die Ukraine zu fordern, von dramatischer Bedeutung. Der Bruch mit der edlen pazifistischen Tradition Deutschlands war nicht leicht. Aber Eva Menasses Eröffnungsrede auf dem Gründungskongress von PEN Berlin „Meinungsfreiheit − der Kanarienvogel im demokratischen Schacht” wird zusammen mit Olaf Scholz’ Zeitenwende-Rede als eines der eindrucksvollsten Zeugnisse für den Wandel stehen, den wir gerade erleben.
Drittens hat Eva Menasse seit ihrer ersten Reportage über den Prozess gegen den Holocaustleugner David Irving bis hin zu ihren Romanen und Essays den Holocaust und den Antisemitismus in den Mittelpunkt ihrer Weltanschauung gestellt. Gerade ihr tiefes Engagement für den Kampf Europas gegen den Antisemitismus hat ihre Stimme in den europäischen Debatten nach dem Angriff der Hamas auf Israel und der Reaktion Israels so wichtig gemacht. In dieser Debatte hat Eva Menasse eindringlich argumentiert, dass die sehr reale Gefahr eines wiederauflebenden Antisemitismus es nicht rechtfertigen kann, palästinensische Stimmen zum Schweigen zu bringen oder zu ignorieren, was in Gaza geschieht.
In seiner Reflexion über die moralischen Grundlagen der liberalen Nachkriegsordnung schrieb der bulgarisch-französische Philosoph Tzvetan Todorov, diese Ordnung könne nur überleben, wenn Deutsche auf der Einzigartigkeit des Holocaust beharren, während Juden und Israelis auf seiner universellen Bedeutung bestehen.
Es war in gewisser Weise ein unausgesprochener Vertrag: Ein Volk hatte einem anderen unaussprechliches Leid zugefügt, doch die Menschheit als Ganzes musste vor einer Wiederholung geschützt werden. Wenn Deutsche darauf bestehen, Juden nur als Opfer zu sehen – selbst dann, wenn israelische Handlungen Tausende Zivilist:innen töten –, kann man ihnen zunächst zugestehen, ihren Teil des Vertrags erfüllen zu wollen. Doch dieses Zugeständnis endet dort, wo die andere Seite sich weigert, ihren Teil einzuhalten. Und wenn die Netanyahu-Regierung darauf besteht, dass Israel ausschließlich als Opfer gesehen werden müsse und niemals als Täter, verletzt sie ihren Teil des Vertrags.
„Zwei Nationen sind metaphorisch gesprochen aus der Asche von Auschwitz hervorgegangen“, schrieb der verstorbene israelische Philosoph Yehuda Elkana: eine Minderheit, die sagte: „Das darf nie wieder passieren“, und eine verängstigte Mehrheit, die sagte: „Das darf uns nie wieder passieren.“ Es sei diese verängstigte Mehrheit gewesen, so argumentierte er, die sich der vergifteten Vorstellung hingegeben habe, Israel sei ein ewiges Opfer und die Welt sei ihm auf ewig feindlich gesinnt – eine Täuschung, vor der Hannah Arendt gewarnt hatte, als sie von der Gefahr sprach, dass die Israelis es versäumen könnten, „die Welt zu lesen“.
Die in Deutschland tobende Debatte darüber, was über Israel gesagt werden darf und was nicht (eine Debatte, die dort intensiver geführt wird als anderswo), erinnert uns an die einzigartige Geschichte Deutschlands. Sie erinnert uns auch daran, dass jede moderne Krise – Ukraine, Gaza, die Wiederaufrüstung Europas – zu einer Krise der deutschen Nachkriegsidentität geworden ist. Deshalb ist die Debatte in Deutschland für die Zukunft Europas so wichtig. Und auch aufgrund ihrer Beiträge zu dieser dritten Debatte hat Eva Menasse diesen prestigeträchtigen Preis verdient. Sie hat einen Weg gefunden, mit einer Stimme zu sprechen, die „nuanciert, unbequem und präzise“ ist.
Es heißt oft, dass niemand in seinem eigenen Land Prophet ist, insbesondere nicht eine Österreicherin, die einen Großteil ihrer Zeit in Deutschland verbringt. Ich möchte der Jury des Ehrenpreises des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln 2025 meine Wertschätzung dafür ausdrücken, dass sie dieses alte Sprichwort widerlegt.
Und ich möchte Eva Menasse zu dieser wohlverdienten Auszeichnung herzlich gratulieren.
Text: Ivan Krastev, Übersetzung aus dem Englischen von Irmi Koller.
