Beginnend in den 1960er Jahren, wo die literarische Moderne um die Zeitschrift „manuskripte“ in dieser Stadt ein Jahrzehnt früher als im restlichen Österreich offizielle Förderung und eine auch institutionelle Verankerung fand, hält sich Graz, und zwar ohne dabei auch nur irgendeine Form von Scham zu empfinden, für schlichtweg eines: die Hauptstadt der Literatur.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit diesem Ehrentitel assoziiert sind, brauchen selbst nicht allzu lange in der Steiermark aufhältig gewesen zu sein. So zählen etwa auch die beiden jüngsten Nobelpreisträger der österreichischen Literatur, Elfriede Jelinek und Peter Handke, zwar immer ein klein bisschen mit Nachsicht, aber dann doch meist wie selbstverständlich zum Personal des Bundeslandes. In anderen Fällen ist die Zugehörigkeit unstrittig und die entsprechenden Namen flutschen einem nur so von der Zunge: Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Gerhard Roth, Reinhard P. Gruber, Alfred Kolleritsch, Klaus Hoffer, Werner Schwab, Günter Eichberger oder Wilhelm Hengstler.
Am 21. Juli 2021 hat die Kleine Zeitung, das unangefochtene Leitmedium der Steiermark, mit einem Satz getitelt, der der Literatur dieses Bundeslandes auch schon vorher ins Herz geschrieben war: „Graz ist Hauptstadt der Literatur“. Was war jetzt wieder geschehen? Nun, innerhalb weniger Wochen hatte die nach Graz zugezogene Nava Ebrahimi den Bachmannpreis gewonnen und Clemens J. Setz war mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Mit zu dieser neuen Schriftstellergarde, die aus der Provinz so spielerisch einfach eine Metropole macht, gehören (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Valerie Fritsch, Olga Flor, Cordula Simon, Max Höfler und Andreas Unterweger. Aber vor allem auch zugewanderte Autoren wie Dževad Karahasan (gestorben 2023) und Fiston Mwanza Mujila machen die literarische Szene dieser Stadt so lebendig.


Das Literaturhaus Graz © Elisabeth Loibner/Thomas Raggam
Es ist natürlich ein großes Privileg und eine Riesenfreude, ein Literaturhaus in einer Stadt führen zu dürfen, die nichts Geringeres als eine Hauptstadt der Literatur ist. Es ist auch vordringlich die Stadt Graz selbst, die sich dieses Haus leistet und es seit seiner Gründung im Jahr 2003 (da war Graz europäische Kulturhauptstadt) mit den entsprechenden Fördermitteln ausstattet. Andere Fördergeber wie der Bund oder das Land Steiermark spielen da eine eher marginale Rolle. Und das ist wichtig auch insofern, als wir uns vor den Kürzungen, die im Land Steiermark bereits jetzt statthaben und die in einem noch höheren Maß angedroht sind, nicht so sehr fürchten müssen wie viele andere ebenfalls glanzvoll funktionierende steirische Kultureinrichtungen.
Die Wertschätzung, die uns in Graz von Seiten der Medien, der Politik, der Kulturszene und nicht zuletzt auch von Seiten des Publikums entgegengebracht wird, ist enorm: Im letzten Jahr haben mehr als 15.000 Menschen unsere einhundert Veranstaltungen besucht, an weiteren 60 Tagen standen unsere Räumlichkeiten der freien Szene der Stadt zur Verfügung. Mit solchen Erfahrungen im Rücken, nämlich einem faktisch immer gut gefüllten Haus, kann man schon einmal auf die verwegene Idee verfallen, Literatur nicht immer nur für eine Marginale, sondern auch schon einmal für eine echte Hauptsache zu halten. Und das ist dann gleich auch die beste Imprägnierung gegenüber denen, die in der Durchsetzung ihrer autoritären Wahnvorstellungen alles andere möglichst rasch und spurlos Weg! haben wollen.
Text: Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhauses Graz
