Aktuelle Kinderbuch-Tipps aus österreichischen Verlagen

Gefühlen eine Sprache geben

Wenn du weinst wie ein Wasserfall von Noemi Vola, Leykam Verlag

Mit Wenn du weinst wie ein Wasserfall der italienischen Illustratorin Noemi Vola ist ein warmherziges, kluges und urkomisches Plädoyer für das Weinen im Leykam Verlag erschienen. Die Geschichte, übersetzt von Andrea Grill, beginnt mit dem Versuch, einen traurigen Wurm aufzumuntern, und endet in einem wahren Tränenmeer. Doch statt in Schwermut zu versinken, hebt das Buch ab in eine wunderbar fantasievolle Welt, in der Tränen nicht nur erlaubt, sondern nützlich sind: Man kann mit ihnen Feuer löschen, Pasta kochen oder Blumen gießen.

Es erinnert ganz nebenbei daran, dass Weinen eine Sprache ist – universell verständlich und zutiefst menschlich. Tränen zeigen anderen, dass man Hilfe oder Trost benötigt, denn: „Wenn du weinst wie ein Wasserfall, bist du immer von Freund*innen umringt“.

Wir alle weinen: Superheld:innen, König:innen und Polizist:innen. So wird das Buch zu einer kraftvollen Einladung: Gefühle dürfen da sein. Und sie dürfen überlaufen. Dass man beim Lesen auch Tränen lachen kann, ist das größte Geschenk dieses Buches.

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In mir drin ist’s bunt von Theresa Bodner, Tyrolia Verlag

Wie kann man Kindern helfen, für das, was im Innersten geschieht, Worte zu finden? In mir drin ist’s bunt, das Bilderbuch der jungen Tiroler Künstlerin Theresa Bodner, stellt sich genau dieser Herausforderung – und meistert sie mit künstlerischer Raffinesse und pädagogischem Fingerspitzengefühl. Erschienen ist das Buch im Tyrolia Verlag.

Im Zentrum des Buches steht ein farbenfroher, collageartig gestalteter Papiervogel, der auf jeder Doppelseite ein anderes Gefühl verkörpert. Ob grantig, verängstigt, aufgeregt oder zufrieden – jede Stimmung wird durch Haltung, Mimik und Farbgebung des Vogels spürbar gemacht. Die Adjektive und kurzen Ich-Aussagen, die jede Seite begleiten, machen emotionale Zustände nicht nur benennbar, sondern auch nachvollziehbar. „Ich trau mich noch nicht“, „Lass mich in Ruhe!“ – solche Sätze sind kindgerecht formuliert und laden zum Wiedererkennen und Mitfühlen ein. Die Bildsprache ist dabei so klar wie lebendig: Die kräftigen Farben der Vögel – Lila, Orange, Blau und Rot – kontrastieren bewusst mit dem ruhigen Hintergrund aus braunem Papier. Diese gestalterische Entscheidung schafft nicht nur visuelle Ruhe, sondern gibt den Emotionen Raum.

Neben Deutsch sind auch Übersetzungen auf Türkisch, Kroatisch-Bosnisch-Serbisch-Montenegrinisch, Englisch und Arabisch enthalten. So wird In mir drin ist’s bunt zu einem verbindenden Medium, das Kinder verschiedener Muttersprachen einlädt, sich mitzuteilen – und gehört zu werden.

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Sorgenfalter von Magda Hassan und Sonja Stangl, Verlag Edition 5Haus

Sorgenfalter, das gemeinsame Werk von Autorin Magda Hassan und Illustratorin Sonja Stangl, nähert sich den Sorgen mit großer Zartheit und gestalterischer Sorgfalt. Das Buch, erschienen im Verlag Edition 5Haus, entstand zum gleichnamigen Song der Band MiA und verbindet Erzählen mit einem künstlerisch-poetischen Zugang. Sonja Stangl ergänzt den Text mit farbstarken, zugleich fein nuancierten Illustrationen. Ihre Bildsprache ist modern, reduziert und doch warm – sie schafft es, Stimmungen zu transportieren, ohne zu überfrachten.

„Aber manche Sorgen sind zu groß, um sie alleine zu falten. Willst du mir beim Falten helfen?“ – dieser zentrale Satz bringt den Kern des Buches auf den Punkt: Sorgen müssen nicht allein getragen werden. Das beiliegende Origami-Faltblatt ist mehr als eine spielerische Zugabe – es macht das Thema greifbar, lädt zur praktischen Auseinandersetzung ein und unterstützt den therapeutischen Impuls des Buches. So ist Sorgenfalter nicht nur ein ästhetisch gelungenes Bilderbuch, sondern auch ein wertvolles Medium für Gespräch, Reflexion und achtsame Praxis – im Familienalltag ebenso wie in pädagogischen Kontexten.

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Gazelle von Heinz Janisch und Michaela Weiss, Verlag Bibliothek der Provinz

„Wenn Lioba traurig ist, verwandelt sie sich manchmal in eine Gazelle. Ihre Traurigkeit fällt dann von ihr ab, mit einer Bewegung, wie ein Mantel aus dunklem Staub.“ Heinz Janisch, der 2024 mit dem Christine-Nöstlinger-Preis und dem Hans Christian Andersen Preis ausgezeichnet wurde, eröffnet in Gazelle mit wenigen, präzise gewählten Worten weite, tiefgründige Erfahrungsräume. Das Buch, erschienen im Verlag Bibliothek der Provinz, wurde 2025 in die Kollektion zum österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis aufgenommen.

In seiner reduzierten, poetisch verdichteten Sprache wird die Traurigkeit nicht erklärt, sondern gespürt – nicht als Defizit, sondern als Ausgangspunkt einer Bewegung. Die Verwandlung in die Gazelle ist kein Fluchtmoment, sondern ein Akt stiller Selbstermächtigung. Was entsteht, ist ein visuell-poetischer Resonanzraum, in dem sich Kinder wie Erwachsene wiederfinden können.

Michaela Weiss gelingt mit ihren feinen, in Blau- und Pastelltönen gehaltenen Radierungen ein Kunststück. Weiss arbeitet mit Leerstellen, mit Unschärfen, mit zarten Konturen – und gerade dadurch entsteht ein Raum, in dem die Betrachtenden ihre eigenen Empfindungen verorten können.

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Der Bär braucht Trost von Sophie Schmid, edition NILPFERD

Mit klarem Blick für kindliche Gefühlswelten erzählt Der Bär braucht Trost von einem Bären, der von einem schwer benennbaren Kummer geplagt wird. Es sind nicht die bekannten Beschwerden – kein Fieber, kein Schnupfen, nicht einmal die tödliche Langeweile. Und doch stimmt etwas nicht. Der Tiger erkennt, was los ist – und gemeinsam mit einer liebevollen Tiergemeinschaft gelingt es, dem Bären das Herz zu erleichtern.

Was dieses Buch aus der edition NILPFERD so besonders macht, ist nicht nur die warmherzige Geschichte, sondern auch die Gestaltung: Die Illustrationen sind behutsam koloriert und atmosphärisch dicht. Sie lassen Raum zum Entdecken, ohne zu überfordern, und laden kleine wie große Betrachter:innen ein, zwischen den Zeilen – und Blicken der Tiere – zu lesen.

Der Text richtet sich an Kinder ab etwa vier Jahren und besticht durch lebendige Dialoge und emotionale Tiefe. Es geht um das Ernstnehmen kindlicher Empfindungen, um die Kraft der Gemeinschaft und um das stille Wunder der Anteilnahme. Es zeigt den jungen Leser:innen, wie man Kummer erkennt – bei sich selbst und bei anderen – und wie heilsam ein liebevoller Blick, ein Stück Kuchen oder das Summen der Bienen sein kann.

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