Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels

Für ein friedliches Miteinander

2025 – Eva Menasse

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, lebt seit 25 Jahren in Berlin. Sie debütierte im Jahr 2005 mit dem Familienroman „Vienna“. Es folgten Romane und Erzählungen („Lässliche Todsünden“, „Quasikristalle“, „Tiere für Fortgeschrittene“), die vielfach ausgezeichnet und übersetzt wurden. Preise (Auswahl): Heinrich-Böll-Preis, Friedrich-Hölderlin-Preis, Jonathan-Swift-Preis, Österreichischer Buchpreis, Bruno-Kreisky-Preis, Jakob-Wassermann-Preis und das Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Eva Menasse betätigt sich zunehmend auch als Essayistin und erhielt dafür 2019 den Ludwig-Börne-Preis. Ihr letzter Roman „Dunkelblum“ war ein Bestseller und wurde in 9 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien der Buchessay „Alles und nichts sagen. Zum Zustand der Debatte in der Digitalmoderne“.

Eva Menasse (c) Wolf-Dirk Skiba

Aus der Jurybegründung

„Eva Menasse ist ein Mensch mit Haltung – im besten Sinne dieses oft überstrapazierten Begriffs. Mit analytischer Schärfe und, wie es in einer Laudatio auf sie so trefflich geheißen hat, mit Unbestechlichkeit, moralischer Integrität und feinem literarischen Gespür widmet sie sich Grundfragen des demokratischen Miteinanders: dem Umgang mit Geschichte, der Macht des Erinnerns, dem Einfluss von Sprache, der Gefahr von Ausgrenzung und der Bedeutung einer offenen, pluralistischen Gesellschaft.

Bereits mit ihrem literarischen Debüt „Vienna“ (2005) gelang es ihr eindrucksvoll, persönliche Biografie und kollektive Erinnerung miteinander zu verweben. Auch in späteren Werken wie „Quasikristalle“ (2013) oder „Dunkelblum“ (2021), ein Roman über das kollektive Schweigen rund um ein Kriegsverbrechen, zeigt sich Menasses herausragende Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Prozesse literarisch anspruchsvoll zu fassen. 

Menasses Engagement endet nicht bei ihrer literarischen, essayistischen und journalistischen Arbeit, ihre Haltung manifestiert sich auch ganz konkret in ihrem persönlichen Handeln. Dieses ist von dem Streben nach Toleranz, Meinungsfreiheit und kritischer Reflexion geleitet, wie bei ihrer politischen Positionierung in kritischen Momenten und beispielsweise bei der Gründung des PEN Berlin 2022, deren erste Vorsitzende sie war.

Mit der Verleihung des Ehrenpreises für Toleranz in Denken und Handeln ehrt der Österreichische Buchhandel eine herausragende Schriftstellerin und eine wichtige öffentliche Intellektuelle. In Zeiten wachsender Polarisierung, politischer Vereinfachung und aggressiver Diskurse erhebt Eva Menasse ihre unverkennbare Stimme – differenziert, unbequem und präzise“.

2024 – David Grossman

David Grossman, 1954 in Jerusalem geboren, ist einer der führenden israelischen Schriftsteller seiner Generation. In seinen Werken beschäftigt er sich mit dem Trauma des Krieges und den Aussichten auf Frieden, sowie mit Liebe, Eifersucht und Familienbeziehungen – darunter sein Debüt-Roman „Stichwort: Liebe“, „Der gelbe Wind“ und sein Bestseller „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Er ist Autor von 14 Romanen, sechs Sachbüchern und 16 Kinderbüchern; seine Werke wurden weltweit in 45 Sprachen übersetzt. David Grossmans Texte sind in internationalen Zeitschriften wie u.a. The New Yorker, The Guardian, De Standaard, Frankfurter Allgemeine Zeitung, The New York Times erschienen, und mehrere seiner Bücher wurden für internationale Bühnen- und Filmproduktionen adaptiert. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören der Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der International Man Booker Prize und der Chevalier de l’Ordre des Artes et des Lettres.

David Grossman (c) Claudio Sforza

Aus der Laudatio

Laudator Lothar Müller (Journalist und Autor) über das Werk des Preisträgers: „Die Formel‚Toleranz in Denken und Handeln‘ im Namen des hier verliehenen Preises ließe sich im Blick auf die Forderungen bedenken, die Kants praktische Vernunft stellt. Sie ruft aber auch das Konzept des ‚Tikkun olam‘ auf, das im Judentum die rabbinische Tradition und die moderne säkulare Welt verbindet. Es meint die Reparatur, die Heilung und Umformung der als versehrt vorausgesetzten Welt. […] Die Handlungsaufforderung des Tikkun olam richtet sich stets an das Individuum. Im Fall des Individuums David Grossman meint sie das Schreiben, die Verwandlung erlebter Geschichte in die Erzählung von fiktiven Figuren. Wer ihn liest, weiß, dass die Reparatur der Welt in seinem Werk der stets zurückweichende Horizont ist. Die Kruste der Erde ist dünn, die Existenz des Landes, dessen Grenze zum Libanon Ora und Avram bei ihrer Wanderung durch Galiläa vor Augen haben, nicht gesichert, die israelische Gesellschaft tief gespalten. In der Kunst, mit den Mitteln des Erzählens, der Literatur, dennoch immer weiter auf diesen zurückweichenden Horizont zuzugehen, hat David Grossman es weit gebracht. Dafür verdient er alles Lob und alle Bewunderung.“

2023 – Philippe Sands

Philippe Sands, geboren 1960, ist Anwalt und Professor für Internationales Recht und Direktor des Centre for International Courts and Tribunals am University College London. Leidenschaftlich setzt er sich für humanitäre Ziele und das Völkerrecht ein. Er formulierte u. a. die Anklage gegen den chilenischen Diktator Pinochet. 2020 erschien von ihm „Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht“, 2017 „Rückkehr nach Lemberg“, das mit dem renommierten Baillie Gifford Prize und dem Wingate Literaturpreis 2016 ausgezeichnet und Buch des Jahres bei den British Book Awards 2017 wurde. Philippe Sands hält weltweit Vorträge, hat an der New York University gelehrt und war Gastprofessor an der University of Toronto, der University of Melbourne und der Universite de Paris 1 (Sorbonne). Er war Präsident des englischen PEN und ist Mitglied des Vorstands des Hay Festival of Artsand Literature.

Philippe Sands (c) Christian Andre Strand

Aus der Laudatio

Laudator Ernst Strouhal (Österreichischer Autor und Universitätsprofessor): ,,Nicht Empathiemangel ist heute das Problem, sondern ein ungelenkter Überschuss an Emotionen, indem alles jederzeit zur Haltung, jede Wortmeldung in Permanenz zur Meinung über alles wird, die Beachtung finden soll. […] Dagegen hält Sands die klare Benennung von Sachverhalten und die kunstvolle Einhegung des Narrativen. Es gelingt ihm seine Geschichte in klare Argumente münden zu lassen, und Anschaulichkeit dort zu erzeugen ohne Komplexität zu reduzieren. Dieser Vorgang ist schwierig, aber in der aktuellen Krise der liberalen Demokratie m.E. notwendiger denn je. (…) Der Autor und Anwalt Philippe Sands ist ein Weltbürger, der sich in die Agenden des Staatsbürgers einmischt. Ein Citoyen im klassischen Sinne der Aufklärung. Streitbar mit klarer Stimme sich artikulierend und einer, der im Zusammenwirken seiner unterschiedlichen Talente Zusammenhänge erzählbar und damit für uns verstehbar macht. Für Ihre Erzählkunst, für Ihr Engagement, für Ihre Klarheit und die Anschaulichkeit der Darstellung möchte ich mich heute bei Ihnen, lieber Philippe Sands, im Namen Vieler bedanken.“

2022 – Miljenko Jergović

Miljenko Jergović, geboren 1966 in Sarajevo, lebt seit 1993 in Zagreb. Er arbeitet als Schriftsteller und politischer Kolumnist und ist einer der großen europäischen Gegenwartsautoren. Studium der Philosophie und Soziologie, Mitbegründer der ›Group 99‹. Er arbeitet für die Wochenzeitung »Nedeljna Dalmacija«, für die er auch aus dem belagerten Sarajevo berichtete. 1990 erhielt er den Veselko-Tenzera-Preis als bester politischer Kolumnist auf dem Gebiet Ex-Jugoslawiens, 1995 wurde er mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis – Sonderpreis (Osnabrück) ausgezeichnet. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet worden.

Miljenko Jergović (c) Miodrag Traiković

Aus der Laudatio

Laudator Michael Martens (Journalist) über das Werk des Autors: „In den Texten von Miljenko Jergović geht es immer wieder um Identitäten, und diese Identitäten wandeln und überlappen sich, setzen sich aus kaum überschaubar vielen Einzelheiten zusammen, sind nicht statisch und können ortsabhängig sein. (…) Diese Vielschichtigkeit fängt Miljenko Jergović in seiner mäandernden Prosa immer wieder brillant ein. Dabei interessiert ihn niemals nur, wie seine Charaktere sind, sondern immer auch, wie sie wurden, was sie sind. Jergovićs Fähigkeit, den Zauber des Alltags in lakonischen Miniaturen zu fassen, macht den zeit- und ortlosen Reiz seiner Prosa aus. Seine Sprache fließt.“

2021 – Navid Kermani

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen in Deutschland, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Mit seiner Dissertation „Gott ist schön: Das ästhetische Erleben des Koran“ sorgte er 1999 für viel Aufmerksamkeit. Für seine Romane, Essays und Reportagen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis sowie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zu seinen aktuellen Werken zählen „Entlang der Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ und „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Im Juli erscheint sein Buch „Morgen ist da“, eine Sammlung seiner bedeutendsten Reden (alle bei C.H. Beck). Seine Sachbücher erscheinen bei C.H. Beck, seine literarischen Werke im Carl Hanser Verlag.

Navid Kermani bei der Verleihung des Ehrenpreises 2021 im Rahmen der Europäischen Literaturtage. (c) Sascha Osaka

Aus der Laudatio

Laudator Diedrich Diederichsen (Kulturwissenschaftler): „Navid Kermanis literarisches Werk durchzieht der Versuch, das Problem andere zu verstehen und zu verstehen, dass man selbst von anderen als anderer gesehen wird, gewissermaßen systematisch, auf der Ebene der poetischen Regie zu entscheiden. Es sind keine hohlen Appelle an Empathie, kein Moralisieren für das warme Einfühlen und gegen die kapitalistische Kälte, sondern syntaktische und poetische Techniken, die das Problem von Selbst und Anderen tiefer legen.“

2020 A. L. Kennedy

A.L Kennedy, 1965 im schottischen Dundee geboren, wurde bereits mit ihrem ersten Roman „Einladung zum Tanz“ (2001) berühmt und zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen britischen Autor:innen. Sie wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2016 den Heine-Preis. Kennedy lebt in Schottland und schreibt u. a. für The Guardian und die Süddeutsche Zeitung.

A. L. Kennedy bei den Münchner Kammerspielen 2023 (c) Amrei-Marie

Aus der Laudatio

Laudatorin Sonja Zekri (Süddeutsche Zeitung): „A.L. Kennedy wird oft beschrieben als Expertin für die abgründigen, auch grausamen Seiten der Liebe, und das ist sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Was damit einher geht, ist ein untrügliches Gespür für Konstellationen der Macht. Der Schwache ist nicht immer hilflos, der Starke nicht immer überlegen. Aber ganz gleich, wer oben und wer unten ist, A.L. Kennedy wird die wahren Verhältnisse mit dem Instinkt eines Lawinenhundes erkennen. Vertrauen wir uns ihr an in ihren Büchern, ihren Texten, ihren Performances. Dann finden wir sicher ans Licht.“