Laudatio von Heinrich Steinfest

„Ein Sittengemälde, dem es wahrlich nicht an Spannung fehlt“

Sehr geehrte Damen und Herren,

in seinem Essay Verteidigung der Detektivgeschichte erklärt Gilbert K. Chesterton, der Autor der Father-Brown-Geschichten: „So stimmt es beispielsweise nicht, dass der Großteil der Bevölkerung schlechte Literatur der guten vorzieht und Detektivgeschichten deshalb mag, weil sie schlecht geschrieben sind. Die bloße Tatsache, dass einem Buch die künstlerische Subtilität fehlt, macht noch nicht beliebt. Kursbücher enthalten wenige Perlen feinen Humors, und doch liest man sie nicht in fröhlichem Kreise an Winterabenden vor. […] Das Problem liegt darin, dass es vielen Leuten nicht klar ist, dass es so etwas wie eine gute Detektivgeschichte überhaupt gibt; für sie ist dies, wie wenn man von einem guten Teufel redete.“

Und später heißt es, und das erscheint mir als der wichtigste Punkt: „Der erste wesentliche Wert der Detektivgeschichte liegt darin, dass sie die früheste und bis jetzt einzige Form volkstümlicher Literatur ist, in welcher sich ein gewisser Sinn für den poetischen Gehalt des modernen Lebens ausdrückt.“

Natürlich schluckt man etwas beim Begriff „volkstümlich“ und doch ist dieser in diesem Kontext so treffend und vor allem positiv wie der Begriff des „poetischen Gehalts“.

Seit Chestertons Essay hat sich freilich viel getan und das Genre des Kriminalromans hat eine breite Auffächerung erfahren und ist wesentlicher Teil des literarischen Kanons geworden, weshalb es mir wichtig erscheint, die Verkürzung „Krimi“ zu meiden und das Roman im Kriminalroman zu betonen, denn nichts weniger sind gute Kriminalgeschichten, eben mit ihrer Fähigkeit, nicht bloß einen „Fall“ zu behandeln und Suspense zu erzielen, sondern das Leben darzustellen: die Psychologie der Figuren, die privaten und gesellschaftlichen Umstände, die ein Verbrechen hervorbringen, die Tragik und Komik der Verhältnisse, die Hoffnungen und Abgründe, die Frage der Moral, der Humor, und ja der „poetische Gehalt modernen Lebens“. Und eben nicht zuletzt die Fähigkeit, einen unverkennbaren schriftstellerischen Stil zu entwickeln, einen Duktus, wie man dies von der Malerei kennt, und sich dann sagen kann: So schreibt nur sie oder er. Genau das, was dann zur Sucht und Sehnsucht bei Leserinnen und Lesern führt, die sich auch an diesem speziellen Duktus erfreuen.

 

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Laudator Heinrich Steinfest; Foto (c) Christopher Mavrič

 

Genau diese Fähigkeit, all die Elemente zu verbinden, die einen gelungenen Roman ausmachen, der ein Kriminalroman ist, und dies in einem unverwechselbaren, nicht austauschbaren Stil, macht die fünf für den Leo-Perutz-Preis nominierten, auf einer kurzen Liste dicht gedrängt stehenden Autor:innen aus. Ich betone das „dicht gedrängt“, weil sie ja in ihrer Qualität ebenbürtig sind.

Müsste ich nun – um Floskeln der Literaturkritik zu vermeiden – diese fünf auf einem gemeinsamen Podest stehenden Bücher mit fünf charakterisierenden und auf diese Weise die Bücher lobenden Gegenständen versehen, dann wären das, und zwar in alphabetischer Reihenfolge nicht der Namen der Autor:innen, sondern der Titel der Bücher (weil wenn wir genau sein wollen, es ja eigentlich das Buch ist, das den Preis erhält): Bei Thomas Raabs Der Metzger gräbt um (erschienen im Haymon Verlag)nein, keins dieser Gartengeräte, für die neuerlich ein österreichischer Muskelmann wirbt, sondern eine Treppe, eine von diesen geschwungenen Treppen, die gleichermaßen elegant wie funktional sind und von denen man einen ausgezeichneten Blick auf eine verrückte Welt besitzt. Bei Petra Hartliebs Freunderlwirtschaft (erschienen im DuMont Verlag) ein Werkzeugkasten, es sich beim Öffnen allerdings herausstellt, dass darin der denkbar umfangreichste Aquarellkasten steckt. Im Falle von Gudrun Lerchbaums Niemand hat es kommen sehen (erschienen im Haymon Verlag) ein massiver, aber auch irgendwie schwebender Wandschrank mit unzähligen Läden, die wie von selbst hervorgleiten und ihren Inhalt preisgeben, sobald man das richtige Wort nennt. Bei Ursula PoznanskisTeufels Tanz (erschienen bei Droemer Knaur) ein aus österreichischem Besitz stammender Mercedes-Silberpfeil mit einer verdammt guten Flasche Weißwein im erstaunlicherweise gekühlten Handschuhfach. Sowie im Falle von Annemarie Mitterhofers Wiener Enzianmord (erschienen im Gmeiner Verlag) eine unheimlich schöne und unheimlich unheimliche Samttapete.

Die Autor:innen mögen mir diese zutiefst persönlichen Assoziationen verzeihen, aber sie sollen ausdrücken, wie sehr allen fünf Titeln etwas eigen ist, was den genannten Gegenständen eigen ist: Perfektion.

 

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Die Nominierten (v.l.n.r.) Annemarie Mitterhofer, Thomas Raab, Gudrun Lerchbaum, Ursula Poznanski mit Siegerin Petra Hartlieb, HVB-Präsident Benedikt Föger, Leiterin des Literaturreferats der Stadt Wien, Heide Kunzelmann und Laudator Heinrich Steinfest. Foto (c) Christopher Mavrič

 

Petra Hartlieb erhält den Leo-Perutz-Preis 2025 für ihren Kriminalroman Freunderlwirtschaft.

Ganz fair ist es ja nicht. Kritikerin, Literaturvermittlerin, Podcasterin und Buchhändlerin, für viele geradezu die Buchhändlerin, und dann schreibt sie auch noch Bücher, anstatt die einfach nur zu verkaufen. Aber sie kann es eben, die Petra Hartlieb. Und was für Bücher! Etwa das so erfolgreiche Meine wundervolle Buchhandlung oder die Cottage-Reihe mit ihrer Verbeugung vor den Jahreszeiten.

Als ich ihr das erste Mal begegnete, war dies in der wahrscheinlich überfülltesten Straßenbahn aller Zeiten auf dem Weg vom Leipziger Buchmessegelände zurück in die Stadt – heiß, stickig, feucht, ich mit meiner verdammten Platzangst in einem klaustrophoben Worst Case –, da zog sie mich, ohne dass ich wusste, wer sie war, mit einer Kollegin freundlich in eine Art menschlicher Schutzhülle: eine wienerische Schutzhülle im fremden Leipzig. – Das war die Zeit, als Petra Hartlieb als Autorin noch „Bielefeld & Hartlieb“ hieß, und auch wenn ich später dachte, das sei ein Pseudonym unter Verwendung einer angeblich gar nicht existierenden deutschen Stadt, handelte es sich um die „vier Fälle“, die zusammen mit Claus-Ulrich Bielefeld entstanden und die bei Diogenes erschienen.

Und so ist Petra Hartlieb mit Freunderlwirtschaft, diesmal ohne schreibenden Begleiter, zum Kriminalroman zurückgekehrt.

Freunderlwirtschaft ist nun mehr als ein Politkrimi – das auch, keine Frage –, er ist aber vor allem ein sprachlich gelungener Text, der die Autorin als gekonnte Erzählerin auszeichnet. Man merkt ihr eben an, dass sie in verschiedenen Genres zu schreiben versteht. Das tut diesem Buch gut. Hartlieb erzählt und nimmt uns mit in eine Fiktion, die die österreichische Realität ins Überdeutliche spiegelt. Dabei bewegt sich die Geschichte auf der Oberfläche der Ereignisse, um dann in die Abgründe vorzudringen, auf denen diese Oberfläche fußt. Dazu gehört eine präzise Figurenzeichnung (auch der Nebenfiguren), glaubwürdige Dialoge, ein genaues Recherchieren der Realitäten, nicht zuletzt Humor und einprägsame Sprachbilder, wenn etwa dank eines glücklichen Irrtums aus einem „bedenklichen Todesfall“ ein „Todesfall zum Denken“ wird. Dazu gehört auch, dass sich die Erzählerin Zeit lässt, die Familiengeschichten und das Private einzelner Figuren zu beleuchten, was zum Verständnis dieser Figuren wesentlich beiträgt. Wozu sie sich eines gut dosierten Perspektivwechsels bedient, beziehungsweise eines gut dosierten Wechsels zwischen Dialogen und der Erzählstimme. Was aus alldem entsteht, ist ein Sittengemälde, dem es wahrlich nicht an Spannung fehlt, ohne dass aber der Spannung die Erzählkunst geopfert wird.

Daneben erfahren wir, dass Oberösterreicher nicht charmant sind, lernen ein klein wenig Finnisch, erfreuen uns an der messerscharfen Skizzierung eines Bundeskanzlers oder an Szenen, die man wohl als Metaebene verstehen kann, wenn über das Verhältnis von Thrillern, wo am Ende die Bösen draufzahlen, und einer thrillerartigen Wirklichkeit, wo genau das nicht der Fall ist, gesprochen wird. Oder die Kundin in der Krimiecke einer Buchhandlung erklärt „keinen Politkram“ zu wollen, „lieber einen echten Psychokrimi, was richtig Grausliches“.

Nein, grauslich ist Freunderlwirtschaft tatsächlich nicht, aber es zeigt das Grauen auf, in das der korrumpierte Mensch unrettbar gerät. Und schafft es, mit literarischen Mitteln eine grausame Wirklichkeit einzufangen.

Wenn ich mir noch eine Randbemerkung erlauben darf, mir ist aufgefallen, wie unglaublich viel Kaffee in diesem Roman getrunken wird, zur Not auch „dünnes Gebräu aus einem Automaten“ oder ein großes Glas Milchkaffee für den Bundeskanzler, das „aussieht wie aus einem Barista-Lehrbuch“. – Ist das nun speziell wienerisch, diese Kaffeesucht, die mitunter etwas Stabilisierendes an sich hat, so, wie anderswo grüner Tee oder das obligate Glas Whisky? Der Kaffee hat keine Bedeutung, außer dass alle ihn begehren, aber er besitzt etwas von einem Ornament, ein Schnörkel, der so manches Gespräch einleitet.

Wie gesagt, was diesen Roman neben aller Spannung auszeichnet, ist seine Genauigkeit in der Darstellung der Orte, der Menschen und ihrer Handlungen oder Unterlassungen, sowie der Dinge, die eben nicht bewiesen werden können, so offensichtlich sie auch sein mögen. Darum ja Literatur, um das Unbeweisbare mit den Mitteln literarischer Schöpfung zu beweisen.

 

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Petra Hartlieb signiert ihren Siegertitel – Freunderlwirtschaft, erschienen bei DuMont. Foto (c) Christopher Mavrič

 

Im Stück Heldenplatz lässt Thomas Bernhard seinen Professor Robert klagen:

„Was die Schriftsteller schreiben/ist ja nichts gegen die Wirklichkeit/jaja sie schreiben ja dass alles fürchterlich ist/dass alles verdorben und verkommen ist/dass alles katastrophal ist/und dass alles ausweglos ist/aber alles das sie schreiben/ist nichts gegen die Wirklichkeit/die Wirklichkeit ist so schlimm/dass sie nicht beschrieben werden kann/noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit so beschrieben/wie sie wirklich ist/das ist das Fürchterliche.“

Nun, vielleicht hat Professor Robert nicht ganz recht und man kann die Wirklichkeit eben doch beschreiben, mit den Mitteln der Fiktion, mit den Mitteln eines tief in die Wirklichkeit eindringenden Kriminalromans – und das wäre dann nicht das Fürchterliche, sondern das Erlösende.

Ich gratuliere Petra Hartlieb zum Leo-Perutz-Preis 2025.

 

Text: Heinrich Steinfest

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Preisträgerin Petra Hartlieb und Laudator Heinrich Steinfest bei der Verleihung des Leo-Perutz-Preises im Wiener Café Landtmann Foto (c) Christopher Mavrič
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