Sprache ist ein zentraler Bestandteil von Identität, Sozialisation und gesellschaftlichem Zusammenleben. Sie ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch Grundlage für Geschichten, Zugehörigkeit und Selbstverständnis. Wer mehrsprachig aufwächst, lebt oft gleichzeitig in mehreren kulturellen Lebenswelten. Im Schuljahr 2022/23 – dem aktuellsten Jahr mit verfügbaren Daten der Statistik Austria – betrug der Anteil der Schüler:innen mit nicht-deutscher Umgangssprache 26,3 Prozent. Trotz ihrer von sprachlicher Vielfalt geprägten Lebensrealität haben diese Kinder und Jugendlichen nach wie vor ein höheres Risiko, gesellschaftliche Ausgrenzung oder Unsichtbarkeit zu erfahren. Das Risiko eines geringeren Bildungserfolges oder auch ein erschwerter Zugang zu kulturellen Angeboten geht damit unweigerlich einher. Ob Diversität in einer Gesellschaft tatsächlich anerkannt wird, misst sich daran, ob ihre mehrsprachige Realität sichtbar gemacht und wertgeschätzt wird.
Diversität in der Kinderliteratur bedeutet daher nicht nur, unterschiedliche Hautfarben oder Familienformen darzustellen, sondern auch, sprachliche Vielfalt abzubilden. Dazu gehören Figuren, die selbstverständlich mehrere Sprachen sprechen, Bücher, in denen nicht-deutsche Begriffe ohne Erklärung auftauchen, oder auch mehrsprachige Ausgaben, die nicht nur als Mittel zum Spracherwerb im Deutschunterricht gedacht sind. Wenn Mehrsprachigkeit auch in der qualitätsvollen Kinderliteratur und in deren Vermittlung wertgeschätzt wird, stärkt das Anerkennung, Selbstbewusstsein und Chancengleichheit – zentrale Anliegen von zeitgemäßen, inklusionsorientierten Pädagogik- und Kulturangeboten.
Die Ressource Mehrsprachigkeit in der migrationsgeprägten Gesellschaft dürfen wir als Erwachsene, die als Autor:innen, Illustrator:innen, Verleger:innen, Vermittler:innen oder (erweiterte) Familienmitglieder das verfügbare Kinderbuchangebot mitprägen, demnach nicht länger ungenutzt lassen. Mehrsprachigkeit ist nicht nur ein Teil von Diversität, sondern ihr Maßstab: Wird Vielfalt wirklich ernst genommen, dann spiegelt sie sich in letzter Konsequenz auch in der Gestaltung und Vermittlung von Kinderliteratur wider. Mehrsprachigkeit ist eine große gesellschaftliche Ressource und macht Diversität hör- und lesbar – so ermöglicht sie es nicht nur Kindern sich gesehen, gehört und verstanden zu fühlen.
Text: Stefanie Schlögl
