Selbstverständlich vielfältig
Wie können Buchhandlungen eine Atmosphäre schaffen, in der sich alle willkommen fühlen? Diese und viele weitere Fragen diskutierten Bestsellerautor Thomas Brezina, Leykam-Programmleiterin Tanja Raich, Thalia Geschäftsführerin Andrea Heumann sowie Bereichsleiter Martin Sarrazin am 10. Juni 2025 bei Thalia auf der Mariahilfer Straße in Wien.
Thomas Brezina präsentierte seinen ersten queeren Roman, Liebe ist niemals normal, erschienen im Verlag edition a. Die Idee dazu begleitete ihn schon länger – und bekam durch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen neue Dringlichkeit: „Ich wollte dieses Buch schon sehr lange schreiben. In den letzten ein bis eineinhalb Jahren habe ich auf Social Media, wo ich auch viel über mich und meinen Mann erzähle, besonders viele Zuschriften erhalten. Vor allem junge Menschen haben mir geschrieben, dass die homophobe Stimmung schlimmer wird, dass die Angriffe zunehmen – auch in Form verbaler Entgleisungen – und dass viele große Schwierigkeiten in ihren Familien erleben.“

Seine persönlichen Erfahrungen führten Brezina zu einem zentralen Gedanken über Diversität: „Ich glaube, es gibt einen Begriff, der bei Diversität so wichtig ist: Selbstverständlich muss es sein.“ Die häufig verwendete Formel „Das ist ja heute ganz normal“ findet er nicht richtig: „Sorry, nein, ich war nie abnormal und ich bin auch jetzt nicht normal. Ich bin, wie ich bin. Und Millionen andere sind, wie sie sind.“ Diese Selbstverständlichkeit, so Brezina, sollte sich auch in der Buchhandlung spiegeln – etwa in der Art, wie queere Literatur präsentiert wird. Braucht es dafür eigene Tische und Regale, oder sollte sie ganz selbstverständlich im allgemeinen Sortiment einsortiert sein? Diese Frage beschäftigt viele Buchhändler:innen.
Dass Sichtbarkeit gezielt hergestellt werden muss, betonte Martin Sarrazin, Bereichsleiter Vertrieb bei Thalia: „Mir kam der Gedanke, dass es wie bei einer Demokratie ist – die macht sich nicht von alleine. Die muss immer und immer wieder erkämpft werden. Wir müssen im Gespräch bleiben.“

Brezina schlussfolgerte, dass eine Kombination aus beidem ideal sei: „Ich finde, ein LGBTQ-Regal hat nach wie vor absolut seine Berechtigung – gerade auch als Einstiegshilfe für Menschen, die gezielt nach queerer Literatur suchen.“ Gleichzeitig plädiert er dafür, diese Bücher nicht nur separat zu präsentieren, sondern auch dort einzusortieren, wo sie thematisch und literarisch hingehören – etwa bei Romanen, sortiert nach Autor:innen. Diese doppelte Präsenz ermögliche einerseits Orientierung, andererseits aber auch „die Selbstverständlichkeit, dass queere Literatur Teil des gesamten Sortiments ist.“
Bei Thalia setzt man auf kleine Buchsticker, um queere Inhalte für die Leser:innen sichtbar zu machen. Bücher mit queerer Thematik werden mit einem Sticker in Pride-Farben versehen, als dezentes Signal an Interessierte.
Buchhandlungen als Safe Spaces
Ein weiterer wichtiger Punkt der Diskussion war die Rolle der Buchhandlung als sicherer Ort. Viele Menschen erleben Anfeindungen – auch im Alltag beim Einkauf. Umso wichtiger sei es, Haltung zu zeigen, betonten alle Teilnehmer:innen des Gesprächs.
Die Reaktionen auf Pride-Tischpräsentationen seien nicht immer nur positiv, so Sarrazin: „Wir führen Dialog, aber wir setzen auch Grenzen. Unsere Buchhandlungen sind Safe Spaces. Wer herabwürdigend handelt, verliert sein Gastrecht.“
Diversität in der Verlagsbranche
Auch auf Verlagsseite tut sich einiges in Richtung Inklusion, Sichtbarkeit und Repräsentation. Tanja Raich, Programmleiterin beim Leykam Verlag verantwortet das Literaturprogramm des Verlags mit einem Fokus auf soziale Gerechtigkeit, LGBTQ-Themen und Inklusion.
Gerade in der Programmplanung sieht sie eine große Verantwortung: Welche Stimmen werden gehört, welche Geschichten erzählt, welche Bilder vermittelt? Raich erinnerte sich an ihre eigene Lesesozialisation in der Schule und im Studium: eine Liste literarischer Klassiker mit nur wenigen weiblichen Autorinnen, schon gar nicht von People of Color, queeren Menschen oder marginalisierten Gruppen. Um diese Lücke zu füllen, setze sie im Verlag gezielt auf vielfältige Perspektiven – nicht nur bei den Autor:innen, sondern auch bei Illustrator:innen, Lektor:innen und allen, die an einem Buchprojekt beteiligt sind.
Ein wichtiges Werkzeug dabei seien Sensitivity Readings, Briefings, Schulungen – und die Bereitschaft, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Wichtig sei auch, Impulse von der jüngeren Generation anzunehmen: „Wir lernen wirklich viel von unseren jungen Praktikant:innen – ich liebe das. Alle drei Monate kommen neue Menschen zu uns, die einen frischen Blick in unsere Branche mitbringen. Ich denke, dass wir auch im Team dadurch wachsen und durch die neue Generation viel dazulernen und uns weiterentwickeln. Das ist für mich auch das Schöne an der Buchbranche: Wenn ich mich ausruhen und immer das Gleiche machen würde, wäre ich am falschen Platz.“
Auch Serien wie Heartstopper oder Sex Education auf Netflix hätten in den letzten Jahren gezeigt, wie selbstverständlich Diversität erzählt werden kann.
Welten erweitern
Besonders im Kinderbuchbereich sieht Raich eine große Hebelwirkung. Deshalb achtet Leykam auch auf inklusive Sprache, etwa durch Gendersternchen – trotz wiederkehrender Kritik Einzelner, etwa auf Plattformen wie Amazon.
Tanja Raich berichtet, dass es außerdem einen Unterschied in der Nachfrage in ländlichen Gegenden gibt: „Wir bekommen von unseren Vertreter:innen rückgemeldet, dass wir zunehmend ein urbanes Publikum bedienen und es schwieriger wird, unsere Bücher am Land, in den Provinzstädten zu verkaufen.“ Eine wichtige Rolle würden hier die Buchhändler:innen spielen: „Ich glaube, es ist wichtig, dass es vielfältige Empfehlungen gibt.“
Wie prägend eine erweiterte Perspektive, auch auf Verlagsseite, sein kann, berichtete Brezina zu seiner mittlerweile ikonischen Kinderbuchreihe: Er machte in der Knickerbocker-Bande ein Mädchen zum Kopf der Detektivgruppe – ein Novum in den 1990er-Jahren. Damals galt das als gewagter Schritt: „Die Verleger haben mir gesagt, das ist der vorprogrammierte Flop“, erinnert sich Brezina. „Ich habe darauf bestanden.“ Die Resonanz und der Erfolg der Reihe gaben ihm schließlich recht: „Heute schreiben mir viele junge Frauen, dass das für sie eine wichtige Sache war.“
*Quelle: media control GmbH, erhoben im Auftrag von Thalia, Stand: 10.06.2025
