100 Jahre Linde Verlag

„Die Verschiebung hin zum Digitalen ist unaufhaltsam“

Herr Kornherr, der Linde Verlag feiert 2025 sein 100-jähriges Jubiläum Was ist das Erfolgsgeheimnis, um so lange am Markt zu bestehen?

Der Linde Verlag hatte immer schon einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Das setzt aber auch voraus, dass man den richtigen Zugang hat – also die Informationen so aufbereitet, wie sie die unterschiedlichen Zielgruppen tatsächlich brauchen.

Dafür braucht es einen engen, direkten Draht zu den Entscheidungsträgern. Und genau das zeichnet den Verlag aus: Viele Kolleginnen und Kollegen, die das Programm mitgestalten, verfügen über solche Kontakte – ob in Ministerien, Behörden, Universitäten oder Unternehmen. Dazu kommt die Leidenschaft für den persönlichen Austausch mit unseren Autorinnen und Autoren.

 

Tortenanschnitt Klaus Kornherr und Benjamin Jentzsch
Linde-Geschäftsführer und Eigentümer Benjamin Jentzsch und Geschäftsführer Klaus Kornherr auf der Jubiläumsfeier © Linde Verlag

 

Der Linde Verlag ist sehr multimedial unterwegs – und hat vergleichsweise früh mit der Digitalisierung begonnen.

Das stimmt. Bei den Webinaren etwa waren wir wirklich sehr früh dran. Wir haben damit schon lange vor der Pandemie begonnen und waren technologisch entsprechend gut aufgestellt. Der Umstieg von Präsenz- auf Online-Formate war für uns deshalb überhaupt kein Problem – wir hatten das längst in der Praxis erprobt. Das war definitiv ein Vorteil. Man hat damals auch gesehen, dass viele andere erst später nachgezogen haben. Insofern würde ich sagen: Wir hatten hier durchaus eine gewisse Vorreiterrolle.

Sie arbeiten im Moment auch an einer KI-Lösung. Was genau ist hier geplant?

Im Herbst letzten Jahres haben wir unsere Linde-Datenbank LinDa, die Weiterentwicklung der Linde Digital Plattform, mit vielen neuen Features, gelauncht. Für unsere Rechercheplattform LinDa wird es eine integrierte KI-Lösung geben – einen digitalen Recherche-Assistenten. Damit kann man besonders relevante Treffer finden, komprimierte Informationen abrufen und sich beispielsweise Zusammenfassungen erstellen lassen. Wichtig sind dabei die Quellenhinweise, also die Information, woher die Inhalte stammen. Wir nutzen ausschließlich Inhalte aus der Linde-Datenbank, das ist ein geschlossenes System. Außerdem wird es Hinweise auf Judikatur und weitere rechtliche Quellen geben. Im Juni starten wir mit einem „Friendly Customer Test“, bei dem ausgewählte Nutzerinnen und Nutzer die Lösung ausprobieren können. Bis Ende des Jahres soll die KI-Lösung dann für unsere Kundinnen und Kunden verfügbar sein.

Gerade in Verlagen wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz häufig mit Skepsis betrachtet. Sehen Sie die KI als Chance?

Wir sehen KI jedenfalls als Chance – wenn auch nicht uneingeschränkt. Wir arbeiten ausschließlich mit Inhalten, die von uns selbst erstellt wurden. Da keine externen Quellen eingebunden werden, besteht auch nicht die Gefahr, dass Inhalte generiert werden, die nicht korrekt sind.

Wir haben außerdem verschiedene KI-Lösungen selbst getestet, auch ich persönlich habe einige ausprobiert. Und jetzt sind wir bei einem Modell angekommen, bei dem ich sagen kann: Das kann man mit gutem Gewissen an die Kundinnen und Kunden weitergeben.

Wie entwickelt sich der Anteil digitaler Produkte im Vergleich zu Print?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil wir viele Kombinationen im Verlag haben. Zum Beispiel ist Print und Digital oft eine Kombination, etwa im Zeitschriftenbereich. Aber wenn ich jetzt Digital, also auch die Webinare dazu zähle, die teilweise hybrid sind, dann schätze ich den Anteil digitaler Produkte auf etwa 45 Prozent.

Was waren Ihre größten Learnings bei der digitalen Transformation?

Was wir, glaube ich, alle unterschätzt haben, ist die Geschwindigkeit der Entwicklung. Das war wirklich enorm. Was man sicherlich auch unterschätzt hat, ist die Komplexität – vor allem die Schnittstellenproblematik und das Thema Datentransfer sowie Datenmigration, damit die Systeme überhaupt lernen und funktionieren können.

Das ist mit erheblichem Kosten- und Ressourcenaufwand verbunden. Man muss dabei sehr gut planen. Gerade bei einer so komplexen Materie ist es wirklich schwierig, sowohl zeitliche als auch finanzielle Rahmenbedingungen verlässlich zu erfüllen.

Ein großes Thema sind auch Speicher und Stromverbrauch.

Ja, auf jeden Fall. Es kann nicht jede KI-Lösung mit einem unbegrenzten Datenvolumen arbeiten. Natürlich, wenn ich unendlich viel zahlen kann, dann schon – aber das ist nicht leistbar.

Wie positioniert sich Linde im Vergleich mit anderen Fachverlagen?

Was uns sicherlich auszeichnet – und da sehe ich schon einen Unterschied zu anderen –ist unsere starke Spezialisierung im Steuerrecht. Das ist ganz klar unsere Hauptzielgruppe, und mit der SWK haben wir seit nun einem Jahrhundert das Leitmedium im Markt.

Darüber hinaus verfügen wir in bestimmten Rechtsgebieten über eine sehr ausgeprägte Themenerweiterung, also ein Programm, das in der Tiefe sehr stark ist. Und wir haben auch ein internationales Fachprogramm, was viele unserer Partner – ich sage bewusst Partner, nicht Mitbewerber – in dieser Form nicht anbieten.

Außerdem bieten wir unseren Kundinnen und Kunden bei unseren Zeitschriften die Möglichkeit der Wahl: Sie können sich entweder nur für die Printausgabe, nur für die Onlineversion oder für eine Kombination aus beidem entscheiden. Bei unseren Büchern bieten wir jetzt eine sogenannte Print-Digital-Kombination an. Man kauft das Buch – nicht im Abo, sondern einmal, und hat dann auch die digitale Version dabei, ohne Bindung. Dabei handelt es sich um ein neues Produkt, das wir im letzten Jahr eingeführt haben, und das recht erfolgreich ist. Ich denke, da wird es bald Nachahmer geben – aber das gehört dazu.

 

1925 gründen Kommerzialrat Paul Linde (im Bild) und Hans Jentzsch den Industrieverlag Spaeth und Linde in Wien. Im gleichen Jahr erscheint die erste Ausgabe der Österreichischen Steuer- und Wirtschaftszeitung. © Linde Verlag

 

Wie hat sich der Fachverlagsmarkt in den letzten Jahren verändert?

Aus meiner Sicht ist das Poolen um Autorinnen und Autoren deutlich schwieriger geworden. Der Markt ist sicher umkämpfter als früher.

Was sich ebenfalls verändert hat, ist, dass das Lizenzgeschäft deutlich zugenommen hat. Das heißt, wir als Verlag lizenzieren interessante Bücher von anderen – und umgekehrt. Das hat es früher praktisch nicht gegeben. Inzwischen haben wir mit fast allen Fachverlagen ein gutes Einvernehmen. Wir stellen zum Teil sogar gemeinsame Bibliotheken zusammen, zum Beispiel mit Facultas. Wir haben aber auch Bücher von Manz und LexisNexis – Da hat sich vieles gelockert.

Auch Spezialisierung spielt eine immer größere Rolle. Das Wissen wird kleinteiliger, und die Menschen wünschen sich komprimierte Informationen. Sie haben schlicht weniger Zeit – die Inhalte müssen kurz und prägnant sein. Diese tausenden Seiten, das funktioniert heute einfach nicht mehr so gut.

Was sich sicher auch verändert hat, ist die zunehmende digitale Affinität der Zielgruppe. Es ist wirklich erstaunlich, mit welchen Tools heute gearbeitet wird. Wir haben dazu auch schon entsprechende Lösungen am Markt. Ich glaube, in diese Richtung wird sich der Verlag noch stärker bewegen müssen.

In Bezug auf das Mediennutzungsverhalten Ihrer Kund:innen: Welche Veränderungen bemerken Sie hier?

Eine Veränderung ist ganz klar, dass zunehmend digitale Formate gefragt sind. Die Verschiebung hin zum Digitalen ist unaufhaltsam.

Zusätzlich bin ich überzeugt, dass auch für den Berufsalltag digitale Werkzeuge bereitgestellt werden müssen, die gewisse Routinearbeiten übernehmen. Ich glaube, dass gewisse Prozesse in den Kanzleien durch KI erledigt werden können. Der Vorteil dabei ist, dass die Zeit, die dann zur Verfügung steht, wieder in die Spezialisierung und in eine bessere Beratung fließen kann.

Bemerken Sie aktuelle Trends bei den Themen? Ich denke da an KI-Regulierungen oder EU-Themen.

Ja, also EU- und internationale Themen sind auf jeden Fall stärker gefragt – das ist ganz klar. Wir selbst sind in diesen Bereichen auch gut aufgestellt, die Bücher laufen gut.

Wo man etwas beobachten kann, ist im Sachbuchbereich: Da habe ich den Eindruck – auch wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage –, dass die Leute selektiver kaufen. Da vor allem Ratgeber, die ihnen ganz konkret im Alltag weiterhelfen.

(K)ein Pfusch am Bau ist so ein Beispiel. Der Titel verkauft sich extrem gut, weil er typische Fehler beim Hausbau sehr einfach erklärt. Oder ein anderes aktuelles Beispiel: Geregelte Finanzen im Alter. Zuerst waren wir in der Redaktion etwas skeptisch, aber dann dachten wir uns: Warum eigentlich nicht? Wenn man an die eigenen Eltern denkt, wie sie mit Finanzen umgehen – da sieht man schnell, das Informationsbedarf vorhanden ist. Wir haben das Buch im größeren Format produziert, leichter lesbar – und es kommt sehr gut an. Sehr gefragt sind nach wie vor alle Themen rund um Vermietung. Und natürlich das SteuerSparBuch, das ist nach wie vor ein Klassiker, jetzt auch verfügbar mit einer neuen App, Mei Marie. Was den breiteren Markt betrifft, bei Büchern „just for fun“ – da sehe ich im Moment eher Zurückhaltung.

Wie gelingt es, in diesen spezifischen Themenfeldern immer up-to-date zu bleiben?

Das ist in erster Linie eine Frage der guten Vernetzung. Man braucht Medien, die sichtbar sind und gelesen werden. Denn genau dadurch kommen auch die Anfragen von außen, die wir regelmäßig erhalten.

Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf den Redakteurinnen und Redakteuren in den jeweiligen Medien. Wenn diese gut positioniert sind – etwa indem sie direkt im Finanzministerium oder Justizministerium tätig sind, als Legisten arbeiten oder aus führenden Kanzleien, Unternehmen oder Universitäten kommen –, dann haben sie den Anspruch, stets aktuell und qualitativ hochwertig zu arbeiten.

Kurz gesagt: Vernetzung ist das Um und Auf. Das bedeutet auch, zu Veranstaltungen zu gehen, zu networken.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für den Linde Verlag?

Sie spielt bei der Produktion eine wichtige Rolle. Wir achten darauf, dass unsere Druckereien umweltzertifiziert sind. Auch bei großen Veranstaltungen achten wir darauf, dass sie als Green Events organisiert werden. Auch bei unserer Jubiläumsfeier haben wir das berücksichtigt.

Im Unternehmen selbst gibt es zudem ein sogenanntes Green Team, das sehr aktiv ist. Die Kolleginnen und Kollegen halten uns damit auch gut auf Trab. Sie bringen viele Vorschläge ein – von kleinen Maßnahmen, die sich leicht umsetzen lassen, bis hin zu größeren Optimierungen, das ist wirklich großartig. Natürlich müssen wir dabei auch die finanziellen Aspekte im Blick behalten, aber schon einiges wurde erreicht.

Zu den Zukunftsplänen des Verlags: Welche Themen- oder Geschäftsfelder könnten in den nächsten Jahren dazukommen?

Die darf ich Ihnen natürlich noch nicht verraten (lacht). Was ich sagen kann: Wir arbeiten derzeit an mehreren neuen Geschäftsmodellen, in denen wir uns intensiv mit der Zukunft von Print und Digital auseinandersetzen.

Wir wollen dabei auch ganz neue Wege gehen – zum Beispiel Produkte auf eine andere Art darstellen oder erlebbar machen. Die Frage, ob das gedruckte Buch bleibt, stellt sich dabei natürlich immer wieder. Meine Antwort darauf ist ganz klar: Ja. Viele Menschen bestätigen uns, dass das haptische Erlebnis eines Buches nach wie vor sehr geschätzt wird.

Wir müssen uns aber auch mit Zukunftsfragen beschäftigen – und tun das bereits. Wie wird unsere Zielgruppe in 15 Jahren arbeiten? Wie verändern sich Berufsbilder? Wie wird Wissen künftig vermittelt? In diesem Bereich wird es ein dynamisches Wachstum geben – und wir müssen uns anstrengen, um hier Schritt zu halten.

Auch Nachhaltigkeit wird weiter an Bedeutung gewinnen. Umwelttechnik und Recht werden ebenfalls stärker in den Fokus rücken. Und nicht zuletzt: Compliance.

Was sind Ihre persönlichen Wünsche für die Entwicklung des Verlags?

Zunächst einmal wünsche ich mir, dass der Verlag auch in den nächsten 100 Jahren in einem wirtschaftlich stabilen Umfeld bestehen kann – und dass uns unsere Leser:innen weiterhin treu bleiben. Gleiches gilt für unsere Autor:innen, Vortragenden und Geschäftspartner. Ich würde mir sehr wünschen, dass diese Beziehungen bestehen bleiben – genauso wie unser Team. Dass es den Kolleg:innen gut geht, sie zufrieden sind und kreativ arbeiten können.

Ich wünsche mir auch, dass künftig kluge Entscheidungen getroffen werden, die dem Unternehmen weitere Entwicklungssprünge ermöglichen – und dass das aktuelle Managementteam in dieser Konstellation erhalten bleibt. Es ist ein kleines, sehr gut harmonierendes Kernteam. Ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu den Eigentümern ist ebenfalls wesentlich. Die Familie Jentzsch hat, seit sie den Verlag 1989 übernommen hat, immer einen sehr sozialen Zugang gepflegt. Ich wünsche mir sehr, dass diese Tradition fortgesetzt wird. Wir haben großartige Betriebsausflüge, sehr gute Sozialleistungen – das findet man in dieser Form nur selten. Das kostet natürlich, aber wir bekommen es zurück: durch einen starken Teamgeist.

Und ganz offen gesagt – mein persönlicher Wunsch ist auch, dass wir ein Familienunternehmen bleiben. Diese kurzen Entscheidungswege, die Möglichkeit, schnell zu handeln, spontane Ideen unkompliziert umzusetzen – das gelingt in dieser Form nur in einem Familienbetrieb.

Vielen Dank für das Interview!

Klaus Kornherr gelb kreis
(c) Linde Verlag
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