Seit 2014 gehört Ueberreuter zu G&G. Gibt es einen persönlichen Moment oder ein Projekt aus Ihrer Zeit mit Ueberreuter, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ein Projekt, das besonders in Erinnerung geblieben ist, war, als der Carlsen Verlag auf uns zugekommen ist und uns die Marke „Ritter Rost“ zum Kauf angeboten hat. Der Carlsen Verlag hatte damals eine neue Heimat für die Ritter Rost Bücher gesucht und war der Meinung, dass diese sich am besten in unser Annette Betz Programm einfügen würden. Das erfüllt einen schon mit Stolz, wenn man als Verlag von einem der Big Player auf dem deutschen Markt so anerkannt wird und diese Möglichkeit bekommt. „Ritter Rost“ ist ja in vielen Familien sehr bekannt und beliebt. Bei der Übernahme durften wir dann auch gleich das 25-jährige Jubiläum von „Ritter Rost“ anpreisen. Das war zusätzlich ein schöner Aufhänger und Start für die Marke bei Ueberreuter.
Welche Themen und Entwicklungen prägen das Kinder- und Jugendbuchsegment derzeit besonders stark?
Der Markt für Kinder- und Jugendbücher ist unglaublich dynamisch. Er spiegelt sehr stark wider, was junge Generationen beschäftigt — von gesellschaftlichen Umbrüchen bis hin zu digitalen Hypes. Im Kinderbuchsegment (ca. 2-11 Jahre) merken wir, dass spielerische Vermittlung von Werten, Alltagskompetenzen und das Aufbrechen alter Muster im Vordergrund stehen. Themen wie Achtsamkeit, Mental Health & Gefühle sind gefragt (bspw. Thema Wut, Ängste, Resilienz). Oder auch Vielfalt und Miteinander (bspw. Diversität und Inklusion im Alltag).
Aber auch Natur- und Zukunftsthemen werden wieder interessanter. Für die ganz Kleinen sind Pop-up Bücher wieder modern geworden, auch hier haben wir mit den beliebten „Mumins“ den Platz gut gefüllt. Für Leseanfänger oder „Lesemuffel“ gibt es auch den Trend zu „Comic-Romanen“. Da haben wir mit unserem Buch „Alles Safe – Ein Comic-Buch“ genau auf diesen Trend reagiert und das hat auch gut funktioniert. Wir starten speziell für das erste Lesen bei Ueberreuter auch eine neue Reihe, „Gefährlich gut lesen“. Die neuen Erstlesebücher sind mehr als leicht zu lesen, Kinder sollen Lust auf Sprache bekommen, wecken Lesefreude, trauen ihnen etwas zu und stärken so das Selbstbewusstsein. Sie sind eben „gefährlich gut“.
Im Jugendbuchsegment (ab ca. 12 Jahren) ist es so, dass diese Altersgruppe massiv durch Plattformen wie TikTok (#Booktok) gesteuert wird. Dies führt zu einer Fokussierung auf bestimmte Genres und Ästhetiken (z.B. Farbschnitte aller Art, besondere Ausstattungen). Hier nehmen Themen wie Romantasy, Cozy Settings und Feel Good-Bücher eine große Stellung ein. Bis hin zu Dark Mystery & Thriller. Auch hier spielen wir bei Ueberreuter mit. Vor allem bei Cozy Crimes, wie bspw. „Ein Mörder auf der Gästeliste“. Mit dem Bestseller „Der Regenzaubermarkt“ decken wir auch Feel Good-Fantasy ab oder sogar das Genre Thriller mit „Little Deadly Secrets“, das kommenden Herbst erscheint. Bewusst springen wir nicht zur Gänze auf den New Adult-Hype, der aktuell herrscht, auf, sondern spezialisieren uns bewusst auf die klassischen Jugendbücher, für die es ja jetzt wieder eine Lücke gibt. Diese füllen wir gerne und mit Freude.
„Das kleine Böse Buch“ umfasst bereits zahlreiche Bände. Was macht interaktive Buchformate aus Ihrer Sicht attraktiv für junge Leser:innen?
„Das kleine Böse Buch“ (ab 8 Jahren) ist unser absoluter Spitzenreiter und umfasst aktuell 17 Bände (die normalen Bände + Rätselbücher/Beschäftigung + Adventskalenderbücher + das KBB-Spezial) und zwei Spielkartensets. Das kann sich schon sehen lassen. Nicht umsonst haben wir letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse 2 Millionen verkaufte Bücher dieser Reihe gefeiert. Ein richtiger Meilenstein kann man sagen.
Ausschlaggebend dafür ist mit Sicherheit, dass diese Buchreihe ein interaktives Buchformat ist. Dies begeistert vor allem Jungs sehr und bringt sie sogar weg von den Playstations. Weil das Konzept dieser Reihe einfach so wahnsinnig viel Spaß macht und nebenbei auch das Mitdenken und logische Denken fördert. Interaktive Buchformate üben auf junge Leser:innen eine ganz besondere Faszination aus. Im Gegensatz zu traditionellen Texten, verwandeln sie das Lesen in ein aktives Erlebnis. „Das kleine Böse Buch“ ist genau das Richtige für Lesemuffel. Sie werden mit diesen Büchern in ihrer Lebenswelt abgeholt. Der natürliche Spiel- und Entdeckertrieb wird bewusst eingesetzt, um die Brücke zur Lesekompetenz zu schlagen.
Damit die etwas älteren Kids aber nicht zu kurz kommen, gibt es auch „Die Bösen Bücher“ (ab 11 Jahren). Da sind die Texte und Rätsel noch anspruchsvoller, also für all diejenigen, die eine noch größere Herausforderung suchen.
Wie haben sich die Ansätze der Leseförderung in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Inwiefern muss man heutigen jungen Leser:innen als Verlag anders begegnen als früher?
Anfang der 2000er haben die ersten PISA-Studien die Branche wachgerüttelt, gleichzeitig kamen aber die ganzen Technologien auf den Markt (Internet, Handys, Gaming-Konsolen, etc.). Da haben die Verlage dann gemerkt, dass die Lesekompetenz sinkt und das Buch seinen Status als Standard-Freizeitbeschäftigung verliert. Dem musste man natürlich rasch entgegenwirken. Und es hat sich bis heute eigentlich nicht wirklich geändert. Mehr denn je, müssen wir unsere Programme, aufgrund der stetig wachsenden Vielfalt technologischer Angebote, die eine starke Konkurrenz zum haptischen Buch darstellen, immer wieder anpassen und so attraktiv wie möglich gestalten.
Um Kinder und Jugendliche heutzutage zum Lesen zu bringen, muss man völlig anders auf sie zugehen, als noch vor 20 oder 30 Jahren. Das liegt vor allem daran, dass das Buch seine Rolle als „Monopolist“ für spannende Geschichten an das Smartphone oder Streaming-Dienste „verloren“ hat. Heute müssen Verlage jungen Leser:innen auf Augenhöhe, ohne erhobenen Zeigefinger und extrem pragmatisch begegnen. Unterhaltung statt Belehrung, Häppchen statt Textwüsten, Interaktion statt passivem Konsum, Community statt Einsamkeit.
Und damit Kinder früh zum Buch greifen, muss man als Verlag sowohl bei den Eltern, als auch bei den Kindern selbst den Nerv trefen. Deswegen ist Leseförderung so wichtig.
Man muss sich als Elternteil früh damit beschäftigen. Denn wer lesen kann, wird sich in Zukunft dann auch mal weiterbilden können. Und für dieses Lesen lernen und den Spaß am Lesen entdecken haben wir unsere Reihen konzipiert. Zum einen „Das kleine Böse Buch“ und zum anderen die ganz neue Reihe zum ersten Lesen „Gefährlich gut lesen“. Damit hoffen wir als Verlag einen guten Beitrag zum Thema Leseförderung zu leisten.
Wie stehen Sie zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Produktion von Kinder- und Jugendbüchern?
Wir arbeiten selbstverständlich intern mit der Künstlichen Intelligenz (zu Recherchezwecken, für Zusammenfassungen, zum Brainstormen, etc.), da sie in vielen Bereichen ohnehin im Hintergrund implementiert ist. Aber wir setzen sie keinesfalls im Illustrativen oder Textlichen (Manuskripte!) ein, weil wir hier auf die ungeschlagene Kreativität unserer Urheber:innen setzen, die die KI so nicht abdecken kann und wird, ganz nach unserem Motto, das auch in unseren Büchern zu finden ist:
„Bücher von Menschen für Menschen – in diesem Buch stecken zu 100% Kreativität und keine KI.“
Welche Zukunftspläne und strategischen Ziele verfolgen Sie mit Ueberreuter in den kommenden Jahren?
Bei Ueberreuter haben wir bereits begonnen, uns im digitalen Sektor stark zu machen, in dem wir vor 1 ½ Jahren selbst eine „Story Game“-App („ueber stories“) entwickelt haben, basierend auf unserer Bestsellerreihe „Flüsterwald“. Hier können Kinder selbst entscheiden, welchen Lauf die Geschichte nehmen soll („Choose your own adventure“). Damit wollen wir auch Leseförderung und sinnerfassendes Lesen Kindern auf einem anderen Weg näherbringen und damit auch in den Vordergrund rücken.
Wir möchten die Kinder, die hauptsächlich an ihren Smartphones oder Tablets hängen, abholen und zum Lesen bewegen. Im besten Fall sind sie von der App dann so begeistert, dass sie die Bücher zu „Flüsterwald“ lesen möchten. Die App ist selbstverständlich so konzipiert, dass wir auch andere Buchserien unseres Hauses abbilden können. Die Reihe „Zauberakademie Siebenstern“ ist bereits integriert. Wir sind schon sehr gespannt! Ein weiterer Plan ist es, unsere App in andere Sprachräume zu bringen, z.B. Spanisch oder Englisch. Das ist ja im Digitalen recht einfach möglich. Dies wäre ein nächster großer Schritt, den wir anstreben.
80 Jahre Ueberreuter. Das muss gefeiert werden, oder?
Wir freuen uns sehr über den runden Geburtstag des Ueberreuter Verlags, den wir ab Juni ordentlich feiern. Und wir feiern doppelt: Auch der Carl Ueberreuter Verlag in Wien hat Geburtstag, wir freuen uns auf das Autor:innenfest, das anlässlich des runden Geburtstags im September stattfindet!
Vielen Dank für das Interview!
Über den Ueberreuter Verlag
Gegründet wurde das Unternehmen 1946 in Wien als Carl Ueberreuter Verlag. Verlagsheimat des Kinder- und Jugendbuchprogramms sowie des Bilderbuch-Imprints Annette Betz ist seit 2012 Berlin.
Zu den Autor:innen des Verlags zählen unter anderem Markus Orths, Rüdiger Bertram, Andreas Suchanek, Oliver Schlick, Andreas Langer, Silke Heimes, Meike Harel, Iva Procházková und Magnus Myst.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Verlags.
