Österreichischer Buchhandlungspreis 2025

„Das ist ein total urbanes Konzept, mit dem wir hier mitten am Land Fuß gefasst haben“ – Verlagsbuchhandlung Kurdirektion

Was die Kurdirektion auszeichnet, ist nicht nur ihr Sortiment, sondern vor allem ihre Atmosphäre. Das liege – so die Betreiber:innen – an einem Raumkonzept, das im ländlichen Raum selten zu finden sei. Regale, Möbel und Lichtsysteme sind bewusst gestaltet, um einen Ort der Offenheit zu schaffen. „Ich liebe diesen Moment, wenn Leute zum ersten Mal zur Tür hereinkommen und erst einmal zwei Minuten stehen bleiben und sich umschauen – mit sichtlicher Verwunderung im Gesicht“, so de Goederen.

Das Team der Kurdirektion umfasst zehn Mitarbeiter:innen – eine für eine Buchhandlung dieser Größe beachtliche Zahl, die sich durch den integrierten Gastronomiebetrieb erklärt. De Goederen legt bei den Mitarbeiter:innen Wert auf Flexibilität: „Mir ist wichtig, dass alle von allem ein bisschen was können. Jeder sollte in der Lage sein, ein Buch zu kassieren, und natürlich ist es auch nicht schlecht, wenn die Buchhändlerinnen und Buchhändler auch einen Kaffee machen können.“

Die Kurdirektion versteht sich als kultureller Treffpunkt für die Region – ein Ort, der wichtige Infrastruktur im Stil eines Kulturzentrums bietet. Mehrmals pro Woche gibt es Lesungen, Konzerte oder Vorträge. Das Café, täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet (außer sonntags), hat sich zum beliebten Treffpunkt entwickelt: „Ich glaube, es gab ein großes Bedürfnis der ländlichen Bevölkerung im Tourismusgebiet nach einem Ort, an dem man ungezwungen sein kann und sich Zeit lassen darf, einen Kaffee trinken und in angenehmer Atmosphäre etwas besprechen kann.“

(c) Verlagsbuchhandlung Kurdirektion

Das Buchangebot ist sorgfältig kuratiert und spiegelt die Überzeugungen der Betreiber:innen wider. Regionalkrimis oder Bestseller sucht man hier vergeblich. Stattdessen liegt der Fokus auf österreichischer und internationaler Belletristik, anspruchsvoller Kinder- und Jugendliteratur sowie Sachbüchern mit politischer, historischer oder ökologischer Relevanz. Besonders wichtig sind Cerwenka und de Goederen die kritische Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte und dem Nationalsozialismus. Auch Literatur von Autorinnen nimmt einen zentralen Platz ein: Rund 80 Prozent der Bücher stammen von Frauen. „Wir sind der Meinung, dass die spannendste Literatur momentan von Frauen kommt.“

Die Kurdirektion versteht sich nicht als Konkurrenz zu großen Ketten, sondern als bewusste Ergänzung – mit „Dingen, die man beim Thalia 150 Meter weiter vielleicht nicht findet“. Der Zuspruch sei groß. Manche Kund:innen nehmen weite Wege auf sich: „Teilweise kommen die Leute aus Linz oder Salzburg nach Bad Ischl, um hier einzukaufen, weil sie sagen: Jedes Buch ist da kaufenswert.“ Was Einrichtung und Sortiment betrifft, beschreitet die Buchhandlung im ländlichen Raum bewusst ungewohnte Wege: „Jeder Vertreter, der zu uns kommt, glaubt zunächst, wir seien – gemessen an unserem Sortiment – eher eine Buchhandlung aus dem siebten Bezirk in Wien. Das ist ein total urbanes Konzept, mit dem wir hier mitten am Land Fuß gefasst haben.“

„Soziale Medien sind eher unsozial“, findet de Goederen. Dementsprechend spielt Social Media für die Buchhandlung kaum eine Rolle. Stattdessen setzt man auf Mundpropaganda: „Das ist halt ein Vorteil am Land – da ist das Getratsche einfach schneller, als Facebook je sein könnte.“

Die meisten Kund:innen sind Stammgäste, viele kennt man persönlich. Bei der Beratung seien die Buchhändler:innen bewusst zurückhaltend: „Weil wir glauben, dass die meisten selbstständig in der Lage sind – und es auch sein wollen –, einfach zu schmökern.“ Wer möchte, kann sich mit einem Stapel Bücher ins Café setzen, einen Kaffee bestellen und in Ruhe lesen. Neben Einheimischen kommen auch viele, die ein Ferienhaus in der Gegend besitzen, in die Buchhandlung. Das Publikum ist insgesamt – bedingt durch die Demografie Bad Ischls – im Schnitt etwas älter. Den bzw. die klassische Tourist:in möchte die Kurdirektion bewusst nicht ansprechen: „Das ist keine Richtung, in die wir arbeiten möchten, indem wir Postkartenständer oder Wanderführer vor die Tür stellen. Das sind auch Kundinnen und Kunden, die in der Regel nicht wiederkommen.“

Für die Zukunft wünschen sich die Betreiber:innen der Kurdirektion nur wenig Veränderung. Ein kleiner Umbau für mehr Platz ist eventuell angedacht – ansonsten dürfe alles so bleiben, wie es ist: ein Ort, an dem Bücher, Menschen und Ideen Raum finden – mitten in Bad Ischl.

Kurdirektion (c) Wolfgang Stadler
Das Team der Verlagsbuchhandlung Kurdirektion v.l.n.r.: Sandro Frischmuth, Johanna Linschinger, Sinah Cerwenka, Tanja Cerwenka, Irene Falkensteiner, Ulrike Schimpl, Gabi Stadler, Noel Schmidinger, Gerda Pilz, Alexander de Goederen; Foto (c) Wolfgang Stadler
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