In ihrem Roman „Zitronen“ erzählt Valerie Fritsch in einer außergewöhnlich verdichteten Sprache die Geschichte von August Drach, einem Jungen, der in einer von Gewalt und Missbrauch geprägten Familie aufwächst. Der Vater schlägt ihn, die Mutter lebt an ihm ihr Münchhausen-Syndrom aus; August überlebt nur knapp. Valerie Fritsch gelingt es überzeugend, die psychische und physische Gewalt, die August erfährt, in eine sensible und zugleich eindringliche Erzählweise zu übertragen. Ihre Prosa besticht durch eine hohe ästhetische Qualität: Jeder Satz ist sorgsam komponiert, und die symbolische Tiefe der Bilder entwickelt einen Sog, dem sich die Leser:innen nicht entziehen können. Fritschs Darstellung von Augusts Leiden ist jedoch nicht kalt, sondern voller poetischer Momente, die den Roman so eindrücklich machen.
Valerie Fritsch erzählt in einer Weise, die in aller Dunkelheit noch einen Funken Hoffnung aufblitzen lässt – etwa im Titelmotiv der Zitronen. Der Roman gibt keine einfachen Antworten auf die Frage, ob ein Ausbruch aus einem Leben möglich ist, in dem Liebe und Grausamkeit unlösbar ineinander verwoben sind. Stattdessen gibt Fritsch ihren Leser:innen Raum, dies selbst zu ergründen. In „Zitronen“ verhandelt sie existenzielle Themen auf literarisch höchst anspruchsvolle und emotional bewegende Weise. Mit diesem Roman beweist Valerie Fritsch, dass sie zu den herausragenden Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt.
