Scheinbar harmlos beginnt es für das fünfjährige Ich mit Papas väterlicher Zärtlichkeit und gemeinsamer Märchen- und Zauberwelt, bis das „Einhorn“ gerieben werden will und der „Zauberstab“ sich in die „Zauberritze“ versenkt – immer und immer wieder. In Versform verdichtet, hält Katharina Winklers herausragender Text die Perspektive der Tochter durch, vom Kind bis zur jungen Frau – und zieht uns so hinein in jenen perfiden Triple Bind, in den die Täter-Väter ihre Opfer vertwisten. Sie verbinden sexuelle Gewalt mit liebender Zuneigung und der Verschwörung im gemeinsamen ‚Geheimnis‘. Wer es zu lüften, sich zu befreien sucht, ‚lügt‘. Die Brandmauer der Verleugnung ist stärker. Keine Rettung, nirgends. Wie massiv die Traumatisierung ist, lässt uns Katharina Winkler – meisterhaft erschreckend – mit ihrer Ich-Figur erleben. Die sich ritzt und selbst bestraft, deren Beziehung scheitert, die ihr Kind abtreibt aus Angst, der Missbrauch wiederhole sich. Die, ein letzter unerträglicher Twist, als letzte Angehörige den dementen Vater pflegt, der nichts und nie gesteht. Ausgerechnet ein Märchen, das die Autorin in den Titel und in den Text ‚eingefädelt‘ hat, bringt am Ende dann doch die Aussicht auf Befreiung: Was dem kleinen Däumling mit den Siebenmeilenstiefeln gelingt, kann dem Ich mit seinem Siebenmeilenherz gelingen.
